Bamberg
Interview

Erzbischof Schick: Habe gegen nichts gewettert

Die jüngsten Aussagen des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick zu Partnerschaften ohne Trauschein und zur Sterbehilfe lösen teils heftige Reaktionen aus. Im ausführlichen Interview mit infranken.de verteidigt er seine Ansichten.
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Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Foto: Barbara Herbst
Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick. Foto: Barbara Herbst
Die Veröffentlichung eines Artikels der Nachrichtenagentur dpa sorgte vor knapp zwei Wochen in der Region für Wirbel: "Schick wettert gegen Partnerschaften ohne Trauschein" hieß es im Titel. Die Agentur-Nachricht verbreitete sich rasch - und die Reaktionen folgten prompt. Auch auf infranken.de taten viele User ihre Meinung kund. Auf unserem Internetportal und auf Facebook gab es mehrere Hundert Kommentare.

Aufgrund der teils heftigen Kritik gab Ludwig Schick zwei Tage später eine Erklärungab. Darin betonte der Erzbischof, dass er bei seiner Predigt im tschechischen Zuckmantel den Begriff "Wilde Ehe" nie verwendet habe. Zudem habe er auch gegen nichts "gewettert".

Äußerungen zu Sterbehilfe lösen ähnlich großes Echo aus

Wenige Tage später löste Schicks Erklärung zur Sterbehilfeein ähnliches Echo aus. Der Artikel provozierte erneut zahlreiche Kommentare. Während ein Teil der User dafür plädierten, todkranken Menschen die Möglichkeit zu geben, "ihr Leben bereinigt und sanft beenden" zu dürfen, argumentierten andere, dass man sich an das 5. Gebot ("Du sollst nicht töten") halten sollte.

Die kontrovers geführte Debatte hat infranken.de zum Anlass genommen, Ludwig Schick zu den beiden Themenkomplexen zu befragen. Im Interview unterstreicht der Erzbischof, dass "in unserer Gesellschaft zu wenige Ehen geschlossen und zu wenige Kinder geboren werden". Zudem betont er, dass es auch in der Kirche Fehlentwicklungen gebe, die kritisiert werden dürfen. "Die Kirche besteht aus Menschen, die auch Fehler machen." Was die aktive Sterbehilfe betrifft, machte Ludwig Schick deutlich: "Ich bin für Sterbebegleitung statt Sterbehilfe!"


Herr Schick, ihre Predigt im tschechischen Zuckmantel hat ein breites Medien-Echo hervorgerufen, das anschließend auch bei der Bevölkerung hohe Wellen geschlagen hat. Wurden Sie falsch zitiert?
Ludwig Schick: Ich habe in meiner Predigt angemerkt, dass in unserer Gesellschaft zu wenige Ehen geschlossen und zu wenige Kinder geboren werden. Ich habe junge Menschen ermutigt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Das ist in den Pressemeldungen so auch wiedergegeben worden, allerdings hat die Überschrift einer Presseagentur der Meldung einen ganz falschen Dreh gegeben. Ich habe gegen nichts "gewettert" und auch nicht von "wilder Ehe" oder "Ehe ohne Trauschein" gesprochen. Diese Bezeichnungen halte ich grundsätzlich für unpassend und verwende sie deshalb nicht.

Sie ermutigen junge Familien, eine Familie zu gründen. In der heutigen Zeit ist es für viele aber gar nicht so einfach, eine Ehe einzugehen. Was muss sich ändern, damit die Deutschen wieder "Lust" auf Familie bekommen?

Ich glaube nicht, dass die Deutschen keine Lust auf Familie haben. Im Gegenteil. Umfragen bestätigen, dass sich viele junge Menschen nach einer stabilen Familie und einer funktionierenden Partnerschaft sehnen. Kinder zu bekommen, gibt den meisten Menschen Lebenssinn, auch wenn es Verzicht und Anstrengung bedeutet. Kinder stellen für viele heute immer noch ein Armutsrisiko dar. Das ist ein Skandal! Hier ist die Politik gefragt, Familien zu unterstützen. Unsere ganze Gesellschaft muss familienfreundlicher werden. Es darf keine Plattitüde sein, zu sagen: Kinder sind unsere Zukunft.

