Bamberg
Straßenporträt

Diese Bamberger Straße kennt (fast) jedes Kind!

Bambergs Straßen leben von ihrer Vielfalt. Diese hat eine besondere Vergangenheit und kam unlängst zu deutschlandweiter Bekanntheit: die Judenstraße.
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Christine Urspruch machte das kluge, freche und wunderbare Sams auf der Leinwand unsterblich.  Foto: David Ebener, dpa-Archiv
Christine Urspruch machte das kluge, freche und wunderbare Sams auf der Leinwand unsterblich. Foto: David Ebener, dpa-Archiv
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Es dauert nicht lange, dann geht Hanns Steinhorst auf gedankliche Zeitreise. Während draußen aus dem Nichts der Regen in den Junisommer hereinbricht, steht Steinhorst konzentriert in seinem Arbeitszimmer und beugt sich über einen kleinen Tisch, der von großen Bücherregalen flankiert wird.

Seine Finger tippen auf eine ausgebreitete Karte. Nicht irgendeine Karte. Vor ihm liegt der allererste Stadtplan Bambergs, die Kopie eines über 400 Jahre alten Dokuments. "Da ist er", sagt Steinhorst und sein Zeigefinger wandert auf ein zur Seite gekipptes, hellblaues Quadrat: "Der Judenhof."


Jede Menge Puzzleteile

Die Geschichte einer Straße nachzuerzählen, erinnert an das Zusammensetzen eines giganti-schen Puzzles. Sorgsam werden die einzelnen Teile aus dem großen Puzzlehaufen herausgesucht, viel herumprobiert, doch irgendwann gelingt es, Stück für Stück zusammenzusetzen, was zusammengehört. Aber Vorsicht: Nicht alle Puzzleteile, die auf den ersten Blick so aussehen, passen tatsächlich zusammen.

Nicht viele können die ersten Kapitel, die einst die Judenstraße geschrieben hat, derart detailliert nacherzählen wie Hanns Steinhorst. Kein Wunder. Sechs Jahre lang arbeitete der ältere Herr mit der milden Stimme als Stadtheimatpfleger. Auf etlichen Führungen hat er Touristen die jüdische Geschichte Bambergs nähergebracht.

Gleich wird er kaum merklich die ersten Puzzleteile aneinanderreihen. "Etwa ab dem elften Jahrhundert kamen die ersten Juden nach Bamberg", erzählt Steinhorst. Die erste Spur auf dieser Suche nach den Ursprüngen ist der Judenhof. Nachdem die Juden damals aus dem vom Hochwasser geplagten Pfahlplätzchen ein recht passables Wohngebiet geschaffen hatten, siedelten sie sich zunehmend auch in der angrenzenden, der heutigen Judenstraße an. Dort entstand auch die erste Synagoge Bambergs.


Synagoge wird zur Marienkapelle

Doch schon bald blickt die jüdische Gemeinde in das brutale Gesicht der damaligen Zeit. Die Verfolgung der Juden beginnt. Einer nach dem anderen muss die Straße verlassen. Im Jahr 1476 siedeln auch die letzten Bewohner um. Aus der Synagoge wird die Marienkapelle. Aus dem Judenviertel ein Quartier für Wohlhabende. Und aus einer bis dahin namenlosen Gasse wird die Judenstraße.

Wie bitte? "Ja", bestätigt Steinhorst. "Erst nach der Vertreibung bekam die Straße ihren heutigen Namen." Es wird nicht das einzig Verblüffende bleiben. Während in der NS-Zeit sämtliche jüdische Straßennamen aus dem Stadtbild verschwanden, blieb ausgerechnet ein Name unangetastet. "Warum, das weiß keiner." Aber wie eng miteinander verbunden sind Judenstraße und die jüdische Gemeinde heute noch? Zeit, persönlich nachzufragen.


Was blieb von der Synagoge?

Es dauert nicht lange, dann fällt der entscheidende Satz. "Also, eigentlich", sagt Antje Yael Deusel, "hat die Judenstraße für uns gar keine Bedeutung mehr." Die Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Bambergs sitzt in einem kleinen Raum der Universität am St.-Martin-Gebäude, gerade hat sie eines ihrer Seminare beendet. Die Juden wurden einst aus der Straße vertrieben.

