Bamberg
80er

Erinnerungen an die 80er: von NDW bis Mauerfall

Zum Auftakt unserer 1980er-Jahre-Serie haben wir prominente Bamberger befragt, wie sie dieses Jahrzehnt erlebt haben.
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So unterschiedlich die Antworten von Erzbischof Ludwig Schick (Jahrgang 1949), Bestseller-Autorin Tanja Kin kel (Jahrgang 1969), Reporterlegende Wolfgang Reichmann (Jahrgang 1947) und Tex Döring (Jahrgang 1938), dem Urgestein der Bamberger Jazzszene, auch ausfallen - der Mauerfall von 1989 hat bei allen bleibende Eindrücke hinterlassen.

Die Fragen:

1. Wie würden Sie das Lebensgefühl der 1980er Jahre beschreiben?

2. Was waren für Sie die prägendsten Ereignisse dieses Jahrzehnts?

3. Was war Ihr persönliches Highlight? 4. Um welches Phänomen der 1980er Jahre, das es nicht mehr gibt, ist es schade, um welches eher nicht?

Wolfgang Reichmann

1. Nach dem Aufbruch der 50er Jahre (Rock`n Roll, Jazz - für mich vorgelebt durch meine große Schwester ), den rebellischen 60ern (Beat, 68er, Flower-Power-Bewegung - dafür stand mein Schwager), den schon wieder braveren Disco-70ern, die getrübt wurden durch die Terrorjahre mit den RAF-Morden, Mogadischu und Entebbe (dort war ein ehemaliger Klassenkamerad einer der Entführer), hatte man sich in den 80ern gut eingerichtet in der kleinen Bundesrepublik Deutschland und war durchaus zufrieden mit der erreichten politischen und wirtschaftlichen Stabilität - bis zum Paukenschlag des Jahres 1989 mit dem Bankrott des Kommunismus.

Bis dahin waren die 80er für mich, vorsichtig ausgedrückt, die langweiligsten im Jahrzehntevergleich nach dem Zweiten Weltkrieg.

2. Prägendste Ereignisse waren neben dem Zusammenbruch der DDR, wobei ich die historische Ankunft des Zuges aus der Prager Botschaft am Bahnhof in Hof als BR-Reporter selbst miterlebte, der Ausbruch der AIDS-Seuche und die neue deutsche Schlagerwelle auf den mittlerweile gängigen CDs, und damit das Ende der heißgeliebten Tonkassette.

3. In Bamberg wurden während und nach meiner aktiven Basketballkarriere Locations wie Weinstadel oder Albatross besonders wichtig. Leider gibt es diese - fast hätte ich gesagt - Sozialstationen heute nicht mehr. Sie waren stets Treffpunkt zu vorgerückter Stunde von Menschen aller Coleur. Meine ganz persönlichen Highlights waren sicher die Live-Moderation des Städteturnieres für meine Heimatstadt Bamberg im ZDF, ein New-York-Trip mit Freunden zu drei NBA-Spielen, meine Dobermann-Hündin und der Start der Reporterkarriere beim Bayerischen Rundfunk, die mich in über 500 Bundesligaspielen zur Stimme Frankens gemacht hat.

4. Es gibt leider nicht mehr das Wohlgefühl der 80er-Jahre-BRD, auch und gerade im "Totwinkeleck" Oberfranken. Verzichtet hätte ich gerne auf die Politikerlügen im Zusammenhang mit dem GAU von Tschernobyl und all seinen Folgen, auf meinen Achillessehnenriss, auf die angepasste und konsumorientierte neue Generation der Yuppies und auf Skins.

Tanja Kinkel

1. Gier und Hoffnung

2. Ende der SPD/FDP-Regierung, Beginn der Ära Kohl, Thatcher und Reagan machen den angloamerikanischen Raum konservativ(er), AIDS, Oktoberfestattentat, Wackersdorf, Tschernobyl, Gorbatschow und Perestroika, Solidarnosc, brutale Niederschlagung der Demonstrationen am Platz des Himmlischen Friedens, Fall der Mauer.

3. Rein persönlich: Im Winter 88/89 schrieb ich meinen ersten Roman. Im Sommer 89 gelang es mir, das Manuskript an den Goldmann-Verlag zu verkaufen. Ein Jahr später wurde er unter dem Titel "Wahnsinn, der das Herz zerfrißt" veröffentlicht.

Politisch mit persönlichem Empfinden: der Fall der Mauer. Ich saß so gebannt wie der Rest der Nation vor dem Fernseher und konnte nicht glauben, was sich da abspielte. Sobald es möglich war, fuhr ich durch die DDR. Die "Willkommen"-Schilder habe ich nicht vergessen.

