Bamberg
Abgasproblematik

Diesel-Nachrüster wartet auf Zulassung

Der Bamberger Martin Pley hat ein System entwickelt, mit dem Dieselautos weniger Stickoxide ausstoßen. Doch das Kraftfahrtbundesamt bremst die Einführung.
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Martin Pley zeigt vor einer Halle im Bamberger Hafen, die er angemietet hat, das von ihm entwickelte Steuergerät und einen Katalysator. Foto: Barbara Herbst
Martin Pley zeigt vor einer Halle im Bamberger Hafen, die er angemietet hat, das von ihm entwickelte Steuergerät und einen Katalysator. Foto: Barbara Herbst
Technisch ist Martin Pley gut dabei. Der 41-Jährige hat mit seiner Hardware-Lösung für Dieselmotoren, die den Stickoxid-Ausstoß um rund 50 Prozent senkt, sogar die Tester des ADAC überzeugt. "Wir haben ungefähr zwei Jahre an dem System entwickelt. Es könnte sogar in einen Smart eingebaut werden", sagt der Bamberger Unternehmer.
Doch anbieten kann Pley seine Entwicklung vorerst nicht. Nach wie vor existieren nur Prototypen. Es fehlt die Zulassung für die Straße. "Das Kraftfahrtbundesamt muss erst eine Zertifizierungsrichtlinie für Nachrüstungen erlassen", erklärt Pley. Doch das Bundesamt lässt sich damit Zeit, viel Zeit. "Weil Minister Scheuer bremst", sagt Pley.

Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) will von Nachrüstungen nichts wissen, er setzt vielmehr auf Software-Updates. Die sind auch der Automobilindustrie lieber, denn sie sind billig zu haben. "Der Effekt solcher Software-Updates ist marginal. Ich bezweifle, dass da 30 Prozent Abgasreduzierung erreicht wird", sagt Pley.


Harnstofflösung wird eingespritzt

Ab 1250 Euro wäre eine Nachrüstung bei Pley zu haben. Danach würde ein Dieselfahrzeug die neue Euro-6d-Temp-Norm erfüllen. Erreicht wird dies durch eine Abgas-Reinigungsanlage mit der sogenannten Selective Catalytic Reduction (SCR)-Technologie. Dabei bringt Pley einen zusätzlichen Katalysator am Auto an, in den Harnstofflösung (AdBlue) eingespritzt wird. Durch eine thermische Reaktion wird AdBlue in Ammoniak zersetzt, das im SCR-Kat mit den Stickoxiden reagiert und diese in die harmlosen Bestandteile Wasser und Stickstoff umwandelt.
Diese Technik ist nicht neu, aber Martin Pley hat sie verbessert. "Unser SCR wirkt schon ab 120 Grad", nennt er ein Detail.
Pley ist Diplom-Chemiker, hat in Köln studiert und in Köln und Colorado (USA) promoviert. In den Raum Bamberg kam er vor zehn Jahren durch einen Job beim Redwitzer Katalysator-Spezialisten Argillon, heute Johnson Matthey (Landkreis Lichtenfels). 2010 machte er sich selbstständig und gründete im IGZ Bamberg seine erste Firma, die sich an Abgassystemen für Kaminöfen versuchte.
Inzwischen setzen er und seine zwei Mitarbeiter ganz auf die SCR-Technik. Geld verdienen sie aktuell nicht mit Nachrüstung, sondern indem sie das System in stationäre Industriemotoren einbauen. "Wenn die Nachrüstung kommt, können wir das aber sehr schnell hochfahren", sagt er.


"Die Großen halten sich zurück"

Vieles hängt davon ab, was in den nächsten Wochen politisch passiert. "Wenn der Verbrennungsmotor in den Städten verboten ist, dann haben die Dieselmotoren, dann hat die Industrie ein großes Problem", sagt Pley. Entgegen kommt ihm die Situation, in der die Autohändler stecken. "Deren Höfe stehen voll mit Euro-5-Fahrzeugen, die niemand kauft. Das ist ein Riesenproblem." Mit Pleys Nachrüstung würden sich die Wertverluste in Grenzen halten.
Laut dem Bamberger Unternehmer existiert aktuell nicht einmal eine Handvoll funktionierende Nachrüstungslösungen in Deutschland, alle von kleinen unbekannten Firmen. "Die Großen der Branche wie Bosch oder Conti gehen da nicht ran, weil sie ihre Verträge mit den Autoherstellern nicht gefährden wollen", meint Pley.
Außerdem sei der Nachrüstmarkt von der Größenordnung für sie nicht so interessant. Bosch hat in der vergangenen Woche verkündet, dass eine neue Technik des Konzerns das Stickoxid-Problem nun lösen könne. "Der neue Bosch-Diesel-Antrieb basiert auf am Markt verfügbaren Komponenten. Er steht den Kunden ab sofort zur Verfügung und kann in die Serienentwicklung einfließen", hieß es bei Bosch.
Das Nachrüstproblem bei den jetzt umherfahrenden Autos mit Dieselmotor ist damit nicht gelöst. Martin Pley bleibt also in Wartestellung - bis das Kraftfahrtbundesamt endlich eine Richtlinie erlässt.


