Bamberg
Erinnerungen

Einsam starb Deutschlands letzter Burgbär

Toni sollte nicht länger als Single leben. So holte man Poldi 1952 auf die Altenburg, der von der Bärendame bissig empfangen wurde. Bis 1982 lebte der letzte deutsche Burgbär auf Bambergs Wahrzeichen, das 1902 Hassan als erster tierischer Star bezogen hatte.
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Als dritter und letzter Burgbär fristete Poldi auf der Bamberger Altenburg sein Leben. Foto: Emil Bauer/ Stadtarchiv
Als dritter und letzter Burgbär fristete Poldi auf der Bamberger Altenburg sein Leben. Foto: Emil Bauer/ Stadtarchiv
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"Gestern um 10.15 Uhr starb Poldi von der Altenburg an einer Todesspritze", meldete der Fränkische Tag 1982. An einem kalten Dezembertag entschlummerte der letzte Burgbär der Republik, der die Herzen der Bamberger drei Jahrzehnte zuvor als verspielter Youngster erobert hatte. Als Kuschelkameraden einer bis dahin einsamen Bärendame rekrutierte man den sechs Monate alten Poldi 1952.

Statt Liebe gab's von der zickigen Toni aber nur Tatzenhiebe, was das Biest nach einem Vierteljahr in die ewigen Jagdgründe brachte. So lasen Bamberger zum Weihnachtsfest: "Toni ist im Bärenhimmel", nachdem man die Diva erschoss, ihres Pelzes "entkleidete" und zum geräucherten Bärenschinken verarbeitete, wie der Berichterstatter annahm.


Letzter frei lebender fränkischer Bär wurde 1769 erlegt

Aber zurück zu den Anfängen der Bamberger Burgbären, die 110 Jahre zurückliegen. Hassan hieß der Pionier, der 1902 als erstes Zotteltier zur Touristenattraktion wurde. Für 700 Reichsmark hatte man ihn dem Zirkus Hagenbeck abgekauft - 133 Jahre, nachdem ein Förster aus Vordorf den wohl letzten frei lebenden fränkischen Fichtelgebirgsbären erlegte. Und bis 1916 zog Meister Petz auch Besucher von nah und fern auf Bambergs Wahrzeichen, die den brummeligen Gesellen bestaunten.


Mit gezieltem Schuss

Im Ersten Weltkrieg endete das erste Bamberger Burg-Bärenkapitel. Vergessen aber war Hassan nicht, an dessen Erfolge eine Münchnerin nach dem Zweiten Weltkrieg anzuknüpfen suchte: Für 816 Mark leistete sich der Altenburgverein Toni, die aus dem Tierpark Hellabrunn anreiste, wie Willy Heckel in "Bamberg im 20. Jahrhundert" berichtete. Ein 60 Quadratmeter großes Freigehege bekam die nicht mehr ganz taufrische Bärendame 1951 am Fuß des Südwestturms. Und fühlte sich darin bärenstark - bis man ihr Poldi ins Revier schickte. "Die ständigen Reibereien, die Toni verursachte, führten zu ihrer Isolierung", berichtete der Fränkische Tag.

Doch fehlten die Möglichkeiten, zwei Bären während des Winters getrennt auf dem Gelände zu halten. Abnehmer für die 15 Jahre alte Einzelkämpferin fanden sich in anderen Städten nicht. So legte "Fabrikant Wohlhöfner" am 23. Dezember im Auftrag des Altenburgvereins an, um die paarungsunwillige Toni "als Waidmann routiniert mit glattem Schuss" ins Jenseits zu befördern.


"Ein harmonisches (Bären)Paar"

Noch träumten alle davon, für Poldi eine geeignete Gefährtin zu finden, dessen Taufpatenschaft Luitpold Weegmann als damaliger OB übernommen hatte. "Nächstes Jahr soll ein Weibchen gekauft werden, das dann hoffentlich zusammen mit dem jungen Bärenmann ein harmonisches Paar abgibt", sinnierte ein FT-Berichterstatter. Nur entwickelte sich keine Lovestory, wie wir heute wissen. Nie bekam Poldi Gesellschaft und starb als einsamer Held vor drei Jahrzehnten. Länger als alle Burgbären zuvor hatte er in Gefangenschaft auf besagten 60 Quadratmetern sein Leben gefristet. Geliebt von ach so vielen Menschen, die sich seiner Qualen nicht bewusst waren.

Vermutlich aber war es gerade das tragische Ende des Kinderlieblings, das die grausame Tradition der Bärenhaltung sterben ließ - acht Jahrzehnte, nachdem sie mit Hassan begonnen hatte. So konnte sich Poldi, der als Youngster durchs Gehege tobte, Eier fing und zum Entzücken aller Besucher Männchen machte, irgendwann nur mehr auf Knien rutschend bewegen. Eine schwere Arthrosis der Hüftgelenke, verbunden mit starkem Muskelschwund und einer Versteifung der Wirbelsäule diagnostizierte der Tiermedizinier, der den Bären von seinen Schmerzen erlöste - im Beisein von Hans und Maria Daig, die die Pflege übernommen hatten.


Schmerzliches Ende

Löffel für Löffel fütterten die Daigs zuletzt den einst so stattlichen 2,15-Meter-Riesen. Widerstrebend schleppte sich Poldi aus dem hintersten Winkel seines Stalls, um gekochtes Fleisch, gekochten Reis und klein geschnittene Äpfeln eingeflößt zu bekommen. Und an einem kalten Dezembertag endete sein Leidensweg. Indes lebt der letzte Bamberger Burgbär in der Erinnerung aller, die ihn erlebten, weiter. Lebt in Gedichten und Geschichten von Autoren, die Poldi nicht vergessen wollen.


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