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Bamberg
Geschichte

Die zweite Revolution in Franken

Vor 100 Jahren: Der Mord an Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner führt zur Räterepublik. Der Anteil Frankens dabei ist heute weithin vergessen. Zu unrecht.
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Nach dem Mord an Ministerpräsident Kurt Eisner kommen Ende Februar 1919 Zehntausende in ganz Bayern zu den Gedenkfeiern für den Ermordeten. Auch auf dem Maxplatz in Bamberg ist die Beteiligung groß. Ein landesweit angeordnetes Glockenläuten zum Gedenken an Eisner löst allerdings vielerorts Widerstand des Klerus aus. Eisners Regierung hatte die geistliche Schulaufsicht abgeschafft.  Foto: Staatsbibliothek Bamberg
Nach dem Mord an Ministerpräsident Kurt Eisner kommen Ende Februar 1919 Zehntausende in ganz Bayern zu den Gedenkfeiern für den Ermordeten. Auch auf dem Maxplatz in Bamberg ist die Beteiligung groß. Ein landesweit angeordnetes Glockenläuten zum Gedenken an Eisner löst allerdings vielerorts Widerstand des Klerus aus. Eisners Regierung hatte die geistliche Schulaufsicht abgeschafft. Foto: Staatsbibliothek Bamberg
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Am 21. Februar 1919 wird Bayerns Ministerpräsident Kurt Eisner von einem Rechtsradikalen ermordet. Die Empörung ist groß. Zehntausende kommen im jungen Freistaat, darunter auch in Bamberg, zu Gedenkfeiern und Demonstrationen. Der Mord wird zur Initialzündung für die "Zweite Revolution" in Bayern nach dem Novemberumsturz 1918.

Vielerorts wollen die Räte nun die Macht vollständig übernehmen. So verhängt in Aschaffenburg der Arbeiter- und Soldatenrat am 23. Februar den Belagerungszustand. Ein Aktionsausschuss wird gebildet und dem Oberbürgermeister ein Kontrolleur zur Seite gestellt. Im benachbarten Obernburg am Main übernimmt ein Aktionsausschuss unter Johann Elbert (USPD), dem Vorsitzenden des örtlichen Arbeiter- und Bauernrats, die Macht im Bezirk. Eine Demonstration zieht am 25. Februar zum Bezirksamt und schickt den Bezirksamtmann "in Urlaub".

Solche Aktionen sollen der Verteidigung der Revolution dienen, vor allem aber Ruhe und Ordnung und die prekäre Lebensmittelversorgung sichern. Der "Kampf gegen Wucher und Schleichhandel" beherrscht die Verlautbarungen der Räte, nicht die Weltrevolution oder die Diktatur des Proletariats. "Die Sicherheit der Person und des Eigentums wird verbürgt", heißt es etwa in Obernburg ausdrücklich.

Der radikalen Linken reicht dies nicht. Am 7. April wird in München die Räterepublik ausgerufen. Die Regierung Hoffmann flieht nach Bamberg. Nun hängt es vor allem von Franken ab, wer die Oberhand gewinnt.

Nürnberg auf Hoffmanns Seite

Tausende kommen auch in fränkischen Städten zu Kundgebungen für die Räterepublik. In Hof schließt sich der Arbeiter- und Soldatenrat der Räterepublik an, allerdings arbeitet die Verwaltung weiter wie bisher. Auch in Fürth wird die Räterepublik ausgerufen. Die Garnison erklärt ihre Zustimmung. Ein Vollzugsausschuss des Arbeiter- und Soldatenrats übernimmt die Macht.

Doch in Nürnberg stellen sich Arbeiterräte und Garnison auf die Seite der Regierung Hoffmann, ebenso die Bauernräte in Mittelfranken. In Fürth werden deshalb die Lebensmittel knapp. Die Reichsbank schneidet Fürth vom Geldverkehr ab. Weil der Sold nicht mehr gezahlt wird, kann das Armee-Generalkommando in Nürnberg die Soldaten in Fürth auf seine Seite ziehen. Am 10. April spricht sich die Mehrheit der Fürther Arbeiter- und Soldatenräte gegen die Räterepublik aus, die am nächsten Tag für beendet erklärt wird.

Auch in Würzburg, Schweinfurt, Aschaffenburg und Lohr erklären Revolutionäre Aktionsausschüsse den Anschluss an die Räterepublik. Am 7. April proklamiert der Kommunist Anton Waibel in Würzburg die Räteherrschaft. In Aschaffenburg verkündet Jean Stock (USPD) auf einer Kundgebung die Räterepublik, unterstützt auch von Teilen der SPD. Tags darauf folgt Lohr nach einem Aufruf der USPD, unterstützt von Soldaten der Würzburger Garnison.

Doch auch die Gegner formieren sich. In Würzburg steht keineswegs die gesamte Garnison hinter der Räterepublik. Auch die SPD stellt sich dagegen und ruft am 8. April zusammen mit Stadtverwaltung und Bayerischer Volkspartei (BVP) zum Bürgerstreik auf. Einen Tag später kommt es zu blutiger Gewalt. Artilleristen der Faulenbergkaserne greifen die Residenz, die Zentrale des Aktionsausschusses, an, die von Infanteristen der Neunerkaserne verteidigt wird. Heftig gekämpft wird auch um den Hauptbahnhof. 29 Tote fordert die Niederschlagung der Räterepublik.