Dass sie seitdem nicht zurückgekommen sind, hängt auch mit einigen Unschärfen zusammen: "Was von der Marienkapelle an alter Substanz übrig geblieben ist und was nicht, konnte nie ganz geklärt werden", sagt Deusel. Und wenn nicht klar ist, wie viel Synagoge noch in der Marienkapelle "steckt", dann falle der Bezug dazu eben etwas schwer. Doch folgt auf ein "Eigentlich" nicht immer zwingend ein "Aber"? Die Rabbinerin lächelt. "Aber mir gefällt sehr, wie abgeschieden das Gebäude vom Rest der Straße steht", erklärt sie. "Im Judentum gelten Dinge, die nicht in der Masse stehen, oft als heilig." Nur das Puzzle lässt sich so noch nicht ganz vervollständigen.


Eine Straße wird zur Filmkulisse

Läuft man durch die Judenstraße, bekommt man schnell den Eindruck: Hier fehlt doch noch was. Vorbei läuft man an der Marienkapelle, die von der Baptistengemeinde inzwischen verlassen worden ist. Vorbei an einer Bioland-Metzgerei, deren grau bedecktes Schaufenster verrät, dass hier längst kein Fleisch mehr verkauft wird. Vorbei am Antiquitätenladen der Hottelmanns, die einst das Judenstraßenfest mitorganisierten, das aber seine 50. Ausgabe nie erlebte.

Doch jeder gute Regisseur weiß: Das Beste kommt erst ganz zum Schluss. Erst, wenn man die komplette Judenstraße durchquert hat, prangt einem plötzlich dieses eine Haus mit dem Einhorn über der Eingangstür entgegen. Dieses eine Haus, das ganz Deutschland kennt. Das Sams-Haus. Jedes Kind kennt die berühmten Sams-Geschichten des Kinderbuchautors Paul Maar, der ihnen mit diesem rothaarigen und blau betüpfelten Wesen eine neue Welt eröffnete. 2000 wurde die Judenstraße 16 dafür zur Filmkulisse. Und einer war ganz nah dabei.


Erinnerungen an die Dreharbeiten

Es dauert nicht lange, dann hat Thilo Walter die Bilder von damals wieder ganz klar vor Augen. Damals, als die Dreharbeiten gerade voll im Gange waren, zog er in das Sams-Haus. Jetzt sitzt er in der Brauerei Greifenklau am Laurenziplatz und macht Siesta. Während der starke Wind seine rotblonde Mähne durcheinanderwirbelt, erinnert sich Walter an die früheren Zeiten.

Zwei kleine Zimmer mietete er damals in der Judenstraße 16 an, drunter einen Keller, in dem er eine Zeit lang Rockkonzerte veranstaltete. Walter ist Zimmerer. Er engagiert sich in einem Verein, der kleine Gebäude rettet, die von der Denkmalpflege "im Stich gelassen werden". Jetzt kommt die Ehrenrettung der Judenstraße: "Sie ist wie ein eigenes Dorf innerhalb von Bamberg", erzählt Walter. Jeder kennt jeden. "Und manche Anwohner versuchen, das Schöne an dieser Straße zu vermitteln."


Neues Leben in alten Gefilden

So etwas bleibt nicht unbemerkt. Stück für Stück wird der Straße in letzter Zeit neues Leben eingehaucht. Die "Galerie", eine Kneipe am angrenzenden Stephansberg, hat wieder neu eröffnet. "Das belebt auch unsere Straße enorm", sagt Walter. Studenten richten seit dem vergangenen Jahr ein Bürgerfest aus. Judenstraßenfest 2.0.

Ein ganz neuer Wind weht plötzlich durch die Straße. Sieht so aus, als müsste das Puzzle bald noch einmal neu gelegt werden.


Zur Serie "Straßenporträts"

Text: Oliver Koprivnjak
Oliver Koprivnjak hat im Sommersemester 2017 an der Journalistik-Übung "Wenn Straßen anfangen zu erzählen" an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg teilgenommen. Im Rahmen dieser Übung entstand dieses Straßen-Porträt.


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