Info: Autos mit Dieselmotor - Wie steht es aktuell um die Nachrüstung?

Abgasnormen Durch die europäischen Abgasnormen werden die Fahrzeuge unterteilt in Schadstoffklassen. Nach einem Beschluss des EU-Parlamentes im Dezember 2006 wurden die Grenzwerte für Feinstaub- und Stickoxide ab September 2009 mit der Einführung von Euro 5 und ab September 2014 mit Euro 6 weiter abgesenkt.

Grenzwerte Beim Diesel-Skandal geht es vor allem um Stickoxide (NOx). Solche Emissionen entstehen bei hohen Verbrennungstemperaturen wie im Dieselmotor. Bei Euro-5-Fahrzeugen ist der Grenzwert, der auf dem Prüfstand gemessen werden darf, 180 Milligramm NOx pro Kilometer, bei Euro-6-Fahrzeugen 80 Milligramm. Das Problem: Ein Euro-5-Diesel stößt real im Schnitt 906 Milligramm NOx pro Kilometer aus.

Verkehrsministerium Technische Umbauten an Dieselmotoren lehnt Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) weiter ab. Er drängt die Autohersteller lediglich zu mehr Tempo beim Umrüsten älterer Diesel mit besserer Abgas-Software. Bis 1. September muss laut Scheuer die Software-Entwicklung für die Updates abgeschlossen sein. Aktuell gibt es immer noch Fahrzeuge mit illegaler Abgas-Software.

Gutachten In einem vom Ministerium in Auftrag gegebenen Gutachten kam Professor Georg Wachtmeister von der Technischen Universität München schon zu Jahresbeginn zu dem Schluss, dass Umbauten an Motoren von Euro-5-Fahrzeugen "mit verträglichem Aufwand möglich" seien. Er nannte dabei Kosten von rund 3000 Euro pro Auto.

Politik Der Koalitionspartner SPD stellt sich gegen den Verkehrsminister. Vor allem Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) hält die Umbauten an Motoren für machbar. "Die genannten Kosten von 1000 bis 3000 Euro pro Fahrzeug sind für die Hersteller kein zu hoher Preis, um die Gesundheit der Stadtbevölkerung zu schützen, Fahrverbote zu vermeiden und den Wertverlust der Diesel zu stoppen", sagte sie. Die Kosten würden nach ihrer Meinung wohl noch deutlich sinken, wenn die Autoindustrie kooperieren würde.

Euro-6d-Temp Seit dem 1. September 2017 sind die Abgasnormen Euro 6c und Euro-6d-Temp für den Einführungszeitpunkt neuer Fahrzeugtypen gesetzlich vorgeschrieben. Ab September 2019 müssen alle neuen Diesel-Pkw der Norm Euro-6d-Temp entsprechen. Die Grenzwerte der Euro-6-Norm bleiben gleich. Aber Euro-6d-Temp ist die erste Abgasnorm, bei der die Grenzwerte nicht nur auf dem Prüfstand im Labor, sondern auch im Straßenverkehr erfüllt werden müssen. Autos mit der Norm Euro-6d-Temp dürfen im realen Betrieb 168 Milligramm pro Kilometer ausstoßen, also das 2,1-fache des Prüfstandwertes.

Modelle Dieselautos, die die Norm Euro-6d-Temp erfüllen, findet man auf Deutschlands Straßen noch sehr selten. Der ADAC hat vor kurzem drei Modelle untersucht. Das Ergebnis: Sie überzeugten sowohl auf dem Prüfstand als auch auf der Straße. Es handelte sich um einen BMW X2 xdrive20d Steptronic, einen Peugeot 308 SW 2.0 BlueHDi 180 EAT8 und einen Volvo XC60 D5 AWD Geartronic.


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