D ämonisch, diabolisch, blutsaugend - oder äußerst sozial, liebenswert und nützlich? Kaum ein Tier ruft so unterschiedliche Assoziationen hervor wie die Fledermaus. In China gilt sie als Symbol für Glück und Gewinn, in Ostindonesien wird sie als vampirartiges Wesen gefürchtet. Überwiegend negativ gesehen wurde das nachtaktive Flattertier seit der Antike auch in Europa. Kein Wunder, dass die Mehrzahl der Fledermausarten in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Arten geführt wird. Dagegen will Christian Söder etwas tun.

Söder hat auf ungewöhnliche Art Bekanntschaft mit Fledermäusen gemacht. Als er mit seiner Familie ins alte Pfarrhaus eines Kitzinger Ortsteils zog, wunderte er sich des Nachts über seltsame Geräusche auf dem Dachboden. Gespenster schloss er aus - und legte sich auf die Lauer. Wenig später war klar: Schon vor ihm hatten Graue Langohren die Vorzüge des alten Hauses für sich entdeckt.

Da der Biologielaborant von jeher sehr naturinteressiert ist, wollte er alles über die Tiere wissen. Das Thema Fledermaus ließ Söder nicht mehr los, im Lauf der Jahre wurde er zum Experten:"Ihr zweifelhafter Ruf liegt an ihrer versteckten, heimlichen Lebensweise. Sie kriechen in Spalten und Ecken, verbergen sich hinter Fensterläden, fliegen nur nachts. Sie sind jedoch keineswegs bösartig, sondern im Gegenteil: Es gibt kaum sozialere Tiere!" Söder initiierte Projekte zum Schutz der bedrohten Nachtjäger; eines davon ist der Fledermauswein.

Keine Angst: Fledermäuse sind am Weinausbau nur indirekt beteiligt. "Fledermauskot, Guano genannt, ist ein sehr guter organischer Dünger", stellt Söder fest. "Da er eigentlich nur aus Panzerteilen von Insekten besteht, ist er voller Stickstoff und Phosphor - perfekt, um zum Beispiel Weinstöcke damit zu düngen." Gesagt, getan: Söder und seine Helfer transportierten säckeweise Guano - den sie in Kirchen und alten Pfarrhäusern gesammelt hatten - in einen Weinberg von Michael Völker in Kitzingen. Die Trauben gediehen prächtig. Der erste Fleder-mauswein ist mittlerweile so gut wie ausverkauft; ein Teil der Einnahmen fließt in ein LBV-Artenschutzprojekt.

Christian Söder glaubt, dass Fledermäuse den Winzern und manchen Landwirten noch auf ganz andere Art Gutes tun können. Einige Arten fressen nicht nur Wanzen, Spinnen und Käfer, sondern bevorzugt auch Nachtfalter, die großen Fraßschaden anrichten, etwa den Rhombenspanner. Doch wie kann man Jäger und zu bejagendes Gebiet zusammenführen? Zum Beispiel, indem der Winzer eine Falter anlockende Saatmischung als Zwischenbegrünung aussät, quasi als "Appetizer" für die Nachtjäger. Denn Beute-insekten werden in der Natur seit langem immer rarer; Nahrungsmangel gefährdet die Bestände.


"Es bringt wirklich was"

Steffen von der Tann, ein junger Winzer aus Iphofen, der seit 2013 keine Herbizide mehr verwendet und irgendwann ganz auf Kunstdünger verzichten will, fungiert als Testperson. Er wird die von Christian Söder und dem Landschaftspflegeverband Kitzingen entwickelte Saatmischung im Frühjahr ausbringen. "Allein schon, weil das für die Biodiversität gut ist. Wir sind schließlich von der Natur abhängig und sollten in diesem Sinn auch mit ihr zusammenarbeiten."

Zwar sei der Arbeitsaufwand höher, wenn man, statt einfach alles abzuspritzen, auf Begrünung setzt und Nützlinge im Weinberg ansiedelt. "Aber es bringt wirklich was." Von der Tann hat bereits Erfahrung mit Begrünungsstreifen: "Die Bodendiversität ist viel größer, es sind zum Beispiel deutlich mehr Regenwürmer da." Der junge Winzer hofft: "Am Ende kriegt man die höhere Weinqualität auch von den Kunden gedankt."

Steffen von der Tanns Lebensgefährtin Margarete Schauner formuliert es so: "Bei Weinbergsführungen haben die Leute heuer nur so gestaunt. Es waren schon jede Menge Bienen und Falter im Weinberg - da ging's echt ab!"

Auch im Fledermauswein-Weinberg in Kitzingen kommt die Saatmischung, in der zum Beispiel die Wilde Malve, die Perücken-Flockenblume und der Gewöhnliche Natternkopf enthalten sind, zum Einsatz. Ein Rufaufzeichnungs-Gerät hat heuer bereits spannende Einblicke in das nächtliche "Leben zwischen Reben" ermöglicht. Die detaillierte Auswertung der relativ komplexen Stimmenaufzeichnung wird zwar noch einige Zeit dauern, aber Christian Söder, der "schon mal reingehört" hat, ist dennoch bereits positiv gestimmt: "Das erste Ergebnis ist, dass sehr viel mehr Fledermausarten nachts unterwegs sind als gedacht."

Kann das sagenumwobene Flattertier also zum guten Freund der Winzer - und vielleicht auch der Landwirte - werden? Hat die Fledermaus das Zeug dazu, als tierisches Heinzelmännchen nachts in Weinbergen und auf Feldern "aufzuräumen"? Um diese Fragen beantworten zu können, sind noch viele weitere Versuchsreihen nötig. Christian Söder hofft deshalb, dass sich möglichst viele Winzer melden, die Fledermausquartiere auf ihrem Gut vermuten und die es gerne mal mit der biologischen Schädlingsbekämpfung versuchen möchten.

INFO:Der Kitzinger Christian Söder, 50 Jahre alt, ist von Beruf Biologielaborant. Für sein Fledermaus-Engagement erhielt er den Deutschen Tierschutzpreis. Er freut sich über Winzer, die sein Artenschutzprojekt unterstützen wollen (Tel. 0157/71966810; www.naturgeflatter.de). Bei Fragen und Ideen rund um den Fledermausschutz ist zudem Matthias Hammer von der Koordinationsstelle für den Fledermausschutz in Nordbayern ein guter Ansprechpartner (Institut für Tierphysiologie, Uni Erlangen, Staudtstraße 5, Tel.: 09131/ 852-8788, Email: fledermausschutz@fau.de).


INFO:
Sind es Mäuse oder Fledermäuse?
Umzug ins Winterquartier:
Jetzt, im Herbst, ist die Zeit günstig, eventuelle Mitbewohner zu beobachten. Derzeit ziehen die Fledermäuse vom Sommer- ins Winterquartier. Sie verlassen Scheune oder Dachboden, um in ihrem oft über Jahre angestammten, frostfreien Keller- oder Höhlendomizil den Winter zu überstehen.

Unterscheidung: Wer sich nicht sicher ist, ob in der Scheune, im Schuppen oder gar unterm Dach Mäuse oder Fledermäuse als "Untermieter" wohnen, der kann das durch den Kot-Test ganz einfach herausfinden. "Während Mäusekot fest ist, zerfallen Fledermausköttel beim Zerreiben zu feinem Staub, da sie fast nur aus Überresten von Insektenpanzern bestehen", erklärt Christian Söder.