Bamberg
Vorsorge-Serie

Experte Drossel: "Noch können wir Pflege gewährleisten, aber es gibt Engpässe"

Professionelle Fachkräfte reichen nicht aus, um die steigende Zahl an Pflegebedürftigen zu versorgen. Daher rückt die informelle Pflege zu Hause mit Hilfe von Angehörigen weiter in den Fokus. Wie genau informelle Pflege aussehen kann, erklärt Matthias Drossel im Interview.
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"Wir müssen informelle Pflege stärken", sagt der Leiter der Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe Matthias Drossel. Ronald Rinkllef
"Wir müssen informelle Pflege stärken", sagt der Leiter der Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe Matthias Drossel. Ronald Rinkllef

Die Oma mit dem Auto mitnehmen, der Nachbarin beim Tragen helfen oder seelisch beistehen: Was professionelle Pflegekräfte aus Zeitgründen nicht schaffen, könnten Angehörige leisten. Matthias Drossel, Gesamtschulleiter der Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe, erforscht die Chancen der "informellen Pflege":

Herr Drossel: Unterfinanziert, fehlkonstruiert - ist die Altenpflege in Deutschland am Ende? Matthias Drossel: Na klar ist sie am Ende. Wir werden 2020 mit einem neuen Ausbildungsprodukt starten: der Generalistik. Man hat endlich erkannt, dass man die Ausbildungen nicht künstlich trennen muss, sondern dass der Bereich Pflege gesamt gesehen werden muss. Der Bereich Altenpflege ist nicht am Ende, es wird ihn immer geben. Er wird sich aber schrittweise aus dem stationären Setting in den Bereich ambulante Pflege verlagern. Wir werden mehr Pflege zu Hause haben, ist auch politisch so gewünscht. Dann brauchen wir Menschen, die auch zu Hause pflegen.

Was bewirken die Vereinbarungen des aktuellen Koalitionsvertrages? Es ist ganz viel passiert. In den letzten Jahren gab es Pflegestärkungsgesetze. Diese tragen wirklich dazu bei, dass die professionell und nicht professionell Pflegenden (informell Pflegenden) gestärkt werden. Was in diesen Pflegestärkungsgesetzen angedeutet wird, kommt aber wenig bei den Leuten an. Es werden viele tolle Angebote geschaffen, die aber in der Umsetzung nicht funktionieren.

Woran hapert es dabei? Man denkt von oben, also vom Gesetzgeber her, genau richtig, was es braucht. Aber man schafft die Voraussetzungen nicht. Das Management, das für die Umsetzung verantwortlich ist, ist nicht gut und speziell genug ausgebildet. Sie wissen oft nicht gut genug, was die wirklichen Pflegeschwerpunkte sind. Etwa Beratung und Anleitung.

Also liegt das Problem gar nicht bei den Pflegenden selbst? Die Ebene darüber ist das entscheidende. Bei Pflege denkt man schnell an praktisch-technische Dinge, etwas Medizinorientiertes: Eine Pflegeperson erneuert einen Verband oder begleitet bei der Körperpflege. Tatsächlich wird es aber immer wichtiger, die Menschen gut zu beraten und anzuleiten, dass sie mit ihren vorhandenen Ressourcen selbst gut umgehen oder Einschränkungen kompensieren können. Oder es beispielsweise ihren Angehörigen beibringen zu können.

Blickpunkt Bayern: Das Landespflegegeld soll die Pflegenden entlasten. Reicht das aus? Es ist eine tolle Sache, dass es so etwas in Bayern gibt. Da unterscheiden wirs uns von den anderen Bundesländern. Aber wenn ich 1000 Euro auf ein Gesamtjahr sehe, dann sind das nicht einmal 100 Euro im Monat. Das ist viel zu wenig. Der Schwerpunkt sollte gar nicht auf finanzieller Unterstützung liegen, sondern auf Hilfen im Alltag, Unterstützung und Entlastung. Wichtiger sind passende Angebote, die die Menschen tatsächlich erreichen und entlasten.

Häufig wird der Einsatz halblegaler Arbeitskräfte vor allem aus Osteuropa kritisiert. Sehen Sie darin ein Problem? Absolut. Dieser Graubereich der illegal beschäftigen Pflegepersonen ist ein großes Problem. Sie sind häufig nicht gut oder mit einer anderen Zielstellung ausgebildet, eher in Richtung Medizinassistenz oder Ähnliches. Sie kennen das Gesundheits- und Pflegesystem in Deutschland nicht, sind also verirrt in dem System. Dadurch können sie oft gar nicht die richtigen Hilfen leisten. Was sie gut leisten können, ist da zu sein für die Personen. Dabei trübt jedoch die sprachliche Hürde die Situation oft.

Ist eine schlechtere Pflege besser als gar keine? Auf keinen Fall. Wenn wir an Pflege denken, brauchen wir Akteure, die wirklich gut pflegen können. Bevor Personen eingestellt werden, die es nur halbwegs gut machen, sollte man lieber bessere Angebote nutzen, selbst wenn diese kostenintensiver sind.

