Wie würde sich Deutschland entwickeln, wenn 23 Millionen Katholiken sich ein Beispiel an den Zeugen Jehovas nehmen würden? Also zum Beispiel mutig an fremden Haustüren klingeln und dem Öffnenden bekennen: "Ich glaube, dass Christus wirklich auferstanden ist!" Doch ist so ein missionarischer Feldzug realistisch? So und ähnlich prasselten Sentenzen und Sottisen auf die rund 600 Gäste aus allen Regionen des Erzbistums Bamberg herab, die der Einladung von Erzbischof Ludwig Schick zu seinem Neujahrsempfang in Bad Windsheim gefolgt waren.

Festredner Erik Flügge, Bestsellerautor und Politikberater, schaffte es mit seinem Vortrag "Eine Kirche für viele statt heiligem Rest", nicht nur den Erzbischof in Unruhe zu versetzen. "Ich bin ein bisschen sprachlos und nervös", bekannte Schick in seinem Schlusswort und fügte hinzu: "Ich weiß nicht so richtig, wie wir die Überlegungen von Herrn Flügge umsetzen können. Lasst uns gemeinsam überlegen", bat der Erzbischof, der die Thesen des 32-jährigen Redners durchaus noch mit "Sie haben ja Recht" kommentierte.

Erik Flügge entfachte ein loderndes Feuer für den versammelten heiligen Rest der katholischen Kirche, die in Deutschland immerhin die mitgliederstärkste Organisation sei. Als solche komme ihr eine besondere Verantwortung zu, sich "neu zu erfinden", weil sie eine finanzielle und personelle Kraft wie keine andere Großorganisation habe. Die Kirche müsse ihren Auftrag, mehr zu sein als ein Institutionengefüge, wichtiger nehmen, so Flügge: "Sie muss das Wir stärker machen statt das Ich." Also weg kommen vom "Gremien-Ego" hin zur Schaffung von "emotionalen Bindungen und Beziehungen": "Wer Gemeinschaft fördern will, darf sich nicht durch Fremdheit abgrenzen oder anbiedern, darf nicht spalten. Wer Gemeinschaft fördern will, muss den Dialog suchen", forderte der Festredner.

"Maximierter Aufwand"

Er beklagte, dass "der Horizont unserer Seelsorge an der Grenze der Seelsorgeeinheit endet". Notwendig seien "mobile Seelsorgebeziehungen über den eigenen Kirchturm hinaus", also "ortsunabhängige Kirchengemeinden" mit einem Priester für alle Lebensstationen. Zumal gerade die "jungen und kreativen Köpfe häufig umziehen" und nicht an jedem neuen Wohnort den Kontakt zu einer Pfarrei suchten: "Es ist nicht klug, auf das Territorialprinzip zu setzen", mahnte der Germanist und Politologe mit einigen Semestern Theologie.

Erik Flügge konstatierte sehr wohl, dass in den heutigen Kirchengemeinden ein "maximierter Aufwand" betrieben werde mit gottesdienstlichen und sonstigen Angeboten für alle Generationen. Allerdings erfolge dieser Aufwand "ohne höheren Output": "Aus den noch zehn Prozent Aktiven werden nicht mehr." Schuld an den leeren Kirchen sei die "Ignoranz des Lebens" und eine "Entmenschlichung Gottes": "Wir müssen Gott wieder in die menschliche Interaktion bringen", betonte Flügge. Zum Überleben brauche es eine Beziehungsebene: "Das Nicht-Denken in Beziehungen ist das Problem der Kirche." Obendrein habe der Katholizismus viele Regeln, "und viele, die sich nicht daran halten". Eine moderne Kirche kommuniziere sich nicht als Institution, sondern als Bewegung, die den Glauben in den Mittelpunkt rückt und "den auferstandenen Christus verkündigt", betonte Flügge.

Ruf nach mehr Engagement

Auf humorvolle Weise verpackte der Redner seine Seitenhiebe auf die evangelische Kirche, die als weitere Großorganisation mit dem gleichen Vertrauensverlust wie die katholische zu kämpfen habe: "Spiegel einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, in der die einzelnen Teile der Gesellschaft immer mehr auseinanderstreben, und jeder nur noch auf sich schaut".

Erzbischof Schick griff in seiner Ansprache den Titel des Festvortrages auf und wünschte: "Lasst uns eine Kirche für viele, ja sogar für alle sein und nicht ein heiliger Rest." Die Kirche brauche mehr Engagement und mehr Partizipation, gute Mitarbeiter in allen Bereichen - "und mehr Frauenpower". Gerade zu dieser letzten Forderung machte Redner Flügge noch seine spezielle Anmerkung: "Wenn ein Priester an den Haustüren klingeln würde, müsste er erstaunt feststellen, dass hinter jeder zweiten eine Frau steht." Neunzig Prozent der Frauen würden nicht mehr begreifen, dass Jesus nur Apostel gehabt haben solle.