Bamberg
Erfahrung

Drei Reporter berauscht von der Bierstadt Bamberg

Bamberg gilt als die Hauptstadt des Bieres. Wie eine Brauhaus-Tour mit unvergesslichen Erlebnissen, kuriosen Geschichten und einer besonderen Ehre endet.
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Auf eine Biertour durch Bamberg ließen sich die Tauschreporter (v. l.) Sarah Biere, Sabrina Bauer und  Frank Jung ein. Foto: Biere, Bauer, Jung
Auf eine Biertour durch Bamberg ließen sich die Tauschreporter (v. l.) Sarah Biere, Sabrina Bauer und Frank Jung ein. Foto: Biere, Bauer, Jung
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Die FT-Tauschreporter Sarah Biere (Köln), Sabrina Bauer (Bonn) und Frank Jungen (Flensburg) wollen die Bamberger Brauhaus-Kultur einmal hautnah erleben wollen. Hier schreiben sie, was sie erlebt haben:

"Reicht euch a Stund?", werden wir recht wortkarg von der Bedienung im Mahrs Bräu gefragt. Eine Stunde für ein Abendessen und mindestens ein großes fränkisches Bier? Sportlich, aber absolut machbar, entscheiden wir und folgen der Kellnerin an den letzten größtenteils freien Tisch in der urigen Gaststube. Dort sitzen bereits zwei Frauen. "Das gäbe es ja bei uns im Norden so gut wie nie, dass man sich mit Fremden an einen Tisch setzt", berichtet uns Frank. Uns zwei Rheinländerinnen wundert das jedoch nicht. Im Gegenteil: In Köln und Bonn wäre man vermutlich nach kürzester Zeit beim Du und hätte schon die Sitzungskarten für die kommende Karnevalssession in der Tasche.

Wenig später müssen wir noch enger zusammenrutschen, denn der Stammtisch ist im Anmarsch. Wer jetzt an eine ältere Herrenrunde denkt, der liegt komplett falsch. Unsere Sitznachbarn sind in etwa Mitte 20. Sabrina versucht, Kontakt aufzunehmen: "Was spielt ihr denn da?" Verwirrte Blicke, kurzes Zögern: "Krawallo", lautet die knappe Auskunft. Verwirrte Blicke unsererseits. "Das ist eine Mischung aus Schafkopf und Bierkopf." Aha! Gespielt wird natürlich um ein Bier.


Stehen und Trinken

Nach und nach wächst die junge Stammtisch-Gruppe, und wir müssen unseren Platz räumen. Schade eigentlich. Wir verlagern unseren Biergenuss in das, was wir schlicht für den Brauhaus-Flur halten. Dass der Durchgang hier jedoch mit dem eigenen Begriff Schwemme geehrt wird, lernen wir dort von dem Expertenkreis schlechthin: Die "Stammsteher" wissen besser als jeder andere, warum das Bier dort besonders gut schmeckt.

Täglich treffen sich die Vereinsmitglieder in der Schwemme, um gemeinsam das eine oder andere Bier zu genießen. Franz Arnuld erläutert uns die Vorteile des Trinkens im Stehen: regelmäßig wechselnde Gesprächspartner, Abwechslung am Gaumen, weil sich der Biergeschmack im Laufe der Jahreszeiten temperaturbedingt verändert und geringere Versackungsgefahr dank fehlender Stühle. Arnuld sieht es so: "Wir machen hier eine Flur-Exkursion."


Die eingesperrten Krüge

Sarah hat inzwischen die kleinen, massiven Schließfächer aus Holz entdeckt. Hier wird das Allerheiligste der "Stammsteher" gehortet, wenn sie fertig sind. Damit sind keine Wertsachen gemeint, sondern der persönliche Bierkrug eines jeden. "So was möchte ich in meiner Stammkneipe in Köln auch haben", sagt Sarah begeistert. "Für a schlankes Kölschglas ist in meinem Fach schon noch Platz", bietet der zweite Vorsitzende der "Stammsteher", Georg Ditterich, der gebürtigen Kölnerin an. Was für eine große Ehre! Darauf erst mal a "U"! Diese süffige, hefetrübe Bierspezialität schmeckt den Austauschreportern besonders gut.

Vor dem Wechsel an die nächste Adresse gibt es noch ein paar fränkische Weisheiten mit auf den Weg. "Im Keesmann trinkt ihr am besten ein Pils. Deichratten wie Du können dort auch ein Kleines bestellen", erfährt Frank. Auch die Damen bleiben vom Bamberger Charme nicht verschont: "Bei den Rheinländerinnen muss man aufpassen. Die trinken so viel, die haben schon mit 30 Lachfalten." Ein herzhaftes Lachen, ein Klapps auf die Schultern - Tschüss und Adela. Für uns geht es weiter, einmal quer über die Straße.


