Bamberg
Verbrechen

Fall Sophia L.: Ein quälend langer Abschied

Bis ihre Familie die getötete Studentin Sophia L. in Ruhe betrauern kann, wird es wohl dauern. Noch immer kämpfen die Angehörigen um Überführung des Leichnams aus Spanien. Derweil schürt die weiterhin mangelhafte Informationspolitik Kritik an den Behörden.
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Polizisten steigen am Fundort einer Frauenleiche, nahe der Autobahn bei Asparrena, über eine Absperrung.   Jesus Andrade/El Correo/dpa
Polizisten steigen am Fundort einer Frauenleiche, nahe der Autobahn bei Asparrena, über eine Absperrung. Jesus Andrade/El Correo/dpa
Gerne würden sie abschließen können. Abschied nehmen von ihrer Tochter, der Schwester, der Freundin und Weggefährtin. Aber wann die trauernden Angehörigen der getöteten Studentin Sophia L. die letzte Ehre erweisen können, ist auch vier Wochen nach ihrem Verschwinden nicht klar. Noch immer ermitteln die Behörden in Spanien, wo der Leichnam der jungen Frau am 21. Juni entdeckt worden ist. Solange die spanische Polizei den nicht freigibt und überstellt, wird es keine Beerdigung geben können. Derweil reißt die Kritik an den Ermittlern nicht ab.


Bruder: "Nicht ernst genommen"

Der im Landkreis Bamberg lebende Bruder der Getöteten, Andreas Lösche, bekräftigt in einem Gespräch mit unserer Zeitung seine Vorwürfe an der Arbeit der Polizei. "Wenn ein Fall so klar ist wie der von Sophia und eindeutig ein Verdacht auf eine schwere Gewalttat vorliegt, dürfen keine Fehler passieren. Dann muss umgehend gehandelt werden", kritisiert er. Seiner Ansicht nach haben sowohl die Beamten in Amberg als auch die Kriminalpolizei in Leipzig den Fall nicht ernst genug genommen, die Angehörigen stattdessen anfangs abgewimmelt.



Hinzu kam, dass die Dienststellen mehr um Zuständigkeiten gerangelt hätten, als sich um die damals noch als vermisst gemeldete Sophia zu kümmern. Hätten Lösche und das Team "Find Sophia" nicht auf eigene Faust recherchiert, den Lkw-Fahrer ausfindig gemacht und die Polizei gedrängt, nach ihm zu fahnden, wäre der Tatverdächtige wohl gar nicht in Europa gefasst worden. Sondern von Spanien aus nach Marokko verschwunden.

Schwere Vorwürfe erheben nicht nur die Angehörigen. "Die Beamten, bei denen die Vermisstenmeldung einging, haben die Lage grundlegend falsch eingeschätzt", erklärt der Kriminologie-Professor Thomas Feltes aus Bochum. Bei Erwachsenen kann es zwar einige Tage dauern, bis bei einem Verschwinden von einer Gefahr für Leib und Leben ausgegangen wird. "In meinen Augen war dies kein wirklicher Vermissten-Fall, sondern es lag von Anfang an der Verdacht einer Straftat vor - und dann muss man sofort tätig werden", meint der Kriminologe.


Zuständigkeiten: Klar geregelt

Wer einer Vermisstenanzeige nachgehen muss, ist in Deutschland eigentlich klar geregelt: Zuständig ist die Dienststelle am Wohnort der vermissten Person. Also Leipzig. Sophias Vater hatte seine Tochter zwar zuerst in Amberg als vermisst gemeldet. Laut Feltes hätten sich die Leipziger aber mit ihren bayerischen Kollegen absprechen müssen. "Ein Hin- und Herschieben der Zuständigkeit ist unprofessionell und sollte dienstrechtliche Konsequenzen haben."

Es ist nicht der erste Fall, in dem sich die Polizei Vorwürfen ausgesetzt sieht. Auch im Mordfall Susanna F. aus Mainz hatten die Ermittler lange nicht an ein Verbrechen geglaubt. Nach dem Fund der Leiche war Kritik aufgekommen, ob umfassend genug nach der Schülerin gesucht wurde, die zuvor mehrfach von zu Hause verschwunden war.
Im Februar 2018 waren in der Datenbank des Bundeskriminalamtes 13 400 Vermisstenfälle registriert. Knapp die Hälfte der Fälle lösten sich innerhalb einer Woche auf, heißt es. Hinzu kommt der immer wieder thematisierte Personalmangel in den Dienststellen. Demnach haben die Beamten im vergangenen Jahr 22 Millionen Überstunden angehäuft, meldet die Gewerkschaft der Polizei. Wird der Personalmangel also zum Sicherheitsproblem?