4. Eher nicht: Tendenz zum Gigantismus (Radios, Lautsprecher, Brillen, Schulterpolster), Telefon mit Wahlscheibe, Trio (Habe eine bis heute anhaltende Abneigung gegen die Band und ihre Musik).

Schade: Walkman, kreative Bilder zur Sendepause (nebst Sendepause an sich - würde jedem Fernsehkanal zwischendurch nicht schaden), Knibbelbilder im Colaflaschenverschluss.

Tex Döring

1. In Bamberg war es ziemlich konservativ und ruhig. Aber es gab auch sehr unterschiedlich politisch Engagierte. Das wurde 1982 beim Strauß-Besuch deutlich, als neben vielen Sympathisanten im pechschwarzen Bamberg auch sehr viele Strauß-Gegner kamen. Auch das Zusammenleben mit den vielen hier stationierten Amerikanern war für die meisten Bamberger unproblematisch und positiv. 2. Der Fall der Berliner Mauer - das war für mich neben der Nachkriegszeit die aufregendste Zeit meines Lebens. Als die Mauer errichtet wurde, war ich noch Student. Nun erlebte ich völlig unerwartet, wie sie friedlich fiel - das war schon verrückt.

Musikalisch natürlich, dass sich der Jazz als musikalische Strömung in Bamberg noch stärker etabliert hat und der Jazzclub in der Sandstraße eine neue Heimat gefunden hat - nach jahrelanger Suche und Vorarbeit. 3. 1989 habe ich sogar mitgeholfen, die Berliner Mauer zu demontieren. Ich bin mit meinem R4 direkt hingefahren, wir haben ein Brett aufs Dach gelegt, sind hinaufgestiegen und haben richtig große Stücke aus der Mauer geschlagen. Später habe ich dann in Leipzig gespielt und seit 1989 unternehme ich mit der VHS Fahrten in die ehemalige DDR.

Ich war ansonsten eher unpolitisch, mich hat vor allem die Musik interessiert. Die Amerikaner boten uns Möglichkeiten zum Auftritt und waren auch die Quelle, um an guten Jazz heranzukommen. Das war auch befruchtend für die eigene Entwicklung. 4. Schade ist es um viele Kneipen im Bamberger Umland, in denen es damals an jedem Wochenende Live-Musik gegeben hat. Diese zahlreichen Auftrittsmöglichkeiten vermisse ich heute ein bisschen, damit ist auch eine ganze Szene eingebrochen.

Ludwig Schick

1. Das Lebensgefühl der 80er würde ich mit dem Begriff "Aufbruchsstimmung" beschreiben. Helmut Kohl rief 1983 eine geistig-moralische Wende oder Erneuerung aus, in Polen gründete sich die Solidarnosc, ein Aufbruch zur Freiheit und zur Selbstbestimmung, der dann auch andere osteuropäische Länder nach und nach ergriff. Papst Johannes Paul II. besuchte 1980 zum ersten Mal Deutschland und dann viele Länder, er rief zum Aufbruch für eine neue Weltordnung in Freiheit und Gerechtigkeit, Wahrung der Menschenwürde und der Menschenrechte für alle auf. Der Eiserne Vorhang, der Ost und West trennte, wurde nach und nach aufgebrochen.

2. Das prägendste Ereignis dieses Jahrzehnts war für mich der Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs, die Wiedervereinigung Deutschlands, die ich in Fulda erlebte. Ich erinnere mich, dass am 9./10. November der ganze Domplatz auf einmal voller Trabis stand und sich die Menschen aus der ehemaligen DDR und der Bundesrepublik Deutschland um den Hals fielen. Prägende Ereignisse waren außerdem die beiden Papstbesuche in Deutschland 1980 und 1987.

3. Meine persönlichen Highlights waren der Abschluss meiner Promotion in Rom im November 1980 und der Beginn meiner 22-jährigen Lehrtätigkeit in Fulda und in Marburg 1981 und als Professor 1985 sowie der 22-jährige Seelsorgedienst in einer Pfarrei bei Fulda. Mein erster Polenbesuch in Posen, Krakau, Lomza und Auschwitz, die Reisen in die DDR und nach Lateinamerika und Afrika. Meine Ernennung zum Domkapitular in Fulda, wodurch ich Verantwortung in der Bistumsleitung übernahm und meine erste Fahrt über die offene Grenze im November 1989 nach Geisa.

4. Die positive Aufbruchstimmung in Gesellschaft, Politik, und in der Kirche, gibt es so nicht mehr. Schade, dass vielerorts und bei vielen Menschen Skepsis und Resignation eingekehrt sind. Auch das Phänomen, die Freude über die Wiedervereinigung Deutschlands, gibt es so nicht mehr. Das finde ich schade.

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