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Bamberg
Asyl

Flüchtlingsfamilie aus Bamberg zwischen Hoffen und Bangen

Jeden Abend gehen sie mit Ungewissheit ins Bett: Kommt am nächsten Morgen die Polizei? Eine in Bamberg lebende Roma-Flüchtlingsfamilie soll abgeschoben werden. Ihre letzte Hoffnung ist eine Petition an den Landtag.
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Liridona (Mitte) mit ihrer Familie: Sie wissen nicht, ob sie hier bleiben dürfen. Was sollen sie im Kosovo? Die Mutter Lidjia hat schließlich die meiste Zeit in Franken verbracht.  Foto: Ronald Rinklef
Liridona (Mitte) mit ihrer Familie: Sie wissen nicht, ob sie hier bleiben dürfen. Was sollen sie im Kosovo? Die Mutter Lidjia hat schließlich die meiste Zeit in Franken verbracht. Foto: Ronald Rinklef
Liridona ist jetzt acht Jahre alt. Sie ist ein fröhliches, aufgewecktes Mädchen. Sie macht Sport, geht gerne schwimmen - ihr gefällt es hier. In der Gangolfschule, wo das Mädchen den Unterricht besucht, hat es Freunde gefunden. Zuhause auch. Zuhause, das ist die Asylbewerberunterkunft an der Breitenau. Hier hatte sie eine ihrer engsten Freundinnen. Doch die ist weggekommen. Vor zwei, drei Monaten - irgendwann musste die Familie gehen. Sie wurde abgeschoben. Liridona ist traurig, wenn sie daran denkt.

In der Gangolfschule aber taut sie auf, sagt Schulleiter Norbert Bocksch. "Als Liridona kam, war sie sehr zurückhaltend und hat nicht gesprochen." Doch nach einem Jahr sei das anders geworden. Liridona spielt inzwischen mit den anderen Kindern und ist interessiert. Der Pädagoge fürchtet, dass sich das schnell ändern könnte. Liridonas Zuhause - es ist zerbrechlich.
Denn das Mädchen soll mit seiner Familie ebenso abgeschoben werden, wie die Familie der Freundin, die längst weg ist. In deren Wohnung lebt inzwischen jemand anderes.

Brief an den Landtag

In Deutschland ist klar geregelt, wer asylberechtigt ist. Da geht es um harte Fakten, etwa, ob jemand politisch oder rassistisch verfolgt wird, aus einem unsicheren Land stammt. Weiche Faktoren zählen dabei in den meisten Fällen nicht. Wie zum Beispiel: Hat jemand einen emotionalen Bezug zu Deutschland, etwa zur Region Franken? So jemand hat kaum eine Chance zu bleiben. Unter die zweite Kategorie fällt Liridonas Familie. Doch laut Gesetz sind die Asylbewerber ausreisepflichtig. Sie müssen zurück in den Kosovo, wo sie herkommen.

"Um Liridona würde es mir leid tun!", sagt Schulleiter Bocksch. Er hat einen Brief an den Petitionsausschuss des Landtags geschrieben: Die Familie soll bleiben dürfen. Hier in Deutschland, hier in Bamberg. Liridona, ihre Mutter Lidjia, ihr Papa Beqim, ihre Brüder Ali und Ibrahim und ihre kleine Schwester Djejlan sind seit knapp zweieinhalb Jahren in Bamberg. Seitdem kennen sie auch Nadja Kutscher. Die 30-Jährige engagiert sich bei "Freund statt fremd" für die Familie. Sie hilft bei Fragen rund um Arztbesuche und Kindergartenplätze für die kleinsten Geschwister von Liridona. "Gar nicht so einfach", sagt die Politikstudentin. Sie fragt sich, ob die ganze Mühe jetzt umsonst war.

Seitdem im Dezember 2014 klar war, dass die Familie rechtlich nicht in Deutschland bleiben darf, hat Nadja Kutscher eine Petition beim zuständigen Ausschuss des Landtags eingereicht. Die Abschiebung ist zunächst gestoppt. Laut Ausländeramt der Stadt Bamberg ist diese - zumindest nach offizieller Auskunft - für den Zeitraum der Petition ausgesetzt. Ein Entgegenkommen aus Respekt vor der Entscheidung des Parlaments. Gebunden ist die Behörde daran jedoch eigentlich nicht.

Liridonas Mutter Lidjia Bisljimi selbst weiß nicht, ob sie hoffen oder bangen soll. Die 27-Jährige fühlt sich als halbe Deutsche. Kein Wunder: Sie hat, seitdem sie fünf Jahre alt war, in Deutschland gelebt. Bis 2004. Dann wurden ihr Vater und ihre ältere Schwester, die 18 war, abgeschoben. Lidjia war damals 16, hatte in Kronach ihren Hauptschulabschluss gemacht und steckte mitten in der Ausbildung zur Näherin. Dann stand sie vor der Entscheidung: Mitgehen oder bleiben? Der Vater war schwer herzkrank. "Was sollte ich tun?" Lidjia ging mit ihm zurück. 2007 starb der Vater. Er war 43. Und Lidjia wollte seitdem wieder in den Westen. Nachvollziehbar. Ihre gesamte Familie, sieben Geschwister, Mutter und Onkel leben heute hier. Sie will nach Deutschland. Schließlich haben Roma im Kosovo keinen leichten Stand.

Kein sicheres Zuhause

Im Jahr 2012 dann klappt es mit dem Wunsch: Lidjia und ihre Familie reisen nach Deutschland. Sie kommen nach Bamberg in die Unterkunft in der Ludwigstraße. Dort muss sich die Familie eine Wohnung mit einer anderen Flüchtlingsfamilie teilen. Inzwischen wohnen sie in der Breitenau. Die sechsköpfige Familie hat zwei Räume, eine Küche und Bad für sich - immerhin ein wenig mehr Intimsphäre. Die Familie hat sich eingerichtet, so dass sie sich alle einigermaßen wohlfühlen. Es ist eine eigene kleine Wohnung, das schon, aber kein sicheres Zuhause.

Jeden Abend geht die Familie mit einem beklemmenden Gefühl ins Bett: Steht am nächsten Morgen die Polizei vor der Tür? Müssen wir gehen? "Kann das jetzt auch passieren?", fragt Lidjia Bisljimi Nadja Kutscher, die neben ihr auf dem Sofa sitzt. Die schaut Lidjia an. Ihr Blick sagt: Sie weiß es nicht, aber momentan wohl nicht. Doch was ist, wenn die Petition negativ ausfällt, wenn sie gehen müssen?

Entscheidung im April?

Wie Anton Preis, Pressesprecher des bayerischen Landtags, bestätigt, ist die Petition beim zuständigen Ausschuss des Landtags eingegangen. "Eine Stellungnahme vom Innenministerium ist angefordert", sagt Preis. Bei solchen Verfahren ist das der normale Weg.

Im März wird die Stellungnahme dann im Parlament erwartet, darin wird die Ablehnung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf) dargelegt sein. Voraussichtlich im April - nach Ostern - wird sich der Petitionsausschuss mit dem Fall der Familie auseinander setzen können. Bis dahin bleibt die Ungewissheit bestehen, ob die Familie überhaupt eine Chance haben wird, hier zu bleiben.

Dabei würde die achtjährige Liridona so gerne weiter in Bamberg leben. "Was sollen wir im Kosovo?", fragt das Kind ihre Mutter. Die zuckt nur mit den Schultern. Sie weiß es selbst nicht.



Petition Alle Bewohner Bayerns haben das Recht, sich schriftlich mit Bitten und Beschwerden an die zuständigen Behörden oder an den Landtag zu wenden.

Erfolgsaussichten Für Asylverfahren sind die Bundesbehörden zuständig. Eine Petition beim Landtag hat deshalb meist wenig Erfolg. In seltenen Fällen kann durch die Anstrengung - etwa eines Wohlfahrtsverbandes - die Härtefallkommission des bayerischen Innenministeriums eine Bundesentscheidung kippen.

Unterschriften Neben der Petition am Landtag hat Nadja Kutscher von "Freund statt fremd" auch eine Unterschriftensammlung im Internet gestartet. Die Online-Petition gibt es auf freundstattfremd.de.
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