Ein strukturelles Problem erkennt zumindest Experte Feltes aktuell nicht. Auch die Polizei in Leipzig ist sich keiner Schuld bewusst. Ein Sprecher sagt auf Anfrage, man habe die Vorwürfe zur Kenntnis genommen, finde sie aber "unverständlich". Weiter zeige man zwar Verständnis für die emotionale Ausnahmesituation der Angehörigen, halte eine "nüchterne und sachliche Erwiderung über Medienvertreter aber nicht zielführend". Auch die Staatsanwaltschaft Bayreuth hält sich mit Infos zurück, stets mit dem Hinweis auf das laufende Verfahren.


Mangelhafte Informationspolitik

Dass Polizeiarbeit über Ländergrenzen hinweg Schwierigkeiten bergen mag, überrascht Lösche nicht. Was er aber anprangert, ist der mangelhafte Informationsfluss. Für die hoffenden und nun trauernden Angehörigen zehre es an den Kräften, wenn Fakten zurückgehalten würden. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hatte der Familie bereits am 22. Juni ein Kondolenzschreiben geschickt - acht Tage, bevor die Behörden offiziell bestätigen, dass es sich bei der Toten um die vermisste Studentin handelt.

"Wie teilweise mit den Angehörigen umgegangen wird, ist unmöglich", sagt Lösche. Kriminalitätsopfer und deren Angehörige fühlen sich oft unangemessen behandelt, wie eine Studie der Weisser Ring Stiftung von 2017 zeigt. Demnach fühlte sich jeder Zweite nur lückenhaft über den Verfahrensstand informiert, jeder Dritte empfand die Ermittler als unfreundlich.


"Künftige sollen es besser haben"

Auch wenn der Medienrummel seiner Familie die Trauerarbeit nicht erleichtert, möchte Lösche weiter Druck auf die Behörden ausüben. "Künftige Angehörige sollen es besser haben", meint er und fordert: "Die Polizei muss sich jeden einzelnen Fall sofort genau ansehen. Es dürfe nicht von Glück abhängen, an einen motivierten Beamten zu geraten. "Wir müssen zwar davon ausgehen, dass Sophia nicht zu retten gewesen wäre", sagt er. Letzte Zweifel kann aber nur der Obduktionsbericht ausräumen.


Kommentar von Redakteur Stephan Großmann: Systemfehler? Ran an die Strukturen!


Fehler passieren. Doch gibt es Pannen, die keine große Auswirkungen haben. Und dann gibt es welche, die Menschen betreffen und im Zweifel tragische Folgen mit sich bringen. Nicht selten - in jüngerer Vergangenheit gefühlt immer öfter - muss die Polizei solche Fehler einräumen. Angriffspunkte boten etwa der G 20-Gipfel in Hamburg, der Mordfall Susanne F. in Mainz, die Aufarbeitung der NSU-Morde. Und der Fall Sophia.

Nun kann und will den zu Beginn zuständigen Beamten in Sachsen niemand vorwerfen, durch etwaiges falsches Verhalten eine Mitschuld daran zu tragen, dass die getötete Studentin nicht mehr lebend gefunden werden konnte. Aber die Behörde muss sich zu recht Kritik gefallen lassen. Ja, Fehler können passieren. Aber - immer der Prämisse folgend, es hat tatsächlich Verfehlungen in der Ermittlungsarbeit gegeben - gebietet es der Anstand, sich diese einzugestehen. Und öffentlich aufzuarbeiten, auch um ähnliche Fehler künftig zu vermeiden. Davon ist im Moment jedoch nichts zu spüren.

Sollte etwa der Personalmangel im Polizeiapparat als Erklärung hergenommen werden, wäre es falsch, Einzelne stellvertretend für die Mangelverwaltung an den Pranger zu stellen. Vielmehr müssen sich die Strukturen ändern - nicht nur in Sachsen.

Dass auch bayerische Dienststellen unterbesetzt und teils überfordert sind, ändert auch ein neues Polizeiaufgabengesetz nicht. Statt Beamte mit einer übertriebener Menge an Befugnissen auszustatten, würde es mehr helfen, weiße Flecken auf den Dienstplänen mit Namen zu füllen. 1800 neue Polizisten will alleine der Freistaat im laufenden Jahr neu einstellen. Ein Anfang. Personell aufzustocken, reicht aber nicht. Mit Ressourcen haushalten heißt auch, Fokuspunkte zu setzen. Zum Beispiel, jeder Vermisstenmeldung angemessen nachzugehen - und Angehörigen mit dem nötigen Respekt zu begegnen.


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