Bamberg
Raumnot

Die Subkultur ist in Gefahr - 75 Bamberger Bands auf der Suche nach einem Proberaum

Mit der Schließung des "House of Music" stehen nun über 70 Bands ohne Proberaum da. Davon gibt es in Bamberg laut Musikern viel zu wenige. Stadt, Eigentümer und Mieter suchen nach einer gemeinsamen Lösung. Doch das könnte dauern.
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Hugo Hamm nimmt an einem sonnigen Tag im Hain die Gitarre in die Hand und spielt. Er bekommt Applaus von den Passanten. "Aber die hören ja nicht, wie ich übe", erzählt der Musiker. "Da kann ich nicht immer wieder das Gleiche spielen." Dafür brauchen Musiker einen geeigneten, abgeschotteten Ort. Hamm ist bei drei Bamberger Bands aktiv und nutzte über zehn Jahre lang einen der 53 Proberäume im "House of Music". Doch das ist seit Anfang März nicht mehr möglich, die Bauverwaltung untersagte die Nutzung wegen mehrerer Sicherheitsmängel. 75 Bands müssen sich nun einen neuen Ort zum Üben suchen.

"Einmalige Atmosphäre"

Hamm hat privat eine Möglichkeit gefunden, "aber meine Anlage und meine großen Lautsprecher kann ich da nicht hinstellen". Entsprechend steht seine Technik noch in Zimmer 405 des seit Anfang März nicht mehr nutzbaren Gebäudes. "An Proberäumen hat in Bamberg schon immer ein Mangel geherrscht", sagt Thomas Kießlich, Sänger der Bamberger Band "Dr. Umwuchts Tanzpalast". Steigende Mieten hätten das Problem verschärft. Und nun folgte ein weiterer Schlag. "Die reiche Bamberger Subkultur ist in Gefahr", meint Robert Friedemann von "Attic Sounds", die das House of Music mehr als zehn Jahre lang nutzten. "Das Problem wurde viel zu lange aufgeschoben."

Dabei geht es nicht nur um Proberäume. Das Gebäude war auch ein Ort der Begegnung. "Die Atmosphäre war einmalig", sagt Friedemann. "Man hat auf den Gängen viele neue Leute kennengelernt, Bands fanden zusammen, es gab Konzerte, einfach super", schwärmt er. Philharmoniker haben neben Rock-Bands geprobt, die regelmäßig in den Kneipen in Stadt und Landkreis auftreten. "Und was dort alles entsprungen ist: Größen wie Xavier Naidoo und Kool Savas haben dort aufgenommen." Das alles löse sich nach der Einschätzung von Friedemann schnell auf, wenn nicht reagiert wird.

House of Music (Bamberg, Böttgerstraße 4) from bbg-user on Vimeo.

Deshalb trafen sich Kulturbürgermeister Christian Lange (CSU), Hauseigentümer Werner Kupfer, einige Musiker und Vertreter der Bauverwaltung in der vergangenen Woche. "Es hat sich gezeigt, dass alle Seite an einer Lösung arbeiten wollen", sagt Lange. Nun gelte es, den Finanzbedarf für ein Gutachten zu ermitteln. Dies sei die Grundlage für ein "Rettungskonzept". Als zweiten Schritt könne sich der Zweite Bürgermeister vorstellen, dass Eigentümer und Musiker eine gemeinnützige Trägerstruktur gründen, etwa einen Verein oder eine Stiftung. Denn nur diese können Fördergelder beantragen. "Und dann muss Geld in die Hand genommen werden", sagt Lange.

Zunächst allerdings nicht von der Stadt, sondern vom Trägerverein, so Lange. Gemeinsam mit einem Architekten soll geklärt werden, wie viel eine Sanierung kostet. Danach könne man sich schrittweise um die Mängel kümmern. Denn in eingen Stockwerken muss weniger getan werden als in anderen.

Doch die Liste, die das Baureferat in der Begründung der Nutzungsuntersagung angibt, sehr lang. Hauptsächlich geht es um Brandschutz und Fluchtwege. Sollte Feuer ausbrechen, herrsche "Gefahr für Leib und Leben".

Das Gebäude wurde über 20 Jahre lang zum Proben genutzt. Sind die Mängel nicht aufgefallen? "Ich denke, viele waren einfach froh, etwas gefunden zu haben", gibt Friedemann von "Attic Sounds" zu. "Man hat schon gesehen, dass Feuerlöscher und Brandmelder fehlen. Aber es gab ein stillschweigendes Gentleman-Agreement". Denn die Mieten seien auch für junge Musiker und Freizeit-Bands bezahlbar gewesen, was auch Hamm bestätigt. "Es wäre sehr schade, wenn jetzt nichts zustande käme", sagt Eigentümer Werner Kupfer. Er wolle sich gerne einbringen, "denn ich mache das ja für die Musiker, aus Leidenschaft, ich habe nie was dran verdient." Deshalb könne er auch keine Millionensumme aufbringen. Ähnlich geht es einigen Musikern, die sich zwar ebenfalls an einer Trägergesellschaft beteiligen würden. "Aber viele sind Studenten. Die wollen schon mitmachen, können aber keine sechsstellige Summe in die Hand nehmen. Da ist die Stadt gefragt", sagt Musiker Hamm. Noch deutlicher wird Robert Friedemann von "Attic Sounds": "Die Stadt müsste das Gebäude kaufen und sanieren!"

Thema im Stadtrat

Die SPD-Fraktion will das Thema in der heutigen Stadtratssitzung ansprechen. "Wir machen uns große Sorgen, dass die vielfältige Musikkultur der Stadt einen nachhaltigen Schaden nimmt, wenn nicht kurzfristig Proberäume angeboten werden", heißt es im Antrag. Die SPD bittet um die Beantwortung der Fragen, welche Maßnahmen die Verwaltung bislang unternommen hat, um den Musikern zu helfen, und welche Räume die Stadt Bamberg den betroffenen Musikern zur Verfügung stellen wird, wenn eine Sanierung des "House of Music" nicht möglich ist. Denn Klaus Stieringer, SPD-Fraktionsvorsitzender, kann sich zwar eine Trägergesellschaft vorstellen, ebenso Räume auf der Lagarde-Kaserne oder der Muna. "Aber das dauert alles mindestens zwei Jahre, wir müssen jetzt reagieren." Viele Bands hätten bereits beim Stadtmarketing um Hilfe gebeten, das Stieringer leitet. "Die Musiker haben es verdient, gefördert zu werden", meint der Stadtrat. "Wenn es um Hochkultur gehen würde, gäbe es einen großen Aufschrei. Aber die Bands haben keine Lobby."

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