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Migration

Flucht ins Ferienparadies: Nürnberg - Tarifa und ein etwas anderer Reisebericht

Vom Flughafen Nürnberg aus ans Mittelmeer. Aber hier herrscht nicht nur Urlaubsstimmung. Hier landen Flüchtlingsboote. Können wir unseren Urlaub so noch genießen?
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Flüchtlingsleid am Hafen von Tarifa: Die Menschen wurden vom spanischen Seerettungsdienst in der Straße von Gibraltar gerettet (links). Rechts: Urlaubsidylle an der Costa de la Luz: Palmen, Sand, Sonnenuntergang - so ruhig kann ein Tag am Strand von Tarifa enden.  Fotos:  Marcos Moreno, dpa, und  Natalie Schalk
Flüchtlingsleid am Hafen von Tarifa: Die Menschen wurden vom spanischen Seerettungsdienst in der Straße von Gibraltar gerettet (links). Rechts: Urlaubsidylle an der Costa de la Luz: Palmen, Sand, Sonnenuntergang - so ruhig kann ein Tag am Strand von Tarifa enden. Fotos: Marcos Moreno, dpa, und Natalie Schalk
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Die Passagiere des Fluges FR8813 der Ryanair von Malaga nach Nürnberg haben reichlich Gelegenheit, zu quatschen. Die Maschine startet mit gut eineinhalbstündiger Verspätung. Zentimeter für Zentimeter werden Rollkoffer vorangeschoben, auf eine Warteschlange folgt die nächste. Verunsicherte Blicke auf die Fluginformations-Monitore; die Franken kommen ins Gespräch. Sie erzählen von Traumurlauben an der touristisch hochfrequentierten Costa del Sol, von Rundfahrten durch Andalusien, von den vergleichsweise beschaulichen Stränden der Costa de la Luz. "Ach, in Tarifa ward ihr? Lustig. Wir auch!", plaudert eine Nürnbergerin. Am Gepäckband erinnert sie sich an die paar Tage, die sie und ihr Mann in der Windsurferstadt verbracht haben. "Aber da ist's ja so schön. Da wollen wir unbedingt noch 'mal länger hin."


Asylpolitik und Fußball sind Thema im Ferienflieger

Einige der Spanienurlauber diskutieren auf der Rückreise nach Nürnberg über Fußball, andere über Asylsuchende. Den meisten ist dabei nicht bewusst, wie nah sie dem Kern der aktuellen europäischen Flüchtlingspolitik gekommen sind.


14 Kilometer: die EU in Sichtweite

Ein paar Tage zuvor hatten sich Hunderte Migranten auf den Weg übers Mittelmeer gemacht. Wie so oft in diesem Sommer. Nur 14 Kilometer sind es von Marokko bis Tarifa, die Küsten liegen in Sichtweite voneinander entfernt. Aber durch die Straße von Gibraltar schippern riesige Pötte, die See ist rau und die Schlauchboote der Flüchtlinge zum Teil von der Art, die auch viele Familien in Franken kennen. Wir planschen damit auf Baggerseen herum, mit vier Leuten an Bord. Nicht mit 20. Und nicht dort, wo der Wind so krass, die Wellen so hoch und das Meer so wild und schön ist, dass für Windsurfer aus aller Welt nur Fuerteventura und Hawaii damit konkurrieren können.


Eine Geschichte vom Rand Europas

Coole Bars, coole Musik, gechillte Urlaubsatmosphäre, diese spezielle Surferseele des Ortes - die südlichste Stadt Europas ist ein perfekter Urlaubsort. Mit kleiner Fischfabrik, kilometerlangem Strand, historischer Altstadt und einer großen und einer kleinen Burg, die von Jahrhunderten europäisch-afrikanischer Geschichte zeugen.
Das jüngste Kapitel wird gerade geschrieben: Es erzählt vom Rande Europas, wo die Sehnsüchte der Wohlstandsurlauber und die Zukunftsträume der Flüchtlinge einander streifen.


Das Nadelöhr

Tarifa, die nach einem Berber benannte Stadt, liegt an Europas Nadelöhr. Der engsten Stelle der Straße von Gibraltar. Vom spanischen Strand aus ist Afrika nur eine hübsche Kulisse hinterm Meer. Aber von der marokkanischen Küste aus gesehen ist die EU hier zum Greifen nah für Westafrikaner, die es durch Wüste und korrupte Regionen bis hierher geschafft haben.
Was sind da schon 14 Kilometer Wasser? Einige der baggerseetauglichen Schlauchboote kenterten, laut Seenotrettung wurden 825 Flüchtlinge gerettet. Vier Menschen zogen die Spanier tot aus dem Wasser.


Einen Tag später liegt der Hafen ruhig im sanften Licht des Südens

Wird das den Urlaub am Meer grundlegend verändern? Die Überlebenden wurden vom spanischen Roten Kreuz versorgt und notdürftig in Turnhallen untergebracht. Ihre Ankunft, der Tod von vier Menschen - bereits einen Tag später ist davon in Tarifa kaum etwas zu sehen. Der Hafen ruht im klaren, sanften Licht des Südens. Zwischen Dutzenden Kajütenbooten, einer Art Fahrschulschiff und den traditionellen Schiffchen der Fischer schaukelt ein rotes Schiff mit der Aufschrift "Salvamento Marítimo": Die "Arcturus" gehört zur Seenotrettung in der Straße von Gibraltar.


Was wird aus den Migranten?

Im Jahr 2018 kamen bisher übers Mittelmeer nur halb so viele Flüchtlinge wie im gleichen Zeitraum 2017, aber Spanien hat Italien als Hauptankunftsland abgelöst. Die "Arcturus" ist im Dauereinsatz, war auch vor einer Woche dabei, als binnen drei Tagen 1400 Flüchtlinge in der Straße von Gibraltar aufgesammelt wurden, was nun eine neue Diskussion über die europäische Flüchtlingspolitik angestoßen hat.


Der Weg über die Balkanroute und der über Italien

Manch einer glaubt, Spanien sei zum Ziel der Schlepper geworden, weil es das Flüchtlings-Rettungsschiff "Aquarius" nach der tagelangen Irrfahrt im Mittelmeer aufgenommen hatte. Aber das Problem besteht schon länger. Entscheidend ist die Blockade der Balkanroute über Griechenland und die Abschottung Italiens.
Die Kurzzeitunterkünfte und provisorische Einrichtungen im Süden Spaniens sind inzwischen übervoll. Die EU-Kommission will das Land nun zusätzlich mit mehreren Millionen Euro unterstützen.
Der spanische Außenminister Josep Borrell von der neuen sozialistischen Minderheitsregierung appelliert allerdings, die Situation nicht überdramatisch zu sehen. Er fordert, zu einer langfristigen Migrationspolitik müsse auch die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas gehören. Es kursiert die Zahl von 50 000 Afrikanern, die in Marokko auf die Überfahrt warten. "So lange manche in Europa glauben, ein dickes Vorhängeschloss würde ausreichen, bekommen wir keine gute Migrationspolitik zusammen."


Einwanderungsland Spanien

Spanien ist traditionell ein Einwanderungsland. Lateinamerikaner und Afrikaner gehören zur Gesellschaft. Irgendwie. Es gibt Migranten, die es geschafft haben, wie der Senegalese, der in Tarifa in einem winzigen Ladengeschäft handgearbeitete Korbflechterei in afrikanisch-bunten Farben anbietet. Es gibt diejenigen, die sich als Tagelöhner auf Plantagen verdingen, die uns mit billigem Obst und Gemüse beliefern. Es gibt Drogenverkäufer und Raubkopierer.
Wer hinsieht und -hört, bekommt mit, was vorgeht. Ein Beispiel. Ein Straßencafé in Sevilla: Ein junger Afrikaner versucht, an die Touristinnen am Nebentisch illegal gebrannte CDs mit spanischer Popmusik zu verscherbeln. Die Damen - allesamt wohl einiges über 60 Jahre alt - lehnen dankend ab, bieten ihm aber Geld, damit er über Nacht in ihr Hotelzimmer kommt. Er überlegt. Nicht lange. Für 100 Euro macht er's.


Migranten in der Straße von Gibraltar sind nicht neu

Das Ausmaß ist neu, aber die Tatsache, dass Migranten über die Straße von Gibraltar kommen, nicht. Schon in den 1980er Jahren überquerten illegale Einwanderer das Meer. Und dass Badeurlauber am Strand von Flüchtenden überrascht werden, die aus einem Schlauchboot springen und wegrennen? So befremdlich dieses extreme Aufeinandertreffen der Welten auch ist - das haben Touristen in Südspanien bereits vor zwei Jahren mit ihren Handys gefilmt. Genau wie die Bilder der Afrikaner am Hafen von Tarifa sind es Momentaufnahmen. Meist sehen die Urlauber wenig von diesen Menschen. Sie bleiben nicht an der Küste.
An der Oberfläche herrscht nach wie vor Mittelmeeridylle. Wer bei der Internetplattform Instagram aktuelle Fotos aus Tarifa sucht, findet Bikinischönheiten und Strandpromenade. Alles wie immer. Wenn die Billig-Airline nicht gerade komplett streikt, fliegen Touristen für 150 Euro von Nürnberg nach Andalusien und zurück. Und in den Warteschlangen wird vom Traumurlaub geschwärmt.

Lesen Sie hier "Mythen und Fakten zur Flüchtlingskrise". Die wichtigsten Fragen sachlich beantwortet von Migrationsexpertin Petra Bendel von der FAU Erlangen-Nürnberg.


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