München
Oper

Ein schmerzhaftes Geschenk

Kirill Petrenko, das Staatsorchester und großartige Solisten brillieren in einer "Salome"-Inszenierung, die das Publikum aber spaltet. Für das Regieteam gab es bei der Premiere im Nationaltheater heftige Buhrufe.
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Salome (Marlis Petersen) absolviert ihren Schleiertanz nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Tod (Peter Jolesch)  Foto: Wilfried Hösl
Salome (Marlis Petersen) absolviert ihren Schleiertanz nicht allein, sondern gemeinsam mit dem Tod (Peter Jolesch) Foto: Wilfried Hösl

Gleich zwei aktuelle Publikationen der Bayerischen Staatsoper sollte man lesen, bevor man die Neuinszenierung der 1906 uraufgeführten "Salome" von Richard Strauss besucht: Denn ohne die Befragung von Krzysztof Warlikowski und dem Zwiegespräch des Regisseurs mit jenem Kollegen, der die zweite Großproduktion der Münchner Opernfestspiele besorgt, würde einem einiges an Erkenntnissen entgehen.

Klingt nicht gerade ermutigend. Normalerweise gilt: Eine Interpretation sollte für sich sprechen und ohne Gebrauchsanweisung verstanden werden. Für Warlikowskis vierte Arbeit am Nationaltheater sei eine Ausnahme gemacht, weil dieser sperrige Abend einen auf unerwartete Weise packt, gründlich aufräumt mit einschlägigen Klischees, neue Assoziationsräume öffnet und Denkanstöße gibt, die lange nachhallen.

Kollektiver Selbstmord

Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Die Inszenierung beginnt mit einem zusätzlichen szenischen Prolog und Gustav Mahlers Kindertotenlied Nr. 1 vom Band. Die in einer herrschaftlichen Bibliothek (Ausstattung: Malgorzata Szczeniak) versammelte Gesellschaft führt sich eine Kabarettszene vor, bevor als nächstes Spiel im Spiel die "Salome"-Handlung anhebt.

Das verzerrende Kabarett, über das sich ein Teil der Protagonisten amüsiert und ein anderer empört, will zeigen, dass diese Menschen assimilierte Juden in den frühen 1940er Jahren sind, die sich vor den Nazis versteckt haben. Am Ende, wenn sie entdeckt worden sind, begehen alle kollektiven Selbstmord. Hier herrscht also nicht nur, was Narraboth, Jochanaan und Salome betrifft, Todesnähe.

Anders als in der biblischen Vorlage und im Libretto Oscar Wildes sind alle Figuren bedroht, befinden sich im Ausnahmezustand. So übernimmt der Rabbi der Zwangsgemeinschaft eher ungern die Rolle des Herodes, so spielt eine junge Frau den Pagen als eine zwischen Angststarre und nekrophilem Ausbruch unglücklich Liebende. Und das Judenquintett gewinnt eine andere Bedeutung, wenn es in eine Art Abendmahlszene mündet.

Salome ist eine erwachsene, elegante, selbstbewusste Frau in Rot - eine kühle Schönheit mit Entwicklung. Die stupende Sängerdarstellerin Marlis Petersen macht die Brüche ihrer Figur(en) spürbar, ist auf der einen Ebene ein feinnervig-stolzes Opfer, das auf der zweiten Ebene umso klarer merkt, wie das Produkt missratener Eltern allmählich vom Opfer zur Täterin mutiert.

Blutgetränkter Stoff

Nein, sie braucht keine Silberschüssel mit abgeschlagenem Kopf, um das Drama zu vollenden: Eine Kiste mit blutgetränktem Stoff genügt, um alle Sehnsucht, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, das Entsetzen und den Schmerz an untilgbarer Schuld zu offenbaren. Schade nur, dass sich der Anspielungsreichtum und die Tiefe der szenischen Einfälle dem Publikum zu selten direkt mitteilen.

Der Regisseur und seine betriebsblinden Dramaturgen haben die ungewöhnliche Ausgangssituation, das Setting, zwar ausführlich im Programmheft, aber nicht direkt in der Aufführung verständlich gemacht. Dabei hätte Warlikowski, der sich im Hochglanzmagazin Max Joseph mit Barrie Kosky über skandalöse Frauenfiguren austauscht, nur abkupfern müssen, wie der Kollege das Problem in den Bayreuther "Meistersingern" gelöst hat: mit ein paar erläuternden Sätzen auf dem Zwischenvorhang.

Bei dieser "Salome" wäre dann zwar mitnichten alles schlüssig, denn zu sehr verliert die Regie die eigentliche Geschichte aus dem Blick. Aber man würde zum Beispiel die den Totentanz begleitende Animation (Video: Kamil Polak) einordnen können. So bleibt der unangenehme Beigeschmack, als Publikum nach dem Motto "Friss, Vogel, oder stirb" abgefertigt zu werden. Kein Wunder, dass es heftige Buhs für den Regisseur gab.

Die musikalische Seite der Produktion hingegen lässt kaum Wünsche offen. Dirigent Kirill Petrenko schafft mit dem Staatsorchester in Höchstform die Strauss-Quadratur des Kreises. Er trägt die sorgsam ausgewählten Sänger, deren Stärken und Schwächen er genau kennt, auf Händen.

Sobald sie schweigen, entlockt er den Instrumentalisten Farben und Nuancen, Klänge, Rhythmen, Harmonien und Dissonanzen in einer Dynamik zwischen hauchzarter Transparenz und archaischer Wucht, die einfach unerhört ist.

Dass sein Dirigat untrennbar mit der Inszenierung verwoben ist, versteht sich von selbst und wird nicht nur durch die überragende, wie mit einem Aufschrei vom Publikum gefeierte Titelprotagonistin erfahrbar.

Es ist ein großes, schmerzhaft bewegendes Geschenk, Petrenkos Interpretation in einer "Salome" zu erleben, in der das Grauen der Shoah aufscheint.

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