Obersteinbach
Wald

Ein Kahlschlag, der Generationen beschäftigt

Wie die Waldbauern im Steigerwald mit den Folgen von Stürmen und anderen extremen Witterungen kämpfen, zeigt ein aktuelles Beispiel.
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Gemeinsam begutachten (von links) Thomas Rabe, Revierleiter Crailsheimische Forstverwaltung,  Michael Hornung, Geschäftsführer der Waldbesitzerverband Steigerwald,  und  Benjamin Göbel, Forstamtmann beim  Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bamberg, die Fläche, auf der der Mini-Tornado gewütet hat.Diana Becht-Zwetkov
Gemeinsam begutachten (von links) Thomas Rabe, Revierleiter Crailsheimische Forstverwaltung, Michael Hornung, Geschäftsführer der Waldbesitzerverband Steigerwald, und Benjamin Göbel, Forstamtmann beim Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Bamberg, die Fläche, auf der der Mini-Tornado gewütet hat.Diana Becht-Zwetkov
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"Hier ist in ein paar Minuten die Arbeit von 120 Jahren zerstört worden", sagt Thomas Rabe und zieht mit der Hand einen Halbkreis vor sich. Auf einer Fläche von fünf Hektar hat der vergangene Sturm alles gefällt. Diese Fläche gehört der Familienstiftung von Crailsheim, Rabe ist als Förster dort angestellt und in zweiter Generation für 1000 Hektar Wald der Stiftung verantwortlich. In ein paar Jahren wird sein Sohn übernehmen. Und erst dessen Enkel werden von der Wucht der Zerstörung auf dem Stück, auf dem die drei Forst-Männer gerade stehen, nichts mehr sehen.


Wie eine Mondlandschaft

Denn übrig sind jetzt, gut zweieinhalb Monate nach dem Mini-Tornado, abgebrochene und entwurzelte Bäume und eine große Fläche, die aussieht, wie eine Mondlandschaft. "Da treibt es selbst altgedienten Waldleuten die Tränen in die Augen", erzählt Benjamin Göbel vom Forstamt Bamberg. Er ist zuständig für die Waldbauern der Gegend. Der 36-Jährige gibt Ratschläge und Hilfe wenn auf- oder durchgeforstet werden muss, er kontrolliert den Wald auf Schädlinge und gibt gegebenenfalls Hilfestellung, wie der Waldbesitzer damit umzugehen hat. Außerdem erstellt er aktuell das Vegetationsgutachten, das Auskunft darüber gibt, wieviele Bäume vom Wild verbissen wurden.

Michael Hornung, der Dritte im Bunde, nickt zustimmend. "Es ist ja nicht nur das Holz, das jetzt schnell aus dem Wald musste. Das größte Problem ist, dass jetzt in kurzer Zeit das gemacht und bezahlt werden muss, was eigentlich auf 20 Jahre veranschlagt war."

Im Klartext: Forstamtmann Göbel und Förster Rabe hatten den Plan, langfristig und nachhaltig den Wald umzubauen. Mit Tannen, die als erstes angepflanzt werden. Denn die wachsen auch im Schatten der anderen Bäume. Nach und nach - ungefähr in einem Zeitraum von zehn Jahren - sollte dann mit Laubholz weiter gemacht werden. Buchen zum Beispiel und Eichen. Wenn Stück für Stück die Fichten geerntet worden wären.


Jahrzehnte bis zur Ernte

"Die Einsicht, dass hier Mischwald den Fichtenbestand ablösen muss, gab es ja schon vor mehr als hundert Jahren, deshalb habe ich quasi da weiter gemacht, wo mein Vater aufgehört hat. Und vor ihm sein Vorgänger. Und mein Sohn sollte ebenfalls da weiter machen", erklärt Rabe. Doch daraus wird nun nichts mehr. "Hier muss jetzt auf einen Schlag angepflanzt werden und es wird Jahrzehnte dauern, bis auf dieser Fläche wieder geerntet werden kann", sagt Göbel.

