Bamberg
Gesundheit

Die vergessenen Kinder

Auf sie zugeschnittene Hilfsprogramme gibt es kaum, weil man schwer an sie herankommt. Dabei haben Kinder von suchtkranken Eltern Hilfe dringend nötig.
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Kinder stehen oft alleine da, wenn ihre Eltern drogenabhängig sind.imago/Roland Mühlanger
Kinder stehen oft alleine da, wenn ihre Eltern drogenabhängig sind.imago/Roland Mühlanger
Carsten (Name geändert) ist bei seinem Onkel aufgewachsen. Seine Eltern waren beide drogenabhängig, für seine Mutter endete die Sucht schon früh mit dem Tod. Sein Onkel ist in der Zeit danach zwar meist für ihn da, doch manchmal verfällt auch er dem Alkohol und zieht sich zurück. In diesen Phasen ist er kaum ansprechbar, wird häufiger aggressiv und redet abwertend über Carstens Eltern. Auch der Kontakt zum Vater ist schwierig, er ist aufgrund seiner Sucht kein Halt. Zehn Jahre verbringt Carsten in dieser Lebenssituation, bis plötzlich das Jugendamt vor der Tür steht.


Lange unbemerkt

"Man weiß nicht genau, warum. Das lief wohl über die Schule", sagt Bettina Büttner, psychologische Psychotherapeutin, auf deren Berufsalltag dieses Fallbeispiel basiert. Die Bambergerin arbeitet in einer Fürther Praxis als Verhaltenstherapeutin für Erwachsene. "Dort kommt man auch mit vielen jungen Erwachsenen in Kontakt, wo solche Geschichten noch frisch sind. Das ist ein heikles Thema, da schwingt viel Scham mit."

Das ist ein Grund, warum solche familiären Situationen meist unbemerkt und die Kinder auf sich alleine gestellt bleiben - vergessen von ihren Eltern und der Gesellschaft, weshalb sie in der Fachliteratur häufiger als "vergessene Kinder" bezeichnet werden. Vergessen, weil die Sucht so viel Raum einnimmt. "Die Kinder merken irgendwann, dass in ihrer Familie irgendetwas anders ist. Und sie spüren den Wunsch der Eltern, dass diese Dinge nicht bekannt werden", erklärt Büttner.


Bessere Zusammenarbeit

So ging es auch Carsten. Er blieb in der Öffentlichkeit lange relativ unauffällig, war höflich und freundlich. Doch in der Pubertät kam der große Bruch. Er stürzte ab, war immer wieder in Schlägereien verwickelt, beleidigte seine Lehrer, beging Gelegenheitsdiebstähle. Auf diese Art machte er auf sich aufmerksam. Bis das Jugendamt kam.

Der Münchner Verein für Prävention, Jugendhilfe und Suchttherapie "Prop e.V." kritisiert, dass es nur wenige Einrichtungen speziell für Kinder von suchtkranken Eltern gibt. Das Kooperationsprojekt des Vereins, genannt "Schulterschluss", soll diese Lücke schließen, indem Jugendhilfeeinrichtungen und Suchthilfeeinrichtungen besser vernetzt werden. Auch eine Delegation aus Bamberg hat ein Seminar des Projekts besucht und versucht nun, die Zusammenarbeit dieser Einrichtungen auf Stadt- und Landkreisebene zu verbessern.

Tanja Setzer aus dem Fachbereich Gesundheitswesen des Landratsamts Bamberg koordiniert "Schulterschluss Bamberg": "Wir haben geschaut: Welche Angebote haben wir schon und wo gibt es Verbesserungsbedarf?" Ein Arbeitskreis ist entstanden und gewachsen. "Es geht auch darum, dass sich die Kooperationspartner persönlich kennenlernen und sich austauschen können", sagt Setzer.
Am Montag, 23. April, veranstaltet Schulterschluss Bamberg einen Fachnachmittag zum Thema "Kinder und Jugendliche aus suchtbelasteten Familien". "Eingeladen ist jeder, der mit Kindern und Jugendlichen arbeitet", sagt Setzer. "Wir wollen für das Thema sensibilisieren und eine Hilfestellung geben. Was kann ich tun, wenn ich einen solchen Fall bemerke?"

Im Beispiel von Carsten hat jemand seine schwierige Situation bemerkt. Allerdings musste das Jugendamt stark daran arbeiten, eine Beziehung zu dem mittlerweile 16-Jährigen aufzubauen. Ihm war alles egal geworden und er hatte eine Abneigung gegenüber der Erwachsenenwelt. Doch irgendwann konnte er überredet werden, das Angebot anzunehmen in Betreutes Wohnen zu ziehen und dort in einer eigenen Wohnung zu leben. Die Eingewöhnung brauchte Zeit und viele Gespräche. Carsten hatte Probleme, die Regeln zu akzeptieren, feierte Partys und nahm Drogen. Doch dann wurde es langsam besser.


Isolation sorgt für Selbstzweifel

"Oft erleben solche Kinder die Neben- und Auswirkungen der Sucht, zum Beispiel Depressionen der Eltern. In manchen Fällen werden sie geschlagen, in anderen erleben sie Demütigungen, in wieder anderen Desinteresse", erklärt Bettina Büttner. "Die wahrgenommene Isolation wird häufig zu einem Problem. Irgendwann denken die Kinder: Vielleicht bin ich einfach ein schlechter Mensch."

Bei Carsten setzte sich mich der Zeit das Gefühl durch, vielleicht doch zu etwas fähig zu sein. Er schaffte seinen Schulabschluss und legte freiwillig sogar noch einen höheren Abschluss nach. Eine sehr positive Entwicklung. Ganz verschwunden sind die Spuren der Kindheit aber nicht. Im Kontakt mit Menschen ist er häufig verängstigt. Eine tiefere Bindung einzugehen und aufzubauen, fällt ihm bis heute schwer.

Mitglieder des Arbeitskreises "Schulterschluss Bamberg" aus verschiedenen Bereichen:

Stadt Bamberg: Allgemeiner Sozial Dienst (ASD), KoKi - Netzwerk frühe Kindheit
Landratsamt Bamberg: Gesundheitswesen, Fachbereich Jugend und Familie, KoKi - Netzwerk frühe Kindheit
ISO e.V. Bamberg: Famos - ambulante Familienhilfe, Streetwork
Mobile Betreuung Bamberg: ambulante Familienhilfe
Caritas Bamberg: Suchtberatung, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern
gfi gGmbH: ambulante Familienhilfe, ComeBack Projekt
Sozialstiftung Bamberg: Klinikum am Michelsberg
Natur- und Erlebnispädagogik


Interview

Seit Oktober 2017 ist Professorin Eva Robel-Tillig Chefärztin der Bamberger Kinderklinik. In ihrer Laufbahn hatte sie immer wieder mit suchtkranken, werdenden Müttern zu tun. Im Interview erklärt sie, welche Schädigungen Drogenkonsum in der Schwangerschaft für Neugeborene bedeutet.

Frau Prof. Robel-Tillig, wie begegnet Ihnen das Thema "Kinder von suchtkranken Eltern" in Ihrem Alltag?
Eva Robel-Tillig: Ich arbeite seit über 20 Jahren im Bereich der Neonatalogie, also mit Frühgeborenen und kranken Neugeborenen. In meiner Zeit in Leipzig wurde ich häufig mit Müttern konfrontiert, die drogenabhängig waren. Als ich nach Bamberg kam, hieß es: Hier gibt es so etwas nicht. Ich gehe aber davon aus, dass das auch hier ein Problem ist, aber noch nicht so in der Öffentlichkeit steht.

