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Erdfloh-Befall in Bamberg: Muss Kohlrabi makellos sein?

Weil die Blätter durchlöchert sind, bleibt ein Gärtner auf Tausenden Kohlrabis sitzen. Er verkauft jetzt das geschmacklich tadellose Gemüse stark vergünstigt auf seinem Hof. Zugleich entspinnt sich eine Diskussion über die Ansprüche im Supermarkt.
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Abverkauf nach Erdfloh-Befall in Bamberg: Die  Kohlrabis, die Kristin Pfeiffer bei Gärtner Eichfelder  gekauft hat, sind - bis auf die Blätter - tadellos, findet auch Felix (7) auf der Rückbank.  Foto: Ronald Rinklef
Abverkauf nach Erdfloh-Befall in Bamberg: Die Kohlrabis, die Kristin Pfeiffer bei Gärtner Eichfelder gekauft hat, sind - bis auf die Blätter - tadellos, findet auch Felix (7) auf der Rückbank. Foto: Ronald Rinklef
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Gärtner Hans-Jürgen Eichfelder schnappt sich eine der vielen Kisten voller Kohlrabis, die sich vor seinem Laden stapeln. Kohlrabis, die aufgrund ihrer Größe auch als kleine Kürbisse durchgehen könnten.

"Einfach da hinten rein", sagt Kristin Pfeiffer, lacht und zeigt auf den Platz im Kofferraum ihres Autos. 25 Kohlrabis nimmt die Bischbergerin mit. "Bevor die weggeschmissen werden, wäre doch mehr als schade", meint sie.

Ein Fakt: Die Kohlrabis, die eigentlich noch bestens zum Kochen geeignet sind, wären mit Tausenden anderen Exemplaren vernichtet worden, hätte die Kundin nicht über ihre Schwägerin von einem Aufruf erfahren. Eichfelder bot an, die Kohlrabis vergünstigt abzugeben.

Denn derzeit macht der kleine Fiesling Erdfloh den Gärtnern das Leben schwer. Eichfelder kann deshalb inzwischen 15.000 Kohlrabis, die für den Großhandel bestimmt waren, nicht mehr verkaufen. Grund: In die Einkaufsmärkte kommt das Gemüse in der Regel mit Blättern, doch so löchrig wie diese jetzt sind, hat das ansonsten tadellose Gemüse keine Chance.

Ein Problem für den Gärtner, der die Menge an Kohlrabis auf die Schnelle nicht mehr verkaufen kann. Eigentlich bliebe ihm nur, den Kohlrabi auf dem Feld zu häckseln, da das Gemüse langsam zu groß und ungenießbar wird - doch dann schaltete sich Thomas Reiser ein.

Lieber regional und saisonal

Der Bamberger hat sich Gedanken gemacht, als er vergangene Woche über die Auswüchse des Erdflohs im FT gelesen hat. Sein Vorschlag: Die Bamberger könnten doch den Kohlrabi bei Eichfelder vergünstigt für wenige Cent kaufen. "Ich habe ihm angeboten, dass wir das auf Facebook stellen", erzählt der 68-Jährige. "Ich wollte ein Zeichen setzen, dass die Leute zu denken beginnen. Dass sie, bevor sie den Schrott aus der ganzen Welt kaufen, lieber regional und saisonal einkaufen", meint Reiser. "Wir müssen den Bamberger Gärtnern einfach helfen!" Die Hilfe nahm Eichfelder nach nur kurzer Überlegung an.

Die Probleme, die der Gärtner hat, treten derzeit häufiger auf, weiß Sibylle Tygges, Erzeugerring-Beraterin für 80 Betriebe vor allem in Unterfranken, aber auch in Bamberg und Dörfleins. Der milde Winter, der zu trockene Sommer lässt die Erdflöhe in Massen auftreten. Und die Vorgaben vom Handel sind laut Tygges streng: Zwar sehe sie inzwischen aufgrund des derzeitigen Problems auch Kohlrabi mit Schönheitsfehlern im Laden - doch: "Ansonsten will der Handel nur erste Sahne, die Ware soll makellos sein."

Auf eine exemplarische Anfrage dieser Zeitung bei einem der Handelsriesen heißt es: "Edeka handelt Obst und Gemüse gemäß den UNECE-Vorgaben für die Vermarktung." Gemäß der Norm für Wurzel- und Knollengemüse wie Kohlrabi gelte grundsätzlich die Einhaltung der Mindesteigenschaften, unter anderem "ganz" sowie "praktisch frei von Schäden durch Schädlinge", erklärt eine Sprecherin.

Abverkauf bis Freitag

Bei der Gärtnerei Eichfelder in der Gundelsheimer Straße läuft der vergünstigte Kohlrabi-Abverkauf noch bis Freitag. Es sei eine Erfahrung, sagt Eichfelder auf seinem Hof. "Wir probieren das einfach mal aus, wenn es funktioniert, ist es gut." Und es scheint zu funktionieren.

Das Telefon habe zuletzt bei seiner Frau im Büro kaum mehr stillgestanden. Das Interesse der Kunden ist vorhanden. Alleine am Montag hat der 43-Jährige rund 500 Kohlrabi verkaufen können.

Das mildert den Verlust für Eichfelder zumindest ein wenig. Und rettet Lebensmittel.

Porree mit Pünktchen

Pflanzenschutzmittel Laut Erzeugerring-Beraterin Sibylle Tygges sehen sich die Gemüse-Anbauer strengen Vorgaben ausgesetzt. Das sei auch bei Spritzmitteln der Fall, die ohnehin nur in unbedenklichen Mengen und staatlich überwacht eingesetzt würden. Doch fordere der Handel noch geringere Rückstände. "Es ist wahnsinnig schwierig, das einzuhalten", kritisiert sie. Edeka sagt exemplarisch dazu, dass die Sicherheit der Produkte höchste Priorität habe: "Gemeinsam mit unseren Lieferanten haben wir im Sinne unserer Kunden hohe Qualitätsstandards etabliert."

Porree Auch bei anderem Gemüse als nur beim Kohlrabi sind laut Beraterin Sibylle Tygges die Vorgaben streng: So nehme der Handel etwa Porree nicht, wenn Pünktchen, kleine Sauglöcher eines Getreideschädlings, auf dem Laub zu sehen seien. In diesem Fall seien die Erzeuger sogar gezwungen, ein Pflanzenschutzmittel einzusetzen. "Die ganze Spritzerei beim Porree halten wir aber für überholt", sagt Tygges. Das Laub des Lauchs würde ohnehin zu einem Großteil weggeschnitten - der Porree könnte also auch problemlos so im Supermarkt verkauft werden. sem

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