Gesundheitsminister Spahn will in den nächsten Jahren Tausende Pflegekräfte neu einstellen. Ist das realistisch? Wir haben das große Problem der Rekrutierung Auszubildender. Im Moment ist es aber ein Wettbewerbsmarkt, kein Bewerbermarkt mehr. Wir müssen uns bei den Auszubildenden bewerben. Soziale Berufe sind attraktiv, aber sie genießen nicht den besten Ruf. In der medialen Berichterstattung dominiert die negative Berichterstattung. Man hat angeblich schlechte Arbeitsbedingungen, man bekommt angeblich wenig Entgelt - Aspekte, die durch nichts zu halten sind teilweise. Das Image aber bleibt: anstrengender Beruf im Dreischicht-System, in dem man nicht viel verdient.

Wie steht es um die Pflegesituation in Franken? Nicht so schlimm wie in den Ballungsgebieten. Noch können wir Pflege gewährleisten, aber es gibt auch in Franken Versorgungsengpässe. Wenn ich beispielsweise in den nordöstlichen Raum Oberfrankens schaue, sehe ich, dass die Wege dort sehr lang sind. Durch den demografischen Wandel leben Menschen dort plötzlich in ganz kleinen Gemeinden. Es heißt, ich brauche dort immer professionelle Hilfe, die aber nicht immer vor Ort ist. Das führt zu Engpässen.

Was muss passieren, damit sich die Pflegesituation verbessert? Mehrere Komponenten. Wir müssen das System der Versorgung anpassen, ausgerichtet auf die ambulante Pflege. Wir brauchen Ausbildungsoffensiven und müssen dafür sorgen, dass die Pflegenden lange in ihrem Beruf arbeiten können und wollen. Als drittes müssen wir nicht professionell Pflegende besser einbinden und stärken in ihrer Rolle.

Wie müsste ein Gesamtkonzept aussehen, das informelle und professionelle Pflege vereint? Das gibt's leider noch in keiner Schublade, aber es muss eins entwickelt werden. Das braucht sowohl die professionell als auch die informell Pflegenden. Professionelle Pflege brauchen wir viel spezifischer als bisher - zum Beispiel in den Fällen, bei denen es um komplexe Behandlung geht. Darüber hinaus träume ich von einer "Engagement-Region Oberfranken" und die Menschen dafür zu begeistern, sich wieder füreinander zu interessieren und füreinander da zu sein. Dafür gibt es bereits ein Konzept. Im Emsland ist das bereits erfolgreich. Das kombiniert mit einem guten Konzept für bessere ambulante Pflege würde funktionieren.

Wie ließe sich ein solches Engagement erwecken, sicher ist nicht jeder in der Lage, Pflege selbst zu stemmen. Es geht nicht darum, jene zu zwingen, die es aus verschiedensten Gründen nicht zu Hause pflegen können und wollen. Es geht darum, eine Gesellschaft aufzubauen, in die sich jeder mit seinen Fähigkeiten einbringt. Das muss sich über viele Jahre hinweg entwickeln - und über alle Ebenen hinweg. Gut ausgebildete Ehrenamtler, Vereinsleben, Nachbarschaftshilfe. Manchmal kann es einfach nur darum gehen, einkaufen zu gehen, jemanden im Auto mitzunehmen oder die Angehörigen des Gepflegten zu entlasten.

Wie lässt sich informelle Pflege stärken? Ehrenamt mit Pflegeleistungen zu verknüpfen, ist ein wichtiger Ansatz. Es muss darum gehen, Bereiche zu identifizieren, für die professionelle Pflegekräfte eigentlich zu gut ausgebildet sind. Sie sind oft mit Leistungen beschäftigt, die auch andere tun könnten. In diesen Bereichen können die Pflegekräfte dann Anleitungshilfen und wichtige Tipps geben.

Gibt es schon ein konkretes Konzept für die Region, wie diese Zusammenarbeit funktionieren kann? Wir entwickeln gerade eins für die Region. Die Sozialstiftung Bamberg, die Awo Bamberg und die Gemeinnützige Gesellschaft sozialer Dienste, also alle Gesellschafter der Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe, wollen etwas auf die Beine stellen. Nun muss es das Ziel sein, noch weitere Akteure mit ins Boot zu holen. Wir leben hier in einem Gebiet, in dem es schon viele Angebote gibt, die häufig isoliert voneinander agieren. Diese müssen wir verbinden. Wenn wir dieser regional verbinden und vernetzen, könnten wir das einmal auf den ganzen Bezirk beispielsweise ausweiten und als eine Art Modellregion agieren. Es wird aber nicht von heute auf morgen passieren können.

Wohin können sich Betroffene wenden, um Hilfe und Informationen zu bekommen? Zum Beispiel in Quartiersbüros. Dort sind Menschen vor Ort, die sich gut auskennen und die Leute unterstützen können. Dann gibt es Pflegeberatungen in den Pflegestützpunkten und ambulante Pflegedienste helfen teilweise auch. Die Qualität der Beratung ist nur sehr unterschiedlich.

Über den Gesprächspartner:

Dr. Matthias Drossel, geboren 1984, Gesundheits- und Krankenpfleger, Medizinpädagoge, Pflegewissenschaftler; tätig als Gesamtschulleiter Bamberger Akademien für Gesundheits- und Pflegeberufe. Ab Oktober zusätzlich: Professur für Fachdidaktik an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera. Buch: Versorgung älterer Menschen durch die Stärkung informeller Pflege. Am Beispiel der Region Oberfranken.



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