Bamberg
Dokumentarfilm

Ein zartes Licht im Dunkeln

In "Winter in Lviv" zeigt der Journalist Till Mayer die Schicksale von vier Frauen in der ukrainischen Stadt Lviv. Am Mittwoch ist Premiere im Odeon.
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Szenen aus Lviv. Foto: Till Mayer
Szenen aus Lviv. Foto: Till Mayer
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Wenn der Journalist und Redakteur Till Mayer auf Reisen geht, führt ihn sein Weg meist mitten hinein in Lebenswelten, die oft genug so dramatisch und grausam sind, dass es einem darüber die Sprache verschlägt.
Man muss aus diesen Situationen aussteigen, sozusagen die Türe zwischen sich und den Tragödien schließen können, so Till Mayer im Gespräch mit unserer Zeitung. Dann hat man eine Chance, vom Elend der Welt nicht aufgefressen zu werden.
Mayer hat in den vergangenen Jahrzehnten viel Elend gesehen. Gleich ob in Äthiopien, Ruanda, im Irak und im Iran, im Kosovo oder zuletzt wieder in der Ukraine. Er selbst ziehe aus den Begegnungen mit den Menschen in den Krisen- und Kriegsgebieten, die er beinahe schon regelmäßig besucht, enorm viel Kraft, sagt Mayer. "Vor Ort erlebe ich immer wieder, dass die Ärmsten und Schwächsten ihr Schicksal nicht als unabänderlich hinnehmen, sondern um Verbesserungen für sich und andere kämpfen".


Hilfseinrichtung in Gefahr

In der westukrainischen Stadt Lviv haben Mayer und Pirmin Styrnol (Regie) zusammen mit den Kameramännern Hendrik Steffens und Dustin Hemmerlein im Winter 2016/2017 einen kurzen Dokumentarfilm gedreht. Für Ton und Musik zeichnete dabei Maik Styrnol verantwortlich und geschnitten hat Mayer den Film.
"Winter in Lviv", so der Titel des kleinen Schwarzweiß-Filmjuwels, ist Mayers erster Film. Er hat nun am 1. November um 19 Uhr im Odeon-Kino Premiere.


BRK-Kreisverband Bamberg hilft

Der Film steht damit im Mittelpunkt einer Sonderaktion des BRK-Kreisverbandes Bamberg, mit der in Lviv ein von der Schließung bedrohtes sogenanntes Medico-Sozial-Zentrum (MSZ) erhalten werden soll. Es ist diese Einrichtung, die vom ukrainischen Roten Kreuz seit 20 Jahren auch mit Hilfe des badischen Roten Kreuzes betrieben wird, der Ausgangspunkt für Mayers Film. Denn dort finden die Alten der Stadt, die in bitterer Armut sich selbst und der Vereinsamung überlassen sind, ein paar Räume, die geheizt sind und in denen sie Kaffee und Kuchen bekommen, Zuspruch und Nähe erfahren, in denen sie singen und Geschichten erzählen und wenigstens notdürftig medizinisch versorgt werden können. Diese segensreiche Einrichtung, die Mayer 2007 erstmals kennenlernte, als er ein Buch und Ausstellungsprojekt über ukrainische KZ-Überlebende realisierte, besuchen auch seine vier Hauptdarstellerinnen. Die Kartonagen-Sammlerin Sofia Wojtsychiwska bessert sommers wie winters mit Altpapier, das sie zu einer Sammelstelle bringt, ihre spärliche Rente auf. Die 75-jährige Krankenschwester Olha Roman versieht noch immer, obwohl schon längst verrentet, ihren Dienst an den Alten von Lviv. Täglich macht sie sich zu Hausbesuchen auf den Weg.
Die mittlerweile 100-jährige Iryna Bjenko-Schul erzählt ohne alle Bitterkeit von ihrem schweren Leben und hofft, dass der Ukraine-Konflikt nicht noch mehr Menschenleben fordert, als er das eh schon tat. "Man hat doch nur ein Leben", sagt sie. "Da darf man doch nicht aufeinander schießen", bittet sie die Menschen in Mayers Kamera hinein und ist damit der Ausweis für die Wahrhaftigkeit einer ukrainische Spruchweisheit, die dem Film vorangestellt ist: "Nicht die alten Leute frage um Rat, sondern die, die gelitten haben".
Gelitten, wie Iryna Bjenko-Schul. Und dann ist da noch Nahorna Natalya Wadymiwna. Sie hat ihren Sohn an der Front verloren. Und sie ruhte nicht, bis sie seinen Leichnam dort fand und mit nach Lviv nehmen durfte. In Lviv hat sie ihn beerdigt, damit sie einen Ort hat, an dem sie ihn betrauern kann.


Ohne alle Sentimentalität

Das alles zeigt der Film ohne alle Sentimentalität in harten Kontrasten und poetischen Bildern. Knapp 20 Minuten ist man als Zuschauer im winterlichen Lviv gebannt dabei. Man wird nicht überrumpelt von grausamen Bildern, man wird aber zutiefst angerührt von der Ausstrahlung der Protagonistinnen und ihrer schier unfassbaren Stärke, Kraft und Zuversicht.
Dem kleinen Meisterwerk in Schwarz-Weiß ist also ein zahlreiches Publikum zu wünschen und der BRK-Sonderaktion ein großer Erfolg. Im Idealfall so Mayer, der seinen Film gerne auch an Schulen vorstellt, kämen so viele Spenden zusammen, dass das Medico-Sozial-Zentrum wenigstens einige Jahre in seiner Existenz gesichert ist. Winter in Lviv ist unter www.winter-in-lviv.org auch im Internet abrufbar.
Doch zunächst, am 1. November, gibt es im Odeon-Kino ab 19 Uhr erst einmal die Premiere. Und natürlich werden da Mayer und sein Team anwesend sein.


Spenden für das medizinische Versorgungszentrum

Spenden Der BRK-Kreisverbands Bamberg hat ein Spendenkonto für das Medico-Sozial-Zentrum eröffnet.

Konto Spenden können an IBAN: DE 98 7705 0000 0000 0193 56 mit dem Vermerk "Spende Lviv" überwiesen werden.
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