Bamberg
Gericht

Ein Heimplatz ab 2495,50 Euro

Profitierte die Heimleitung von Schloss Gleusdorf davon, wenn kranke Bewohner nicht ins Krankenhaus verlegt wurden? Im Zeugenstand erkennt ein Mitarbeiter der Regierung von Unterfranken hier kaum einen finanziellen Vorteil.
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Foto: adobe stock
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Folgt man der Anklage im Gleusdorf-Prozess, wurden Heimbewohner nicht ins Krankenhaus verlegt, obwohl das medizinisch geboten war. Zumindest in einem Fall hätte man laut Staatsanwaltschaft durch eine Behandlung im Krankenhaus den Tod eines Bewohners verhindern können. Einige Zeuginnen hatten vor Gericht ausgesagt, dass die Heimleiterin Angelika R.(alle Namen geändert) stationäre Behandlungen nach Möglichkeit verhindern wollte, weil dem Heim und seinen Betreibern dadurch viel Geld verloren gehe.

Zu dieser Frage sollte vor dem Landgericht Bamberg nun ein Mitarbeiter der Sozialverwaltung des Bezirks Unterfranken aussagen. Er verhandelt auch mit Schloss Gleusdorf seit vielen Jahren die Pflegesätze ("hier gab es keine Probleme"). Der Bezirk springt ein, wo Heimbewohner und Angehörige die Pflegekosten nicht mehr selbst tragen können. Das war 2016 bei acht bis neun der 70 Gleusdorf-Bewohner der Fall, aktuell sind es noch vier.

Eintrittsalter im Schnitt bei 81 Jahren

Nach Aussagen des Zeugen kostete im Dezember 2016 ein Heimplatz in Schloss Gleusdorf 2495,50 Euro im Monat (darin ist der Beitrag der Pflegekasse enthalten), für einen Bewohner in der damaligen Pflegestufe 1. Bei einem Krankenhausaufenthalt von bis zu fünf Tagen wurden dem Heim die vollen Kosten erstattet. Erst ab dem fünften Tag seien Abschläge von 25 Prozent angefallen - die allerdings kaum ins Gewicht fielen. Denn selbst bei zehn Tagen im Krankenhaus hätte das Heim noch knapp 2410 Euro erhalten - ohne dass der Einrichtung in dieser Zeit Verpflegungskosten oder Betreuungsaufwand entstanden wären. "Ich sehe aus finanzieller Sicht keinen Grund, jemanden nicht ins Krankenhaus zu bringen", sagte daher der Zeuge. Wie es sich freilich bei den Selbstzahlern verhält, war kein Thema dieser Verhandlung.

Der Pflege-Experte konnte aber noch einige Hintergründe zur Heimbetreuung liefern. Da die ambulanten Angebote zugenommen hätten, liege das durchschnittliche Eintrittsalter in Pflegeheime derzeit bei 81 Jahren. "Durch die Verpflanzung vom heimischen Umfeld in eine stationäre Einrichtung bauen dann aber viele Leute auch ab." Im Schnitt blieben die Bewohner etwa zwei Jahre im Heim. Die Pflegesätze der Heime hängen auch stark von der Einhaltung bestimmter Personalschlüssel ab. Viele Heime hätten es aber unheimlich schwer, qualifiziertes Fachpersonal zu gewinnen.

"Bewohner wurden angeschrien"

Eine weitere Zeugin sprach über ihren Bruder, der noch immer in Schloss Gleusdorf lebt. Zum Faustschlag ins Gesicht, den ihm laut Anklage der frühere Pflegedienstleiter Peter N. verpasst haben soll, könne sie nichts sagen. "Auch mein Bruder hat mir gesagt, er weiß nichts und hat Angst, was zu sagen." Allerdings habe sie beim Bruder häufiger Verletzungen, aufgescheuerte Knie oder blaue Fußnägel, festgestellt. Man habe ihm so viele Tabletten verabreicht, "dass er in ganz schlechter Verfassung war und nur noch vor sich hingesabbert hat". Und ein Zimmernachbar, mit dem er sich ständig stritt, habe ihn so geschubst, dass er sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog. Vom Pflegepersonal seien keine Schläge ausgegangen, nur einer habe ihren Bruder immer "komisch angefasst". Warum sich weder sie, noch der Betreuer, angesichts der Vorkommnisse um einen anderen Heimplatz bemühten, wurde vor Gericht nicht erörtert.

Eine 2016 in Gleusdorf tätige Altenpflegehelferin konnte sich an wenig erinnern. Sie habe sich nicht wohlgefühlt und sei mit der Heimleitung nicht zurecht gekommen. Nach einem guten halben Jahr sei sie in ein anderes Heim gewechselt, zu dem sie nicht so weit fahren musste. Von Handgreiflichkeiten in Gleusdorf habe sie nichts mitbekommen, aber "es kam schon vor, dass Bewohner angeschrien wurden". Ganz anders fiel die Aussage einer Kollegin aus, die seit 2009 in Gleusdorf arbeitet: "Mir hat es dort schon immer gefallen." Vom Schlag ins Gesicht eines Bewohners wisse sie nichts. Die Frau könne sich bei ihm nur an einen Kratzer erinnern, der sich auch im Pflegebericht wiederfinde.

Der Prozess gegen die früheren Verantwortlichen der Seniorenresidenz Gleusdorf wird am 19. September fortgesetzt. Ein Urteil könnte nach Einschätzung des Vorsitzenden Richters Manfred Schmidt noch vor Weihnachten fallen.

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