Verziert mit Blümchenmuster

"Bürgervereinsmäßig": Dieses Urteil der "Stammsteher" über die Brauerei Keesmann trifft zu: Hohe, weite Räume mit wuchtigen Holzpaneelen in der Gaststube. Wir entscheiden uns direkt für die Schwemme, auch wenn diese noch komplett leer ist. Eine gute Entscheidung, denn sonst hätten wir eine Kuriosität verpasst: An der Schänke steht doch tatsächlich eine Dame mit einer Milchkanne. Keine Milchflasche, sondern eine echte Milchkanne aus Emaille mit Blümchenmuster. Völlig selbstverständlich lässt sich die Kundin ihre Kanne mit Bier füllen. Frank ist perplex und spricht die Besucherin an: "Warum machen Sie denn das?" Wieder einmal ernten wir an diesem Abend einen verwirrten Blick: "Na, weil ich Zuhause Bier trinken will."

Null Verständnis für das Erstaunen der drei Zugereisten. Aber große Offenheit, uns probieren zu lassen: Die Hälfte des Milchkannen-Inhalts ergießt sich in unsere Gläser. Unser Nordlicht Frank ist nachhaltig beeindruckt von dieser ungewöhnlichen Begegnung. "In meiner Heimat trinken Damen in dem Alter kein Bier", erklärt er uns und ergänzt, "zumindest nicht alleine Zuhause, wenn überhaupt, dann nur in Gesellschaft." Bier in der Milchkanne: Das hat wirklich was von Grundnahrungsmittel. Typisch Brauereistadt, typisch Bamberg.

Wenn wir unsere dritte Station an diesem Abend noch schaffen wollen, müssen wir langsam weiter. Diesmal mit einem strammen Fußmarsch. Nächste Station ist die Brauerei Fässla.


Eine neue Mischung?

"Was trinkt man denn bei euch?", fragen wir den netten Herren am Ausschank. "Lager, Pils, Zwergla - was hättet Ihr gerne?" Sarah hat sich zuerst entschieden und bestellt selbstbewusst ein "Lagerpils". "Hättest du des gerne gemischt?", fragt der Wirt und kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Autsch, das war peinlich. "Wo ich herkomme, gibt es halt nur Kölsch. Das ist einfacher", erklärt Sarah und ergänzt: "Ich nehme ein Lager, nicht gemischt."

An unserem Nachbartisch sitzen vier Männer im Rentenalter und spielen Karten. Sarah meint, nach einigen Beobachtungsrunden das Spiel identifiziert zu haben. "Die spielen Doppelkopf - mein Lieblingsspiel", sagt sie und ist auch schon auf dem Weg nach drüben. Doch leider falsch geraten. Die vier Herren sind in ein rasantes Schafkopf-Spiel vertieft. Die Kölnerin darf sich trotzdem dazu setzen und eine Runde zugucken. "Aber mach dir nichts draus. Schafkopf lernt man nicht in fünf Minuten", wird sie vorgewarnt. Wie wahr. Das Spiel ist kompliziert und mit ein paar Bier im Kopf erst recht nicht einmal eben so zu erlernen.

Der Recherche-Abend fordert seinen Tribut. Denn für Nicht-Franken sind die 0,5-Liter-Humpen, das typische Seidla, ganz schön amtlich. "Das ist definitiv mein letztes Bier für heute", sagt Sabrina und kann ein Gähnen kaum unterdrücken.


Zum Abschied ein Versprechen

Aber da steht längst fest, dass es am übernächsten Abend mit höchsten Weihen weitergeht: Da wollen die "Stammsteher" - das hatten sie beim Abschied im Mahrs Bräu versprochen - ein Fass "U" zu Ehren der drei Zugereisten und ihrem Interesse an der fränkischen Braukultur ausgeben. Und da Franken und Tauschreporter ihr Wort halten, endet unsere wunderbare Bamberg-Woche am Freitagabend im Biergarten mit dem einen oder anderen "U", netter Gesellschaft und dem festen Versprechen, wieder einmal vorbeizuschauen.


Über die Aktion Reportertausch 2018

Der #ReporterTausch2018 ist eine Aktion des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger. Vom 14. bis 20. Mai 2018 tauschten Medienhäuser für fünf Tage ihre Reporter. Die Teilnehmer kamen in Lokalredaktionen in einer fremden Region zum Einsatz. An der Aktion nahmen 55 Redakteure von 29 Zeitungen teil.

In die Bamberger Lokalredaktion des Fränkischen Tags hatte es Sarah Biere (Rheinische Post Düsseldorf), Sabrina Bauer (Generalanzeiger Bonn) und Frank Jung (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) verschlagen.
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