Mit anderen Worten: Nach so einem Schaden ist für die nächsten mindestens 50 Jahre nichts zu holen. Dann dürften die Fichten, die von allein wieder wachsen, weil ihr Samen bereits im Boden ist, einigermaßen erntereif sein. Alle anderen Bäume brauchen viel, viel länger. Und bis dahin kostet der Wald nur: Hege und Pflege. Und die ist aufwendig und funktioniert nur, wenn "alle an einem Strang ziehen", formuliert es Rabe. "Man kann nicht den Samen ausbringen und dann einfach einhundert Jahre lang warten. Wir müssen dafür sorgen, dass die jungen Bäumchen nicht vom Rehwild verbissen werden", so Rabe weiter. Das wiederum geht nur, wenn alle ihr Abschuss-Soll erfüllen.


"Wald muss Wald bleiben"

"Das hier", Göbel, der Mann vom Amt, weist auf den Wald, der noch steht, "ist alles Forst." Will sagen: Kein Wald im ursprünglichen Sinne, kein Urwald also. Der Wald ist von den Menschen kultiviert und so soll und muss er auch erhalten werden. Dafür gibt es Gesetze, eins davon, das Waldgesetz, schreibt vor, dass - mit ein paar kleinen Ausnahmen - innerhalb von drei Jahren so eine Fläche wie die, auf der die drei sich unterhalten, wieder aufgeforstet werden muss. Denn "Wald muss Wald bleiben", sagt Göbel.

"Der Wald ist so wichtig für uns Menschen. Für alle, nicht nur für uns Waldbauern", erklärt Hornung weiter, "und deshalb müssen wir uns weiter Gehör verschaffen." Bei der Politik zum Beispiel. Die stellt sich per Waldförderprogramm, das immer wieder neu aufgelegt und den aktuellen Umständen angepasst wird, helfend hinter die Waldbesitzer. Einen knappen Euro erhält der Waldbesitzer pro Pflanze für die Aufforstung.

Mehr als 700 Mitglieder hat die WBV Steigerwald, die vor 48 Jahren gegründet wurde, inzwischen. Im Schnitt gehört jedem Mitglied rund zehn Hektar Wald. "Reich wird man damit nicht und leben kann man vom Wald erst ab circa 500 Hektar", sagt Hornung, der Geschäftsführer. "Wald ist doch mehr, als eine Einnahmequelle. Er ist Tradition, Herzblut, Leidenschaft. Wer Wald besitzt, tut das sicher nicht wegen der Rendite", so Rabe, der Privat-Förster, "der Wald ist ein sensibles Gefüge. Er gibt uns Holz, Luft und Kraft." Doch die extremen Witterungen fordern ihren Tribut, das Umstellen auf Mischwald ist eine nötige Folge.


Die Kiefer und die Hitze ...

"Wir brauchen Bäume, die tief wurzeln, wie die Tanne", erklärt Göbel. "Und eben die Bäume, die mit den veränderten Witterungsbedingungen besser klar kommen." Die Kiefer, auch ein Baum, der im Steigerwald sehr oft vorkommt, ist das wohl ebenfalls nicht mehr. Sie verträgt die Hitze nicht, wenn es im Sommer, wie 2015, mehrere Tage hintereinander zu heiß ist.

Hornung hat dazu eigens einen Referenten zur Jahreshauptversammlung geladen. "Über das neuartige Kiefernsterben". "Im Wald ist der viel zitierte Klimawandel zuerst zu sehen und zu spüren", sagt Rabe und kann irgendwie immer noch nicht fassen, welche Schneise der Zerstörung der jüngste Sturm verursacht hat. "Habt ihr sowas in eurer Amtszeit schon gesehen?", fragt er die beiden anderen. Kopfschütteln. Dann schauen sie in die Ferne. Dorthin, wo die alten Bäume stehen und der Wald schon nach Frühling riecht.
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