Können Sie es trotzdem tolerieren, wenn Menschen lieber ohne Eheschließung partnerschaftlich durchs Leben gehen wollen und vielleicht Angst davor haben, Kinder in die Welt zu setzen?
Das ist genau der Punkt, wo die Politik und die Gesellschaft ansetzen muss. Es darf nicht sein, dass junge Leute in unserer wohlhabenden Gesellschaft sagen müssen: "Wir können uns Kinder nicht leisten." Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf muss noch selbstverständlicher werden. Es gibt auch Menschen, die keine Ehe eingehen und Kinder haben. Das ist zu respektieren. Und ich weiß auch, dass es viele Paare gibt, die gerne Kinder hätten, aber keine bekommen können.

Sie haben in Ihrer Reaktion auf den Agentur-Artikel unter anderem gesagt, dass sie "Gottes Verheißungen und Anweisungen den Menschen zu verkünden haben". Kritiker sagen, dass diese Verheißungen und Anweisungen nicht mehr zeitgemäß sind. Ist die katholische Kirche zu "unmodern"?
Gottes Verheißungen und Weisungen sind "Licht und Leben" für die Menschen. Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wird schnell Witwe oder Witwer. Das Evangelium und die Zehn Gebote sind heute so zeitgemäß wie vor 2000 Jahren und werden es auch immer sein. Bei der Auslegung und Anwendung der Verheißungen und Anweisungen Gottes bezieht die Kirche die Erkenntnisse der Wissenschaften und die Erfahrungen der Menschen der jeweiligen Zeit mit ein. Das ist auch für das Zusammenleben und -wirken der Geschlechter und für Ehe und Familie wichtig.

Die Zahl der Kirchenaustritte ist 2013 im Vergleich zum Vorjahr aber trotzdem gestiegen. Wie soll dieser Trend gestoppt werden?
Es gibt konkrete Ereignisse und Entwicklungen, die bei vielen Menschen den letzten Schritt ausgelöst haben, aus der Kirche auszutreten. Das sind oft Menschen, die sich innerlich aber schon lange verabschiedet haben. Natürlich gibt es auch in der Kirche Fehlentwicklungen, die kritisiert werden dürfen. Die Kirche besteht aus Menschen, die auch Fehler machen. Das ist in Vereinen und Parteien nicht anders, aber an die Kirche wird - zurecht - eine sehr hohe Messlatte gelegt. Wenn hier Kirchenleute den eigenen Ansprüchen nicht genügen, ist die Enttäuschung bei den Gläubigen groß. Das ist verständlich. Wir müssen als Kirche glaubwürdig sein, besonders gegenüber den Schwachen in der Gesellschaft.

Sie haben zudem von einer "erschreckende Tendenz" gesprochen, sich in Alter und Krankheit töten zu lassen und zu töten. Das rühre daher, dass sich ältere Menschen überflüssig und lästig fühlen. Fehlt es an der Wertschätzung für die ältere Generation?
Wir sprechen immer davon, dass die Jugend unsere Zukunft ist. Wir dürfen aber nicht in einen Jugendwahn verfallen und die alten Menschen ins Abseits stellen. So wie die Gesellschaft die jungen Menschen braucht, so profitiert sie auch von der Weisheit und Erfahrung der Alten. Wir müssen zeigen, dass die älteren Menschen wichtig und wertvoll sind. Die Diskussion um die Sterbehilfe ist eine Folge davon, dass Jugend, Erfolg, Reichtum und Nützlichkeit als das Nonplusultra vergötzt werden.

Es gibt aber Stimmen die sagen, dass Deutschland beim Thema Sterbehilfe im Vergleich zu anderen Ländern zu konservativ ist. Sollte ein schwerstkranker Mensch nicht selbst entscheiden können, ob er weiterleben möchten?
Ich bin für Sterbebegleitung statt Sterbehilfe. Die Menschen wollen an Menschenhand und nicht von Menschenhand sterben! Das zeigen alle Erfahrungen und Erkenntnisse. Der Wunsch, sich selbst zu töten oder getötet zu werden, verschwindet, wenn eine gute Schmerztherapie stattfindet und der Kranke vertrauensvolle und liebevolle Zuwendung erfährt. Viele Schwerstkranke haben Sorge, ein Pflegefall zu werden und ihren Angehörigen zur Last zu fallen. Alten, gebrechlichen und kranken Menschen muss vermittelt werden, dass wir sie gern haben und sie nicht missen möchten. Das löst nicht alle Probleme, aber schenkt Freude am Leben, die das wichtigste Heilmittel gegen Suizidgedanken ist. Wer sich einen guten Tod erhoffen kann, verlangt keine Selbsttötung.

Das Gespräch führte Christian Pack.



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