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"Du sprengst unsere frauenfreie Zone" - Melanie Huml über Politik als Frau

Melanie Huml, bayerische Gesundheitsministerin aus dem Stimmkreis Bamberg-Stadt, spricht im Interview über Fragen, die nur Frauen gestellt werden, warum sie gegen die Quote ist, und appelliert "Frauen, traut euch mehr zu!"
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Gesundheitsministerin Melanie Huml (rechts) und ihre Kollegin Judith Gerlach (Ministerin für Digitales) bei der Vereidigung im Landtag. Obwohl viele ihrer männlichen Kabinettskollegen auch Kinder haben, werden meist nur Huml und Gerlach nach der Vereinbarkeit von Familie und Karriere gefragt.  Foto: Matthias Balk/dpa
Gesundheitsministerin Melanie Huml (rechts) und ihre Kollegin Judith Gerlach (Ministerin für Digitales) bei der Vereidigung im Landtag. Obwohl viele ihrer männlichen Kabinettskollegen auch Kinder haben, werden meist nur Huml und Gerlach nach der Vereinbarkeit von Familie und Karriere gefragt. Foto: Matthias Balk/dpa

Im Jahr 2003 trat Melanie Huml zum ersten Mal an - als eine der wenigen Frauen in der CSU. Sie setzte sich durch und sitzt seitdem im bayerischen Landtag, im neuen Kabinett als Gesundheitsministerin. Welchen Gegenwind sie von männlichen Kollegen erfahren hat, welche Parteikolleginnen sie unterstützten und warum sie ein Vorbild für Digital-Ministerin Judith Gerlach ist, verrät Huml im Interview.

Während des Referendariats bekam meine Mutter von einem Schulleiter zu hören, sie solle lieber zu Hause bleiben, sich um ihre Kinder kümmern und die Stelle einem Mann überlassen. Mussten Sie sich im Laufe Ihrer Karriere ähnliche Sprüche anhören?

Melanie Huml: Teilweise, vor allem im Medizinstudium. Da hatte ich einen Professor, der gesagt hat, wir Frauen nähmen den Männern den Studienplatz weg. In der Politik hatte ich eher den Eindruck, dass man bemüht ist, Frauen mit dabei zu haben.

Gab es also keinerlei Gegenwind von männlichen Kollegen?

Wenig. Als ich in den Landtag kam, haben sich viele sogar gefreut, dass sie eine so junge Frau in ihren Reihen hatten. Vor allem die, die selbstbewusste Töchter in meinem Alter haben. Auch zu den Männern in meinem Alter hatte ich gute Kontakte. Das Alter dazwischen war etwas schwieriger. Viele lebten noch ein klassisches Familienbild. Da war es ungewöhnlich, dass es eine junge Frau gibt, die sie in der Karriere überholen könnte. Als ich zum ersten Mal angetreten bin, als Kreisvorsitzende der Jungen Union (JU), hatte ich einen männlichen Gegenkandidaten. Da gab es teilweise abwertende Kommentare.

Und als Günther Beckstein mich als Staatssekretärin berufen wollte (2007), kam plötzlich das Gerücht auf, dass ich schwanger sei. Das war ich nicht, und man hätte mich auch einfach fragen können. Außerdem wäre es auch kein Hindernis gewesen. Aber Günther Beckstein hat zu mir gehalten. Als ich dann als Staatssekretärin ins Amt kam, gab es aus der Opposition jemanden, der von "Kinderüberraschung" gesprochen hat - ich glaube das war jemand von den Grünen.

Wird man als Frau in der Politik anders behandelt?

Wir bekommen andere Fragen gestellt. Viele Kabinettsmitglieder haben kleine Kinder: Hubert Aiwanger, Georg Eisenreich, Hans Reichhart, Judith Gerlach und ich. Aber ich habe den Eindruck, dass nur Judith und ich gefragt werden, wie man Karriere und Familie vereinbaren kann. Warum? Ich glaube, dass Aiwanger, Eisenreich und Reichhart auch gerne Zeit mit ihren Kindern verbringen. Außerdem wird viel mehr über Frisuren und Kleidung von Frauen in der Politik geschrieben, als bei Männern. Auch die Wortwahl ist anders: Wenn Angela Merkel sich durchsetzt, heißt es so was wie "Sie hat sich durchgebissen" oder "ihn geschasst". Bei einem Mann heißt es einfach "er hat sich durchgesetzt".

Die CSU hat mit 20 Prozent den zweitgeringsten Anteil an weiblichen Mitgliedern aller Parteien (nach der AFD mit 16 Prozent). Bei Grünen und Linken ist der Anteil fast doppelt so hoch. Liegt das auch daran, dass die CSU eine bewusst konservative Partei ist, also ein traditionelles Familienbild pflegt?