Am 10. April stellt das Würzburger Armee-Generalkommando den Revolutionären in Aschaffenburg, Lohr und Schweinfurt ein Ultimatum. Flugblätter mit den Forderungen werden per Flugzeug über den Städten abgeworfen: Abgabe der Waffen, Auflösung der Aktionsausschüsse, Wiedereinsetzung der Behörden und Auslieferung der Rädelsführer. Die Revolutionäre in Lohr, wo der Rückhalt gering ist, geben auf. In Aschaffenburg stellt sich das dortige Jäger-Bataillon auf die Seite der Regierung Hoffmann. Eine Delegation aus Aschaffenburg handelt daraufhin in Würzburg ebenfalls den "Abbau" der Räterepublik aus.

Anders in Schweinfurt: In der USPD-Hochburg werden nur Teile des Ultimatums akzeptiert. Die Räteherrschaft wird beendet, doch verweigert der Arbeiter- und Soldatenrat die Abgabe der Waffen. Am 29. April marschieren daraufhin Regierungstruppen in Schweinfurt ein. Es kommt zu Kämpfen, die mehrere Menschenleben kosten.

Hochverratsprozesse folgen. Anton Waibel wird zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, kann jedoch während eines Gefangenentransports 1921 fliehen. Die Nazis stecken ihn nach 1933 ins KZ Buchenwald. Nach 1945 ist er wieder in KPD und SED aktiv. Wegen Kritik an Stalin wird er 1952 aus der SED ausgeschlossen. Er stirbt 1969 in West-Berlin.

Andere Beteiligte kommen mit geringeren Strafen davon. Johann Elbert, der am 9. April mit einem Versuch zur Ausrufung der Räterepublik in Obernburg schnell gescheitert ist, muss zwei Jahre in Haft. Er wechselt von der USPD zur KPD. Als ihm 1922 erneut die Verhaftung droht, taucht er unter. 1930 kehrt er nach Obernburg zurück,wo er 1931 im Alter von 42 Jahren stirbt.

Revolutionär und Regierungspräsident

Jean Stock hat mehr Glück. Seine eineinhalbjährige Haftstrafe wird aus Gesundheitsgründen zur Bewährung ausgesetzt. 1920 wird er Landtagsabgeordneter. 1922 schließt er sich wieder der SPD an. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird er Oberbürgermeister von Aschaffenburg, Regierungspräsident von Unterfranken und als Mitglied des Parlamentarischen Rates einer der Väter des Grundgesetzes. Er stirbt 1965.

Hintergrund:

Räte

Entstehung: Die ersten Arbeiter- und Soldatenräte wurden spontan gebildet. Später wurden sie gemäß einer Verordnung der Regierung Eisner ganz bürokratisch korrekt in Bürgerversammlungen gewählt, die meist von den örtlichen Verwaltungen einberufen wurden.

Aufgaben: Laut Verordnung der Regierung sollten die Räte die Verwaltung kontrollieren, sich jedoch aller direkten Eingriffe in die Arbeit der Verwaltung enthalten - ein Dilemma.

Politische Ausrichtung: Die Mehrheit der Mitglieder in den Räten war sozialdemokratisch orientiert. In den ländlichen Bauernräten gab es aber auch Konservative, da oft örtliche Honoratioren gewählt wurden. Die Räte sahen sich zunächst als Organe der Übergangszeit bis zur Errichtung einer parlamentarischen Demokratie. Vertreter, die für ein Rätesystem eintraten, gewannen erst nach dem Mord an Eisner an Einfluss.Im Sommer 1919 verloren die Räte ihre politische Bedeutung und lösten sich auf. (hz)

Das Frühjahr 1919

12. Januar: Bei der Landtagswahl bekommt die USPD von Ministerpräsident Kurt Eisner nur 2,5 Prozent der Stimmen (BVP 35 %, SPD 33 %).

21. Februar: Auf dem Weg zum Landtag, wo er seinen Rücktritt erklären will, wird Eisner vom Rechtsradikalen Anton Graf Arco Valley ermordet. Die Landtagssitzung endet in einer Schießerei. Im Machtvakuum übernimmt ein "Zentralrat der bayerischen Republik" (Ernst Niekisch, SPD) provisorisch die Regierung.

17. März: Einigung zwischen Zentralrat und Landtagsparteien: Der Landtag wählt Johannes Hoffmann (SPD) zum Ministerpräsidenten.

7. April: Im Zentralrat setzt sich die radikale Linke durch. Die Räterepublik wird ausgerufen. Die Regierung Hoffmann flieht nach Bamberg.

1. bis 3. Mai: Die Räterepublik in München wird militärisch niedergeschlagen. Es gibt mehrere hundert Tote bei Kämpfen und willkürlichen Massenerschießungen. (hz)