Haßfurt
Energiewende

Die Selbstversorger-Stadt

Das Stadtwerk Haßfurt baut ein neues kleines Kraftwerk. Die Maschine könnte Großes bewirken: Sie soll Forschern und Technikern zeigen, wie man Windstrom in einer Wasserstoff-"Batterie" speichern kann.
Artikel drucken Artikel einbetten
So hat alles angefangen: Seit 2010 drehen sich auf der Höhe bei Buch zwei Windräder, die Strom ins Netz des Stadtwerks Haßfurt einspeisen. Geschäftsführer Norbert Zösch hat seither viel getan, um dem Ziel "Selbstversorgung" in großen Schritten näher zu kommen. Foto: Günter Flegel
So hat alles angefangen: Seit 2010 drehen sich auf der Höhe bei Buch zwei Windräder, die Strom ins Netz des Stadtwerks Haßfurt einspeisen. Geschäftsführer Norbert Zösch hat seither viel getan, um dem Ziel "Selbstversorgung" in großen Schritten näher zu kommen. Foto: Günter Flegel

Liegt der Schlüssel für das Gelingen der Energiewende in Haßfurt? Diese Meinung vertritt nicht nur der Stadtwerk-Geschäftsführer Norbert Zösch. Renommierte Energie-Forscher bescheinigen dem Unternehmen in der Kreisstadt, bereits so weit zu sein, wie es das ganze Land gerne wäre.

"Das neue Projekt in Haßfurt kann zu einer Blaupause für die Energiewende werden. Es ist ein Reallabor für die Forschung wie für die praktische Erprobung gleichermaßen." Das Lob kommt von Markus Brautsch, Leiter des Instituts für Energietechnik (IFE) an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden. Der Energie-Professor betreut ein Projekt in Haßfurt, das zwei wichtige Probleme der Energiewende lösen soll: Wohin mit dem Strom, wenn Wind und Sonne viel mehr liefern als gebraucht wird? Und woher den Strom nehmen, wenn es dunkel und windstill ist?

Die Lücken schließen

Die Antwort steckt in unscheinbaren Containern, die am Haßfurter Hafen stehen. Der erste ist bereits in Betrieb, der zweite ist im fortgeschrittenen Planungsstadium: Der erste Container verwandelt Strom aus dem Windpark im Sailershäuser Wald und Solaranlagen im Stadtgebiet in Wasserstoff (Power to Gas).

Das brennbare Wasserstoffgas wird in einem Tank gespeichert und ins Erdgasnetz der Stadt eingespeist. Container Nummer zwei soll diesen Zwischenschritt überspringen: Das Stadtwerk plant ein Kraftwerk, in dem aus dem Wasserstoff wieder Strom und Wärme gewonnen wird.

"Damit können wir die Versorgungslücken überbrücken, die bei der Dunkelflaute entstehen, also dann, wenn keine Sonne scheint und kaum Wind weht", sagt Zösch. Im letzten Jahr produzierte alleine der Windpark Sailershausen, in dem zehn Windräder stehen, 55 Millionen Kilowattstunden Strom. Zösch: "Das ist doppelt so viel, wie im Versorgungsgebiet des Stadtwerks verbraucht wird."

Immer noch "Atomstrom"

Dass im Energiemix des Stadtwerks trotzdem "nur" 50 Prozent Öko-Strom fließen, liegt daran, dass sich der Stromverbrauch und die Erzeugung mittels Wind und Sonne nicht synchronisieren lassen wie bei herkömmlichen Kraftwerken, die je nach Bedarf hochgefahren oder abgeregelt werden können.

Deswegen finden sich im Haßfurter Stromnetz nach wie vor noch "Atomstrom" (2016: 19 Prozent) und "Kohlestrom" (23 Prozent), weil die konventionellen Großkraftwerke die Lücken schließen müssen.

Die Pilotanlage im Haßfurter Hafen soll in der Praxis zeigen, wie man dem Ziel "100 Prozent erneuerbar" näher kommen kann. "Wenn Sie so wollen, dann funktioniert das Gas wie ein Batterie. Wir speichern damit elektrische Energie, eben in einer anderen Form", sagt Brautsch.

Gasnetz als Stromspeicher

Der Clou an der Haßfurter Forschungsanlage, die vom bayerischen Wissenschaftsministerium gefördert wird, ist die Möglichkeit, den Gasmotor sowohl mit Wasserstoff als auch mit Erdgas als auch mit einem Erdgas-Wasserstoff-Gemisch zu betreiben. Dahinter steckt die Vision, das bundesdeutsche Erdgasnetz mit seinen riesigen unterirdischen Kavernen als "Stromspeicher" zu nutzen.

Wochen, wenn nicht gar Monate einer "Dunkelflaute" ließen sich nach unterschiedlichen Studien mit modernen Gaskraftwerken überbrücken. Wer diese teuren "Lückenbüßer" bauen und betreiben soll, ist allerdings bis heute eine der offenen Fragen der Energiewende .

Einer andere Frage beantwortete der Energie-Professor aus Amberg, als er zusammen mit Norbert Zösch das Projekt in Haßfurt vorstellte: Ist es nicht überaus ineffektiv und damit unwirtschaftlich, aus Strom erst Gas und dann aus Gas wieder Strom zu machen? "Bei der Kette Strom zu Strom haben wir einen Wirkungsgrad von 30 Prozent", sagt Brautsch.

Einer muss ja anfangen

Das klingt nach wenig, liegt aber im Bereich der Leistungsfähigkeit älterer Kohlekraftwerke. In Haßfurt kommt ein Mehrwert dazu: Anders als Großkraftwerke, die Abwärme ungenutzt verpuffen lassen müssen (Kühltürme, Kühlwasser), gehört zum Haßfurter Konzept ein Nahwärmenetz. Umliegende Gebäude können mit der Wärme versorgt werden, die bei der Verbrennung des Wasserstoffs entsteht. "Damit wird der Wirkungsgrad deutlich verbessert", erklärt der Energieexperte. Zu einer letzten Frage: Wirtschaftlich ist diese Form der Energieumwandlung heute nicht. Sowohl das Gas aus Strom als auch der Strom aus Gas sind teurer als konventionell erzeugte Energie - noch, betont Zösch. Wenn entsprechend viele Anlagen gebaut würden, könnte die heute teure Technik in gut zehn Jahren marktfähig sein. Nur: "Einer muss anfangen."



was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren