Bamberg
Zeitgeschichte

"Es geht darum, Haltung zu zeigen"

Mit dem Putzen der sogenannten Stolpersteine erinnern engagierte Bürger an die Bamberger Holocaust-Opfer.
Artikel drucken Artikel einbetten
Putzaktion der Stolpersteine in der Friedrichstraße/Herzog-Max Straße  Fotos: Julian Megerle
Putzaktion der Stolpersteine in der Friedrichstraße/Herzog-Max Straße Fotos: Julian Megerle
+13 Bilder

Mit Tüchern, Rosen, Kerzen und Wasser im Gepäck ziehen die Menschen vom Gabelmann los in die Stadt. Ihr Ziel: einen Teil der zahlreichen Stolpersteine vom Schmutz zu befreien. 151 solcher Messingsteine sind vor Hauseingängen im Bamberger Stadtgebiet eingebaut, um an die Schicksale, die Vertreibung und Ermordung jüdischer Mitbürger in der Zeit des Nationalsozialismus zu erinnern. Und diese sollten zum weltweiten Aktionstag gegen Rassismus am 16. März wieder glänzen und mahnen. Das Ganze war Teil der internationalen Wochen gegen Rassismus, die auch in der Domstadt seit mehreren Jahren in Zusammenarbeit des Migrationsbeirates der Stadt sowie dem Bamberger Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus organisiert werden.

"Es geht darum Haltung zu zeigen, gegen Rassismus und Antisemitismus und die Stimme zu erheben", betont Oberbürgermeister Starke, der am Gabelmann zu den rund 60 Teilnehmern spricht. Das beinhalte konsequente strafrechtliche Verfolgung gegen rassistische Angriffe. Dahinter stehe aber auch eine politische Aufgabe: "So müssen wir wir uns hinter den Wertekanon von Freiheit, gegenseitigem Respekt, Liberalität und Demokratie stellen", stellt Starke klar. Gerade in Bezug auf die kommende Europawahl findet das Stadtoberhaupt: "Wir sollten uns auf den Kern der Idee besinnen: ein friedliches und tolerantes Europa." Selbst die Errungenschaften des Grundgesetzes seien auch nach 70 Jahren, keine Geschenke, "die einem in den Schoß fallen würden."

Es braucht also entschlossenes Engagement. "Rassismus ist ein Gift, das Menschen die Zugehörigkeit zu einer Gesellschaft abspricht", stellt Hubert Schaller vom Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus heraus. Oft auf Basis, dass jemand den Status als Geflüchteter hat, eine andere Religion auslebt oder mit anderer Hautfarbe zur Welt kam.

Für seine Mitstreiterin Mitra Sharifi vom Bündnis steht fest: "Rassismus ist keine Meinung, er kann töten!". Von der Kolonialzeit über die Morde des NSU bis zum kürzlichen Anschlag auf eine Moschee in Christchurch in Neuseeland sei dies erkennbar. Unvergleichbar sei jedoch der Holocaust. "Die Vernichtungsstrategie der Nazis konnte nur deshalb durchgezogen werden, weil auf die Denkstrukturen der Unterschiedlichkeit der Menschen zurückgegriffen werden konnte", erläutert Schaller die damalige Lage.

Und heute? "Rassismus wird wieder salon- und parlamentsfähig!", prangert Sharifi die aktuellen Entwicklungen an, wenn Moscheen und Synagogen angegriffen und Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens diskriminiert sowie bedroht werden. Mit Blick auf die christlich-jüdische Tradition, die oft erwähnt werde, findet sie: "Was hilft es, wenn diese Gemeinschaft betont wird, wenn Muslime ausgeschlossen bleiben? Wie geschichtsvergessen ist das denn?" Man müsse sich als Gesellschaft gegen diese Vereinnahmung stellen und für eine Demokratie der Vielfalt und der Solidarität eintreten.

Praktische Solidarität

In der Friedrichstraße wird Solidarität praktisch. Ute Kleemiß bleibt an einem Stolperstein stehen. "Hier lebte Frieda Rehbock. Sie hatte in die Unternehmerfamilie eingeheiratet und wurde 1941 nach Riga deportiert", erklärt sie und hält ein Bild der Frau in den Händen. Mit etwas Wasser und Ausdauer glänzt der Stolperstein wieder. Noch eine Rose niedergelegt und die Gruppe um Kleemiß zieht weiter Richtung Synagogenplatz durch die Herzog Max Straße.

Gleich mehrere Familiengeschichten verbergen sich hier: Da waren zum einen Karl und Sidonie Freudenberger, die in Bamberg ein Schuhgeschäft führten bis sie 1937 enteignet wurden. Während ihre Tochter Erna noch 1939 fliehen konnte, deportierten die Nazis das Ehepaar 1942 nach Theresienstadt, wo es ermordet wurde. "Ich habe vor dem Jahr 2013 in diesem Haus gelebt. Damals gab's die Stolpersteine noch nicht", erinnert sich Dirk Schneider, der sich auch deshalb dieser Gruppe angeschlossen hatte, um mehr über die Geschichte der Menschen zu erfahren. "Teilweise wehren sich Hausgemeinschaften auch gegen diese Art der Erinnerungskultur", schildert Kleemiß ihre Erfahrungen.

Dass die Kinder noch fliehen konnten, aber für die Eltern die Nazi-Politik zum Verhängnis wurde, musste auch das Ehepaar Lina und Max Ernst erleben. Die Besitzer einer Hopfenhandlung bekamen an just dem Tag ihr Ausreisevisum, das ihnen ein neues Leben verschafft hätte, als das Nazi-Regime beschloss, die Ausreise für alle jüdischen Mitbürger komplett zu verbieten.

"Mit sind die Stolpersteine immer aufgefallen und finde es gut die Steine wieder zum Glänzen zu bringen", meint Sophie Faulstich. "Das ist einfach ein sehr gutes Symbol, um an die Schicksale dieser Menschen zu erinnern", ergänzt Janosch Freudig, welcher durch über die wöchentliche Mahnwache von der Aktion erfuhr. Das nicht alle Menschen in Bamberg die Aktion unterstützen, zeigt der Rückweg: An manchen Stellen waren die abgelegten Rosen bereits verschwunden.

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren