Bamberg

Tritte gegen Obdachlosen: Täter übt Selbstjustiz an schlafendem Mann

Der Obdachlose lag in der Nähe einer Disco und schlief. Erst durch die Tritte des Täters wurde er geweckt. Für den 30-jährigen Bamberger war es nicht das erste Mal, dass er auffällig wurde: Seit 2004 häufte er Vorstrafen an.
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Mit einem Fall von schwerer Körperverletzung müssen sich die Richter am Landgericht Bamberg beschäftigen. Symbolfoto: Bits and Splits/Adobe Stock
Mit einem Fall von schwerer Körperverletzung müssen sich die Richter am Landgericht Bamberg beschäftigen. Symbolfoto: Bits and Splits/Adobe Stock

Ein fieser Tritt gegen einen am Boden liegenden Obdachlosen könnte einen 30-jährigen Angeklagten vor dem Landgericht Bamberg teuer zu stehen kommen. Der vielfach vorbestrafte Mann hatte das Gesetz in die eigene Hand genommen und seinen schlafenden Bekannten "eiskalt in die Fresse getreten", wie es ein Zeuge formulierte.

Richard K. (Name geändert) hat einen schweren Tag hinter sich. Viel Mühen hat es gekostet, um bis 20 Uhr auf runde drei Promille Blutalkohol zu kommen. Für den 51-jährigen Obdachlosen ist das offenbar ganz normal. Im Lieferanteneingang eines Bamberger Tanzclubs schläft er nun seinen Rausch aus. Er bemerkt dabei nicht, dass zwei Männer eine Nische in der dortigen Straße als öffentliches Pissoir missbrauchen.

Obdachloser mit Mund voller Blut und lockeren Schneidezähnen

Wenig später wacht Richard K. dann aber doch auf. Vor Schmerzen und mit dem Mund voller Blut, wie er im Zeugenstand schildert. Er hört jemanden lachen. Erst eine Überwachungskamera wird zeigen, dass er das Opfer eines feigen Fußtrittes geworden ist. Vorerst merkt er nur, dass seine Schneidezähne im Unterkiefer bedenklich wackeln und das Gesicht anschwillt.

Er hat Kopfschmerzen und Blutergüsse. Er braucht ganze zehn Minuten, um sich aufzurappeln. Dann kommt die Polizei. Später muss Richard K. drei Monate lang eine Drahtschiene tragen, damit das Gebiss wieder stabil wird.

Vor Richter Manfred Schmidt gab der 30-jährige Angeklagte aus Bamberg die gefährliche Körperverletzung unumwunden zu.

War der Tritt gegen Obdachlosen versuchter Mord?

Der Lagerist kommt von der Arbeit zum "Treffpunkt für Alkoholiker" auf einer Parkbank gegenüber des Tatorts und hat noch seine Sicherheitsschuhe an, die verhindern sollen, dass er sich durch herunterfallende Gegenstände selbst verletzt.

Die Stahlkappen und nagelsicheren Stahlsohlen sind es auch, die dazu führen, dass der Vorfall von Oberstaatsanwalt Otto Heyder anfangs als versuchter Mord eingestuft wird. Erst später im Laufe der Ermittlungen wird der Vorwurf auf eine gefährliche Körperverletzung heruntergestuft. "Es ging ja noch relativ glimpflich ab."

Durch eine ganze Reihe von Mixgetränken, in denen herbes Bier hinter süßer Limonade versteckt wird, hat der Angeklagte einen Pegel von knapp 1,8 Promille und verliert dadurch jede Kontrolle.

So wie vor fünf Jahren, als er erst einen Toilettenmann am ZOB mit dem Messer bedrohte, weil er die 50 Cent für die WC-Nutzung nicht zahlen wollte. Oder wie vor vier Jahren, als er im Streit seinem Gegenüber mit schweren Stiefeln auf einer Treppe in der Kleberstraße gegen den Kopf trat.

Obdachloser Opfer von Selbstjustiz

Das Motiv des "Faustrechts" kann auch sein Pflichtverteidiger Jochen Kaller aus Bamberg nicht gutheißen. Denn hinter dem Tritt steht der Verdacht, Richard K. könne seine Freundin geschlagen und vergewaltigt haben.

Zumindest soll sie dies dem Angeklagten auf der Sitzbank neben dem Atrium kurz vor dem Fußtritt gesagt haben. Als sie angekündigt habe, Richard K. eine reinhauen zu wollen, sich dann aber doch nicht traute, soll der Angeklagte erwidert haben: "Wenn Du es nicht machst, dann mache ich das."

Huldigungen nach Tritten gegen Obdachlosen

Nach dem Kick sei er dann von den Umstehenden für den Akt der Selbstjustiz gefeiert worden, gar von "Huldigungen" ist die Rede. Ob in dem Fehltritt auch etwas von dem Frust steckt, dass Richard K. sich beim Angeklagten 20 Euro geborgt, diese aber lange Zeit nicht zurückgezahlt hat, stritt der Angeklagte vor dem Richter allerdings ab.

Dabei hat der Angeklagte bereits jahrzehntelange Erfahrung mit der Justiz sammeln können. Seit 2004 häufte er unzählige Vorstrafen an. Zuerst als Jugendlicher, dann als Erwachsener, beschäftigte er die Amtsgerichte in Hersbruck, Nürnberg und Bamberg.

Neben vorsätzlicher und gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung, Sachbeschädigung und Diebstahl, Unfallflucht und Schwarzfahrens, war auch ein Fall des sexuellen Missbrauchs von Kindern darunter.

Täter hat psychische Probleme

Diese Vielzahl an Straftaten und die Alkoholabhängigkeit riefen Bernd Münzenmayer auf den Plan. Der Psychiater aus dem Bezirkskrankenhaus Schloss Werneck sah deutliche psychische Probleme und empfahl die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt, um der Drogenproblematik Herr zu werden. Sonst seien weitere schwere Straftaten zu erwarten.

Die Lebensgeschichte des Angeklagten wimmelt vor schlimmen Vorfällen: drogensüchtige Mutter, früh verstorbener Vater, Aufenthalt in vier Jugendheimen, Besuch der Förderschule, mit zehn Jahren das erste Bier, die falschen Freunde, das erste von wahrscheinlich vier Kindern schon als 14-jähriger Teenager. Der Prozess wird fortgesetzt.

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