Der Frauenanteil in der CSU ist verbesserungswürdig. Das ist auch etwas, das Markus Söder angehen möchte. Aber in der Führungsriege haben wir schon relativ viele Frauen. Wir haben mit Barbara Stamm viele Jahre lang eine Landtagspräsidentin gehabt, in der Stellvertreterriege von Horst Seehofer sind wir mehr Frauen als Männer. Da ist schon Potenzial da. Aber es ist auch wichtig, dass wir für Frauen noch attraktiver werden. Wenn es in der Parteibasis nur 20 Prozent Frauen gibt, ist es auch entsprechend schwer, Positionen mit Frauen zu besetzen. Aber es gibt schon viele Formate, um ein Netzwerk von Frauen aufzubauen, die sich für Politik interessieren. Es passiert viel. Aber die CSU wird trotzdem oft als konservative Männerpartei wahrgenommen. Als junge Abgeordnete bin ich oft mit dem Zug nach München gefahren und habe viel mit den Mitreisenden gesprochen. Als die erfahren haben, dass ich im Landtag bin, kam die Frage "für welche Partei?" Auf die CSU kam keiner. Das ist ein bisschen schade. Ich will aber, dass sich das über Bewusstseinsbildung ändert, nicht über feste Vorgaben.

Wie stehen Sie zur Frauenquote?

Familienintern ist es so: Mein Mann ist dafür, ich bin dagegen. Weil es mich ärgert, wenn es heißt "das ist eine Quotenfrau". Wir sind mehr! Und wir können auch mehr! Mein Mann hat argumentiert, dass es manchmal trotzdem eine Regelung braucht. Da hat er nicht ganz Unrecht. Bei meiner ersten JU-Veranstaltung waren wir zwei Frauen und 30 Männer. Aber die Quote hat teilweise auch geholfen, zum Beispiel im Bezirksverband oder auf Landesebene. 2003 war ich die einzige CSU-Frau, die in den Landtag gewählt wurde. Da hat jemand zu mir gesagt "Du sprengst unsere frauenfreie Zone". Die sollte es aber nicht mehr geben.

Gemischte Teams bringen meiner Ansicht nach die besten Ergebnisse. Auch wenn die Frauen dabei weniger auffallen. In der Fraktion ist es manchmal so, dass wir Frauen der Meinung sind, zu dem Thema wurde schon alles gesagt. Also sagen wir nichts mehr. Da hat ein Mann glaube ich eher das Gefühl, er muss jetzt noch seine Meinung kundtun. Da sind wir glaube ich effizienter. Aber auch oft zurückhaltender - wie in vielen Bereichen.

Wo noch?

Ich kann Frauen nur ermutigen "ja" zu sagen. Frauen, traut euch mehr zu! Das sage ich aus eigener Erfahrung. Für die Leitungsstelle einer Abteilung habe ich eine Frau gefragt. Sie hat gesagt, sie möchte sich das Wochenende Zeit nehmen und nachdenken, ob sie sich das zutraut. Für eine andere Abteilung habe ich einen Mann gefragt. Der hat sofort "ja" gesagt. Der ist gar nicht auf die Idee gekommen, sich noch mal Gedanken zu machen. Und: Frauen führen auch anders.

Wie führen denn Frauen?

Wir sind einfach nicht so laut. Meine oberfränkischen Kollegen mussten sich auch erst Mal dran gewöhnen, dass man Dinge auch durchsetzen kann, wenn man nicht der Lauteste ist. Auch meine Mitarbeiter mussten sich umgewöhnen, weil sie eher die Struktur kennen: Der Minister sagt, und es wird gemacht. Aber ich will, dass eine ehrliche Diskussion entsteht. Auch mit kritischen Stimmen zu meiner Haltung. Mein Büroleiter meint heute noch: "Wenn Sie sagen, wir könnten, dann weiß ich, Sie wollen das so."

Mit Günther Beckstein hatten sie einen prominenten männlichen Fürsprecher. Braucht es die in der CSU?

Naja, dass ich damals (2003) überhaupt auf der Liste für den Landtag stand, da hat mich zum Beispiel Werner Schnappauf unterstützt - obwohl er selbst ja auch kandidiert hat. Manchmal ist es aber schon so, dass Unterstützung da aufhört, wo man demjenigen gefährlich werden kann - bei Männern wie bei Frauen. Wenn du neu bist hast du vielleicht andere Unterstützer, als wenn du dann plötzlich im Amt bist. 2007 habe ich viel Unterstützung von Sozialministerin Christa Stewens bekommen. Beim Amtsantritt gab es dann Schlagzeilen wie "Weibliche Doppelspitze - kann das gutgehen?" Dabei gab es früher jahrelang eine männliche Doppelspitze, da hat das keiner gefragt.

Wie ist der Zusammenhalt unter den Parteikolleginnen?

Sehr gut. Mich hat zu Beginn meiner Kabinettszeit ganz stark Ursula Männle unterstützt. Sie hat mich 2007 Günther Beckstein als Staatssekretärin empfohlen. Heute bin ich eher diejenige, die andere Frauen fördert oder Vorbild ist. Ich war damals (2012) die erste Frau, die in der Kabinettszeit ein Kind bekommen hat. Da hat mir Edmund Stoiber einen Brief geschickt, ich hätte bayerische Geschichte geschrieben. Judith Gerlach (seit Oktober 2018 Ministerin für Digitales) sagt zu mir, dass ich in diesem Bereich ein Vorbild für sie bin. Ich glaube es ist nicht verkehrt, wenn es Vorbilder gibt. Weil man sich das dann als Frau vielleicht eher zutraut.

Es gibt eine Riege von Frauen in der Politik - aber auch in der Wirtschaft - die mussten sich entscheiden zwischen Familie und Beruf. Das hat mal die Ursula Männle gesagt: Sie macht deshalb Politik, weil sie sich entscheiden musste und nicht möchte, dass das jüngeren Frauen passiert. Heute hat es die jüngere Generation da häufig leichter - Gott sei Dank.



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