Bamberg
Wohnungsbau

Eine Mauer spaltet die Gemüter in Bamberg

Das Bamberger Gärtnerviertel hat ein neues Streitthema: Wie sinnvoll ist die Betonmauer in der Tocklergasse? Und was hat die Denkmalpflege damit zu tun?
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Klaus Hümmer vor der umstrittenen Betonmauer in der Tocklergasse. Auf dem Bild von 2012 ist die alte Mauer zu sehen.  Ronald Rinklef
Klaus Hümmer vor der umstrittenen Betonmauer in der Tocklergasse. Auf dem Bild von 2012 ist die alte Mauer zu sehen. Ronald Rinklef
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Bamberg Seit 82 Jahren lebt Elfriede Fuchs in der Tocklergasse. In dieser Zeit hat sich viel getan im Bamberger Gärtnerviertel. Fuchs hat miterlebt, wie das Netz aus Anbauflächen immer kleiner wurde, wie Spielplätze und Grünzonen verschwanden, und zuletzt ein neues Haus neben dem anderen gebaut wurde. Doch was vor etwa zwei Wochen dazu kam, darüber regt sie sich auf: "Diese Mauer finde ich scheußlich."

Beim Gang vom Wohnhaus zur 100 Meter entfernten Tiefgaragen muss sie täglich daran vorbei: Rechts die Gebäudeflucht eines alten Gärtnerhauses, links die aus Betonplatten bestehende etwa 1,80 Meter hohe und 20 Meter lange neue Mauer - überflüssig und hässlich, wie sie findet: "Das ist fast wie ein Eiskanal. Ich habe kein gutes Gefühl."

Mit ihren Empfindungen ist Elfriede Fuchs nicht allein. Beim Mittelstraßenfest am Wochenende soll das kürzlich in die Höhe gewachsene Bauwerk das Thema gewesen sein. Dabei sind die Meinungen durchaus geteilt: Da gibt es die unter den Nachbarn , die eine solche Betonmauer fürchterlich finden und unpassend für einen Stadtteil, der zum Weltkulturerbe Bamberg zählt. Da gibt es aber auch die Zaungäste, die für das Objekt des Anstoßes ein gewisses Verständnis haben. Hanns Steinhorst etwa, früherer Stadtheimatpfleger und lange Zeit selbst Anwohner in der Tocklergasse: "Als ich vom Mittelstraßenfest kam, hatte ich eine neue Berliner Mauer erwartet. Dann musste ich aber feststellen, dass es nicht so schlimm ist wie befürchtet. Das Bauwerk ist nicht unproportioniert."

Freilich: Auch Steinhorst fragt sich, ob eine einfache Buchenhecke nicht die gleiche Wirkung erzielt hätte wie das massige Bauwerk: Sichtschutz für die Bewohner des gemeinschaftlichen Wohnprojekts.

Doch die Frage, ob an dieser Stelle in Bamberg ein Lattenzaun oder eine Hecke die bessere Alternative gewesen wäre, ist allenfalls rhetorischer Natur. Denn es war nicht der Wunsch der Anwohner, sich hier mit einem Bauwerk zu verewigen, sondern eine Auflage der Unteren Denkmalschutzbehörde. Klaus Hümmer, Geschäftsführer der Tocklerhof-Gesellschaft, zitierte einen Passus aus der Baugenehmigung, die unmissverständlich ist: "Die neu zu errichtende Einfriedung ist als Ersatz für die abgetragenen historische Mauer in Massivbauweise herzustellen."

Tatsächlich befand sich an der selben Stelle in der Tocklergasse bereits eine Mauer, die vermutlich beim Bau der Erdwärmeleitung abgetragen worden ist. Das 2012 geschaffene Bild einer Bamberger Fotografin dokumentiert den halb verfallenen Zustand einer Ziegelmauer. Sie war deutlich höher als ihr zeitgenössischer Nachfolger und verlieh der hinteren Tocklergasse schon damals den Charakter einer schmalen Passage.

Die Stadt weist darauf hin, dass es solche Mauern im Gärtnerviertel an vielen Stellen gibt. Die Auflage, sie in neuer Form wieder erstehen zu lassen, sei eine Referenz an die Hinterlassenschaften des Stadtteils.

Hört man die Bauherren selbst und ihren Geschäftsführer hätte man sich die Kosten gerne gespart. Mit geschätzt 30 000 Euro schlägt die neue Betonmauer zu Buche. Keine Kleinigkeit für ein ungeliebtes Projekt.

2017 sind die ersten Bewohner in das Mehrgenerationenhaus mit zehn Parteien gezogen. Nun bittet Hümmer die neuen Nachbarn, die Situation in dem engen Wegabschnitt nicht nach dem Anblick zu beurteilen, der sich vor Fertigstellung bietet. "Das ist noch eine Baustelle."

Selbstverständlich werde die Wohngemeinschaft die Betonmauer von innen begrünen. Auch sei noch nicht darüber entschieden, ob sie verputzt wird. Und für alle, die eine Fortsetzung auf voller Grundstückslänge befürchten, gibt er Entwarnung: "Das ist nicht geplant."

Was sagt die Stadt dazu? Hört man Steffen Schützwohl, der am Mittwochabend eine Ergänzung nachschob, dann hat die Denkmalpflege eine Ausführung als verputztes Mauerwerk auf einem Betonfundament vorgesehen - keine blanke Betonmauer.

Ein solcher Kompromiss würde wohl auch Elfriede Fuchs besänftigen. Und auch die Stadt könnte nach ihrer Meinung zu einer Verbesserung der Situation in der Tocklergasse beitragen: "Die Beleuchtung reicht nicht."

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