Bamberg
Theater im Gärtnerviertel

Ehekrieg mit ungewissem Ausgang

Mit Edward Albees modernem Klassiker "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" beweist die freie Truppe in Bamberg erneut ihre Professionalität.
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Vom Alkohol befeuertes Psycho-Massaker (von links): Nick (Benjamin  Bochmann), George (Stephan Bach), Honey (Heidi Lehnert) und Martha  (Ursula Gumbsch)  Foto: Werner Lorenz
Vom Alkohol befeuertes Psycho-Massaker (von links): Nick (Benjamin Bochmann), George (Stephan Bach), Honey (Heidi Lehnert) und Martha (Ursula Gumbsch) Foto: Werner Lorenz

Wenn jemand ein Meisterstück abliefert, ist er ein Meister. Wenn er erneut ein Meisterstück schafft, was ist er dann? Zum Meister gibt es keine Steigerung. Schwer fällt es also, die Leistung des "Theaters im Gärtnerviertel" (TiG), das schon mit der "Anna Karenina" beeindruckt hatte, nach der Premiere von Albees "Virginia Woolf" am Samstag einzuordnen. Es sei mit anderen Vokabeln dennoch versucht: großartige Leistung, phänomenale Schauspieler, ein unvergesslicher Theaterabend.

Spielort ist diesmal das Atrium des C.-C.-Buchners-Verlags am Laubanger. Der ist mittlerweile Teil einer Holding: Der Name "Bamberger Verlags-Gruppe" ist vielen Bambergern nicht geläufig, sagte Buchners-Chef Gunnar Grünke zur Begrüßung. Nun, vielleicht ändern die Inszenierungen des TiG in dem großzügig gestalteten Atrium des Verlags daran etwas. Groß ist diesmal auch die Bühne. Sind die TiG-Schauspieler doch gewohnt, in mitunter drangvoller Enge zu agieren.

Derangiertes Wohnzimmer

Auf dem Podium, das die Zuschauer halbkreisförmig umschließen (Bühne: Benjamin Bochmann und Regisseurin Marsha Fox), ist ein etwas derangiertes Wohnzimmer arrangiert, flankiert von einer Myriade leerer Schnapsflaschen, einem großen Kühlschrank im Hintergrund, einer Hausbar selbstredend und einer lebensgroßen Puppe in College-Kleidung mit Wolfsmaske.

Masken tragen auch die Protagonisten auf der Galerie zunächst - die ebenso wie eine breite Treppe bespielt werden kann. Masken als Symbol für Lebenslügen und hohle Potemkin'sche Fassaden, die Lebensglück vorgaukeln sollen. Sie fallen bald: real und im Spiel der vier sich zerfleischenden Männer und Frauen. Edward Albee (1928-2016) hat in seinen 1962 uraufgeführten modernen Klassiker viel, vielleicht gar zu viel hineingepackt, auch spezifisch Amerikanisches, auch Zeitgebundenes. Aber es bleibt genug zeitloser Stoff übrig für packendes Schauspielertheater. Da geht es um verlorene Illusionen, um den amerikanischen Traum - der einige Jahre später mit Vietnam und Protestbewegung ausgeträumt war -, um soziale Zwänge und, natürlich, um eine veritable Ehehölle.

George (Stephan Bach) und Martha (Ursula Gumbsch), das Ehepaar mittleren Alters, bekriegt sich in dem dreiaktigen Stück verbal und durchaus auch körperlich. Zweifellos inspiriert von Strindbergs Dramen und Autobiografie, hatte Albee zwei Figuren geschaffen, denen man mit Thomas Meyers Essay "Trennt Euch!" zurufen möchte, die aber in einer unheilvollen Symbiose aneinanderkleben. Der nächtliche Besuch des jungen Paars Nick (Benjamin Bochmann) und Honey (Heidi Lehnert) wirkt wie ein Katalysator für eine durch Alkohol befeuerte Ehe-Apokalypse, an deren Ende, einem "Exorzismus", jedoch ein Hoffnungsschimmer aufscheint. George im akademischen Mittelbau festgefahren, Martha eine frustrierte, alternde Alkoholikerin, Nick ein karrieregeiler Sonnyboy, Honey ein neurotisches Doofi, ein fiktiver Sohn als Vademekum für eine verkorkste Beziehung - das könnte zu dick aufgetragen sein, wenn, ja wenn da nicht großartige Schauspieler auf dem Tableau der Gemeinheiten agierten.

Stephan Bach, immer gut, wächst als der von seiner Frau gedemütigte George schier über sich hinaus. Mit schiefer Krawatte, offenem Hosenbund (Kostüme Chrysenda Sailmann), unrasiert, zwischen Hass und intellektueller Brillanz pendelnd, schafft es, in Mimik und Körpersprache die Ambivalenz dieser eigentlichen Hauptfigur glaubhaft und geradezu dröhnend auf die Bühne zu bringen. Ursula Gumbsch als Martha sah man noch nie so körperlich, so hysterisch-verzweifelt spielen, bei aller trunkenen Vulgarität lässt sie dennoch einen zutiefst verzweifelten Menschen erkennen. Als Kontrast der - scheinbar - kraftstrotzende, scheinbar virile Nick Benjamin Bochmanns, der dessen Selbstentblößung auch augenscheinlich vollzieht, und als besondere Überraschung Heidi Lehnerts Honey. Man hätte ihr, offen gestanden, so viel komisches Talent nicht zugetraut, das über die Bühne krabbelnde, lallende und sich erbrechende Häufchen Elend, das auch für komische Momente sorgt. Ja, Albees "Virginia Woolf" ist auch ein grotesk komisches Stück, ein Seminar zur Einführung in die Taktik des Ehekriegs.

Regisseurin Cox und Produktionsleiterin Nina Lorenz haben es offenbar verstanden, in ihrem Bühnen-Quartett Spielfreude und Talent zu entfesseln, eine geradezu explodierende Tragikomödie im Verlags-Atrium zu inszenieren. Das Publikum dankte ihnen und den Schauspielern mit langem Beifall. Wie ihn ein Meisterstück auch verdient hat.

Termine und Karten:

Spielort C. C. Buchners Verlag, Laubanger 8, Bamberg

Weitere Vorstellungen 24., 25., 26., 31. Januar, 1., 2., 6., 7., 21., 22., 23. Februar

Karten bvd, Tel. 0951/9808220, Betten-Friedrich, Ob. Königstr. 43, Tel. 0951/27578

Dauer ca. zweieinhalb Stunden, eine Pause

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