Von welchen Drogen sprechen wir?
Zum einen Opiate, wie Heroin. Aber auch Methamphetamin, zum Beispiel in Form von Crystal Meth. Diese Substanz wird häufig von Erwachsenen konsumiert, die unter Leistungsdruck stehen, da die Leistungsfähigkeit gesteigert wird und Müdigkeit als Zeichen der Erschöpfung übergangen werden kann. Aber auch Jugendliche greifen zu Methamphetaminen, weil es das Selbstbewusstsein stärkt und den Appetit senkt, was beim Abnehmen und beim Erreichen fraglicher Schönheitsideale hilft.
Was bedeutet eine solche Sucht für das Kind?
Die Folgen für das Kind sind bei Chrystal langwierig und schwer. Es führt häufig zu anhaltenden Störungen der körperlichen, aber auch der psychosozialen Entwicklung. Diese Kinder können sich zum Beispiel nicht in Gruppen einfügen. Das ist aber auch der Fall, wenn sie in einer Pflege- oder Adoptivfamilie aufwachsen. Damit kann bewiesen werden, dass es sich dabei um ein angeborenes Problem handelt.

Deutlich häufiger als solche harten Drogen sind Alkohol- und Zigarettenkonsum in der Schwangerschaft. Was sagen Sie dazu?
Trinken in der Schwangerschaft muss absolut verboten sein. Das ist eine Katastrophe und eine Misshandlung am ungeborenen Kind. In der Schwangerschaft ist jeglicher Alkohol schlecht. Natürlich ist die Schädigung dosisabhängig, aber man sollte Alkohol gänzlich meiden. Einmal exzessives Trinken in der Schwangerschaft kann schon zu schweren Schäden führen.

Was sind das für Schäden?
Die Kinder sind körperlich und vor allem geistig sehr eingeschränkt. Oft merkt man es dem Kind nicht gleich an und die Mutter wird erst später beispielsweise mit einer Entwicklungsverzögerung konfrontiert. Äußere Merkmale sind ein kleinerer Kopfumfang, schmale Lippen oder auch ein langer Abstand zwischen Mund und Nase.
Welche Folgen hat Zigarettenkonsum?
Die Kinder kommen mit zu niedrigem Gewicht zur Welt und zeigen deutliche Entzugszeichen, schreien beispielsweise viel. Die Folgen für das Gehirn sind hier nicht so weitreichend, wie beim Alkohol. Jedoch müssen diese Kinder länger in der Klinik betreut werden um zuzunehmen.

Solche Risiken sollten doch mittlerweile jedem bewusst sein. Warum gelingt es manchen schwangeren Frauen trotzdem nicht, ihren Konsum zum Wohle des Kindes einzustellen?
Es ist erschreckend, aber leider der Alltag. Das Typische an der Sucht ist ja leider die Abhängigkeit von einer Substanz, die ohne Hilfe anderer Menschen nicht zurückzudrängen ist.

Merkt man den Müttern im Nachhinein Reue an, wenn Folgeschäden bemerkbar werden?
Bei Rauchern wird selten gesagt: Das war ein Fehler! Da ist wohl erhöhtes Selbstbewusstsein da, nach dem Motto: Das muss ja wohl erlaubt sein. Bei den Müttern, die in der Schwangerschaft getrunken haben, ist die Dunkelziffer ziemlich hoch, denn das wird oft nicht zugegeben. Mütter, die in der Schwangerschaft Drogen konsumiert haben, leiden schon meist mit den Entzugssymptomen ihrer Kinder mit.

Ist denn im Fall einer Sucht eine Abgewöhnung in der Schwangerschaft überhaupt ohne Folgen für das Kind möglich?
Raucher und Trinker können aufhören, wer Methamphetamin nimmt auch. Es wird psychische Entzugserscheinungen geben, aber nicht wirklich körperliche. Bei Opiaten ist das nicht möglich. Das ungeborene Kind wäre gefährdet, bereits vor Geburt schwere körperliche Schäden zu erleiden. Deswegen darf man die Dosis nicht einmal reduzieren. Es geht dabei eher um Schadensbegrenzung, denn manche Präparate sind günstiger für das Kind. Wichtig ist, dass die Kinder auch langfristig Hilfe brauchen, deshalb muss man den Müttern einfach klar machen, dass es wichtig ist, sich zu outen.

Das Gespräch führte Jann Weckel.
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