Bamberg
Bamberger Literaturfestival

Eine unerschrockene Denkerin: Alice Schwarzer eröffnet Bamberger Literaturfestival

Ihre Lesung in Hallstadt zeigt: Alice Schwarzer und die Deutschen haben ihren Frieden miteinander gemacht. Der Auftritt der großen Feministin glückt dank ihrem Mut zur Differenzierung.
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Alice Schwarzer am Donnerstagabend in Hallstadt Fotos: Helmut Ölschlegel
Alice Schwarzer am Donnerstagabend in Hallstadt Fotos: Helmut Ölschlegel

Unversöhnlich stehen sich im Sommer 1969 das fränkisches Establishment und jene jungen Leute gegenüber, die sich selbst als Avantgarde des gesellschaftlichen Fortschritts wähnen. In den Landkreis Bamberg getrieben hat die Studenten und Revolutionäre die Inhaftierung eines jungen Gleichgesinnten.

Ihren dramaturgischen Höhepunkt fanden die Tumulte in der Stürmung des Bamberger Landratsamts, später sollten die wilden Tage als "Knastcamp von Ebrach" in die Geschichte der deutschen Studentenbewegung eingehen. Von einer "bedrohlichen Stimmung" schreibt eine junge Journalistin mit dem Namen Alice Schwarzer, nachdem sie vom Satiremagazin "Pardon" nach Bamberg geschickt worden ist. Auch Schwarzer selbst schien sich in Gegenwart von den, wie sie in "Pardon" schreibt, fränkischen "Holzfällern und anderen Burschen" unbehaglich zu fühlen.

Sympathie und Bewunderung

Harter Schnitt: selbe Region, aber 50 Jahre später. Am Donnerstabend eröffnete die junge Journalistin von einst das vierte Bamberger Literaturfestival (BamLit). Wo ihr vor einem halben Jahrhundert eine feindselige Stimmung entgegengeschlagen sein muss, badete sie nun in Sympathie und Bewunderung. In Person von Landrat Johann Kalb verneigte sich am Donnerstag sogar ein Repräsentant staatlicher Autorität vor Schwarzers Kampf für Gleichberechtigung und Emanzipation.

Schwarzer und die Republik haben Frieden miteinander geschlossen. Im öffentlichen Bewusstsein schrumpfen selbst Fehltritte wie Schwarzers zwiespältige Rolle bei der medialen Begleitung des Vergewaltigungsprozesses gegen TV-Moderator Jörg Kachelmann zu Fußnoten.

Schwarzer muss sich der Zuneigung bewusst gewesen sein. Auf der Bühne stand eine entsprechend zugewandte, charismatische, sogar zur Selbstironie aufgelegte Frau. Alles einst Forcierte ist einer milden Weisheit des Alters gewichen. Auch dieser Temperamentswechsel mag die Bewunderung für den einstigen Bürger- und zumal Männerschreck erklären.

Mehr noch aber steht die Schwarzer auch in Hallstadt geschenkte Sympathie sinnbildlich für die Liberalisierung der deutschen Gesellschaft. So erntete Alice Schwarzer auch am Donnerstag die Früchte ihres eigenen Kampfs für Gleichberechtigung und Emanzipation.

Eine Stunde lang las die 76-Jährige im ausverkauften Hallstadter Kulturboden aus ihrem aktuellen Buch "Meine algerische Familie". Am Beispiel einer seit Jahrzehnten mit ihr befreundeten Familie zeichnet Schwarzer ein Sittengemälde der algerischen Gegenwartsgesellschaft. Das nordafrikanische Land erlebt Schwarzer als zu widersprüchlich, als dass es sich von ihr auf einen einfachen Nenner bringen ließe.

Der wachsende, von Schwarzer mit Schrecken protokollierte Einfluss des politischen Islams wird kontrastiert vom Widerstand jener Algerier, die Religion für eine Privatangelegenheit halten. Die unter der patriarchalen Verfügungsgewalt ihres Mannes depressiv gewordene Frau steht bei Schwarzer gleichberechtigt neben der selbstbewussten, ihr Leben nach eigenen Maßstäben gestaltenden.

Dieses Schwanken zwischen Polen, die Schwarzer etwas arg salopp als "Tradition" und "Moderne" bezeichnet, soll sich in der vielgliedrigen Familie beispielhaft spiegeln. "Meine algerische Familie ist eine exemplarische algerische Familie", sagte Schwarzer. Nicht alle in Hallstadt vorgelesenen Textpassagen lösten diesen Anspruch tatsächlich ein. Zu gemächlich schaukelten die Texte bisweilen zwischen Anekdoten und politischer Analyse.

Gegen die Bescheidwisser

Diese Unentschlossenheit wurde umso deutlicher, als Schwarzer im anschließenden Gespräch mit den Besuchern auch jene Gedanken zuspitzte, die sie im Buch im Ungefähren beließ.

Der Diskussion die angemessenen Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt zu haben, ist das Verdienst der umsichtigen Moderatoren Asli Heinzel und Thomas Kraft. Im Dialog erwies sich Schwarzer als unerschrockene Denkerin. Unerschrocken nicht etwa, weil sie mit strammen Werturteilen effekthascherisch auf billigen Applaus spekulierte. Unerschrocken im Gegenteil deshalb, weil sich Schwarzer zu differenzieren getraute.

Bei der Entfaltung ihrer Argumente dachte sie mögliche Gegenargumente immer bereits mit. So flaggte sie das Kopftuch in unmissverständlicher Klarheit als ein Symbol des politischen Islams aus. Aus diesem Grund habe es in Deutschland weder in der Schulen noch im öffentlichen Dienst etwas zu suchen. Gleichzeitig immunisiert ihr Differenzierungsvermögen Schwarzer gegen die Versuchung moralischer Bevormundung. Denn nicht nur in Algerien könne es ihrer eigenen Anschauung nach unendlich viel Mut kosten, sich als Frau dem Kopftuch tatsächlich zu verweigern.

Schwarzers abwägende Haltung sollte nicht mit Prinzipienlosigkeit oder Kulturrelativismus verwechselt werden. Stattdessen schützt sie vor falschen Hoffnungen und dem oft unerträglichen moralischen Dünkel westlicher Bescheidwisser. "Ich will anderen nicht vorschreiben, wie sie zu leben haben. Ich will aufklären und Angebote machen", sagte Alice Schwarzer.



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