Laden...
Bamberg
Sprachforschung

Eine Sprache beweisen: Lebenswerk gegen Rassimus

Als erste Deutsche untersuchte Annegret Bollée eine Sprache im Indischen Ozean, die von Generationen als Sklavenslang diskriminiert worden war. Das Lebenswerk der Wissenschaftlerin hat das Seychellen-Kreol in Schulen und ins Parlament befördert.
Artikel drucken Artikel einbetten
Annegret Bollée hat bewiesen, dass die Sprache der Einheimischen, das Seychellen-Kreol, keineswegs minderwertig ist.
Annegret Bollée hat bewiesen, dass die Sprache der Einheimischen, das Seychellen-Kreol, keineswegs minderwertig ist. Foto: Katharina Thoma, Uni Bamberg/Annegret Bollée
+3 Bilder

115 Inseln im Indischen Ozean bilden die Seychellen, den kleinsten unabhängigen Staat Afrikas. Nördlich von Madagaskar, südlich vom Nirgendwo. Die Wassertemperatur liegt ganzjährig um die 26 Grad. Hierhin flog Anfang der 70er Jahre eine junge Wissenschaftlerin, um eine Sprache zu erforschen, für die es vor ihr weder eine Grammatik noch ein Wörterbuch gab: Annegret Bollée.

"Die Seychellen sind so klein, da sprach sich ratzfatz rum, dass eine verrückte Deutsche herumläuft, die sich für das Kreol interessiert", erinnert sich die Bamberger Professorin im Ruhestand heute.

Sprachen aus Not

Die Einheimischen pflegten ihre Sprache lediglich im Privaten. Nicht in der Schule, nicht in der Politik. Genau genommen gilt das Seychellen-Kreol Anfang der 70er Jahre, als die Pionierin aus Franken ihre Forschungsarbeit in dem 50.000-Seelen-Staat aufnimmt, noch nicht einmal als Sprache. Amtssprache sind Englisch und Französisch. Dagegen wird das Seychellen-Kreol von weiten Bevölkerungsteilen als Sklavenslang herabgewürdigt und unterdrückt.

1770 nahmen Franzosen die Insel in Besitz. Überwiegend arme Siedler aus umliegenden französischen Kolonien, die Landwirtschaft betrieben und für die Knochenarbeit Sklaven vom Festland verschleppten. Das Land wurde zum Spielball der Kolonialmächte. Insgesamt sieben Mal wechselte die Herrschaft über die Seychellen zwischen der französischen und britischen Flagge. Es gibt Anekdoten über einen französischen Gouverneur, der Uniformen beider Mächte bereithielt, je nachdem, welche Schiffe die Insel gerade anliefen.

Die Menschen unterschiedlichster Herkunft, die in den Jahrhunderten der Kolonialzeit zur Sklavenarbeit auf den Feldern verurteilt waren, besaßen keine gemeinsame Sprache. Unterschiedlichste afrikanische Muttersprachen kamen auf den Plantagen der Seychellen zusammen und hatten als einzig verbindende Verständigungsbasis die Sprache der Kolonialherren. Auf diese Weise entstanden über den Globus verteilt zahlreiche Kreolsprachen aus der Not den Verschleppten heraus: in Westafrika, der Karibik, Indien, Südamerika und Südostasien. "Das Seychellen-Kreol verhält sich zum Französischen wie Italienisch zum Latein", veranschaulicht Bollée das Verwandtschaftsverhältnis der Sprachen.

Aufwachsen ohne Muttersprache

Als Bollée erstmals auf die Seychellen flog, existierte die eigene Muttersprache an dortigen Schulen nicht. Lesen und Schreiben lernte man in den Sprachen der einstigen Kolonialherren. Die offizielle Begründung lautete damals, Kreol sei gar keine richtige Sprache. Es sei ein Mischmasch ohne Regeln, das sich unter den Sklaven aus aller Welt entwickelt hätte, um sich auf den Feldern rudimentär verständigen zu können. Der inoffizielle Grund ist in einem grässlichen Gewirr aus Rassismus, Vorurteilen und ungleichen Machtverhältnissen innerhalb der Bevölkerungsgruppen zu finden. Man stelle sich vor, Kinder lernen hierzulande lediglich Englisch und Chinesisch, das Deutsche bekommen sie in der Schule aber nie zu hören.

Nun besitzt eine Sprache, die bislang nur gesprochen wird, natürlich keine Bücher, keine Zeitschriften, kein einziges gedrucktes Dokument. Dennoch gelang es der Bamberger Sprachwissenschaftlerin, das Regelsystem zu ergründen. Bollée bewies nicht nur, dass es sich beim Seychellen-Kreol um eine vollwertige Sprache mit eigener Grammatik handelt. Sie schrieb auch gleich das Lehrwerk dieser Grammatik, das wortwörtlich Schule machte und noch heute im Unterricht zum Einsatz kommt. In solchen Erfolgen schimmert hinter der Wissenschaftlerin eine zweite Persönlichkeit hindurch: die Vermittlerin.

Wissenschaft mit Nachwirkung

Annegret Bollée bildete jahrelang angehende Lehrkräfte aus, gründete das erste Sprachenzentrum an der Uni Bamberg und übersetzte auf Nachfrage der anglikanischen Kirche auf den Seychellen sogar das Markusevangelium ins Kreolische. Ein progressiver Pfarrer hatte sich damals an die Sprachwissenschaftlerin gewandt, da die Grammatik des Seychellen-Kreol so kompliziert war, dass er sich nur eine Person vorstellen konnte, die den biblischen Text in die noch junge Schriftsprache übersetzen konnte. Bollée legte wenig später dem damaligen Erziehungsminister ihre Übersetzung vor. Bollée erschuf damit das erste Druckerzeugnis des Seychellen-Kreol.

Zurückdrängung von Diskriminierung

Weit nach ihrem Eintritt in den Ruhestand 2002 erschien 2018 ihr Lebenswerk: ein achtbändiges Wörterbuch der französischen Kreolsprachen. Dieses Opus Magnum der 83-Jährigen, die unentwegt weiter forscht und reist, besteht jedoch nicht in der Regalfläche, die man mit ihren Büchern füllen kann. Diese opulent-sichtbare Seite ihrer Forschung bildet lediglich das Substrat, auf dem der unsichtbare Wert der vielen tausend Seiten gedeihen konnte: die Zurückdrängung der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer als minderwertig geltenden Sprache. Parlamentsreden konnten endlich auch in Seychellen-Kreol gehalten werden, der Journalismus erhielt eine Schriftsprache, um zuallererst entstehen zu können. "Gerade die Sprachwissenschaft ist vielfach sehr abstrakt, entrückt, theoretisch. Wenn man auf die Gesellschaft in dieser Weise hineinwirken kann, ist das sehr befriedigend."

Fast 20 Jahre befindet sich die Kreol-Koryphäe nun offiziell im Ruhestand, was sie jedoch nicht daran hinderte, ungebremst weiterzuarbeiten, Forschungsreisen in ferne Länder zu unternehmen und neue Gebiete in Angriff zu nehmen. Weiße Flecken auf der Landkarte der Sprachwissenschaften, die sie nicht nur erschließt, sondern bunter macht.

Info: Kreolsprachen entstanden während der Kolonialzeit in Plantagengesellschaften. Als erwachsene Sklaven in großer Zahl Fremdsprachen (die Sprachen der Kolonialherren) erlernen mussten, veränderten sie diese so erheblich, dass neue Sprachen entstanden.