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Bamberg
Jahresausklang 

Die Schatzfinderin in der Staatsbibliothek

Kinderbischof und Würste am Christbaum: In der Neuen Residenz Bamberg kann man die Winterwelt unserer fränkischen Ahnen auf sich wirken lassen.
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Da bekommt das Mädchen den Nussknacker geschenkt, der später alle Zähne verlieren wird: Bettina Wagner mag den um 1840 entstandenen Kupferstich des "allerliebsten Kindermärchens" vom Nussknacker und dem Mäusekönig nach E. T. A. Hoffmann. Fotos: Diana Fuchs
Da bekommt das Mädchen den Nussknacker geschenkt, der später alle Zähne verlieren wird: Bettina Wagner mag den um 1840 entstandenen Kupferstich des "allerliebsten Kindermärchens" vom Nussknacker und dem Mäusekönig nach E. T. A. Hoffmann. Fotos: Diana Fuchs
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Das Licht ist warm und gedämpft. Mag die Welt draußen auch noch so laut und novembergrau sein - die dicken Wände, die massiven Türen, sie lassen den Lärm und die grauen Wolken nicht durch. Stuckdecken, Marmorsäulen, majestätische Raumhöhe: Das "Sterngewölbe" und der Scagliola-Saal in der Neuen Residenz Bamberg sind perfekte Orte, um mal abzutauchen - in die Weihnachtswelt unserer Vorfahren mit Schnee und Schlittenfahrt, Martinsgans und Winterbier, Goldlocken und auch ein bisschen Grusel.

Ein paar Monate zuvor: Es hat 30 Grad im Schatten, alle Welt lechzt nach Abkühlung. Prof. Dr. Bettina Wagner hat eine besondere Methode: Sie sucht nach Objekten für die Weihnachtsausstellung in der Staatsbibliothek. "Ich wollte nicht das Konventionelle zeigen, Jesus, Maria, Josef und den Esel", sagt die Bibliotheksdirektorin. "Es sollte eine bunte Zeitreise werden vom Mittelalter bis in die Gegenwart, mit Büchern, aber auch Fotografien, Postkarten, originellen Werbeplakaten oder kunstvoll gestalteten Handschriften."

Ihre hochsommerliche Winter-Recherche war erfolgreich. Gut, dass die rund 500.000 Bücher im Fundus detailliert verschlagwortet sind. "Ich habe allerhand Suchbegriffe ins Online-Verzeichnis eingegeben", erzählt die gebürtige Würzburgerin. "Außerdem haben mir Mitarbeiter so manchen guten Tipp gegeben. Ich habe mich gefühlt wie eine Schatzsucherin."

Da kam zum Beispiel eine Abbildung vom Silvestertag 1829 zu Tage: Die neue Bamberger Kettenbrücke zwischen Königstraße und Inselstadt wird mit einem großen Fest eröffnet, auf dem zugefrorenen Regnitzarm laufen viele Menschen Schlittschuh. "Was kaum einer weiß: Diese Kettenbrücke in Bamberg war eine der ersten ihre Art in ganz Europa. Sie wurde sogar zum Vorbild für die Brücke am Fuß der Niagarafälle!"

Von Franken in die Welt: Das gilt auch für Bier und Lebkuchen. Zum Thema "Essen und Trinken" hat Bettina Wagner allerhand Funde gemacht, von original-fränkischen Weihnachtskoch- und -backbüchern der vorigen Jahrhunderte bis hin zu einem auf den 1. Januar 1821 datierten Wirtshausdialog darüber, warum das Winterbier so teuer ist.

Nützlich für Frauenzimmer

Geschenk-Empfehlungen gab es offenbar auch schon lange vor unserer Zeit. So wird Anfang des 19. Jahrhunderts ein Buch angepriesen, das "die Kunst, guten Kaffee zu bereiten" lehrt und ein "nützliches Geschenk für Frauenzimmer" sei. In einer pompös illustrierten Zeitungsanzeige wird einige Jahrzehnte später "Des Kaisers Bilderbuch" als ideales Geschenk für Knaben beworben.

"Ich habe Schätze aus einem ganzen Jahrtausend gehoben", freut sich Bettina Wagner. Sorgfältig hat sie die schönsten davon für die Ausstellung "Winter und Weihnacht in Buch und Bild" ausgewählt. Im Sterngewölbe hat sie damit Vitrinen unter anderem zu den Themen "Albrecht Dürer" und "Eis und Schnee" gestaltet.

Einige Objekte laden zum Nachdenken ein, andere zum Schmunzeln. Oder zu beidem, wie das Bild der "großen öffentlichen Maskerade". Als Symbol für die frömmelnde Biedermeier-Beschaulichkeit schmückte der Christbaum sogar Faschingswägen: 1837 beim Zug durch Bamberg, mitten in der politischen Umbruchszeit des Vormärz. Offenbar interessierten den braven Bürger die Forderungen nach Freiheit wenig. Oder spiegelt ein mit Würsten behängter Christbaum, unter dem ein Maßkrug steht, etwas anderes als Selbstzufriedenheit?

Wer vom Sterngewölbe in den Scagliola-Saal schreitet, geht noch einige hundert Jahre weiter in die Vergangenheit. Farbenprächtige Buchmalerei ist hier zu bewundern, zum Beispiel in einem mächtigen Evangeliar aus dem 11. Jahrhundert oder einem armdicken Messbuch für den Bischof aus dem Jahr 1500.

Auch drei Buben ziehen die Blicke auf sich. Sie wurden vor 450 Jahren auf eine Buchseite gemalt. Es sind wohl drei Ministranten, von denen einer mit Mitra und Stab ausgestattet ist. "Das ist der Bamberger Kinderbischof", erklärt Bettina Wagner. "Einer alten Tradition folgend, wählten die Stiftsschüler von St. Stephan in Bamberg in früheren Zeiten jeweils eine Woche vor dem Nikolausfest einen Kinderbischof. Der blieb stets bis zum 28. Dezember im Amt. Er spielte - darauf deuten die Bücher unterm Arm hin - beim Anstimmen der Gesänge eine führende Rolle." An diesem Bild freut Bettina Wagner eins besonders: Da St. Stephan im kommenden Jahr 1000. Geburtstag feiern wird, soll die alte Tradition wiederbelebt werden.

Die Ausstellung ist so konzipiert, dass man, je nach Lust und Laune, in wenigen Minuten durchlaufen oder mit viel Ruhe und Muße die Winterwelt früherer Franken auf sich wirken lassen kann. Erläuternde Texte erzählen die Geschichte hinter den Werken. Dann fesselt vielleicht auch ein nagelneuer Scherenschnitt den Blick. Grafiker Hans Günter Ludwig erzählt damit die Geschichte der verzauberten Prinzessin Pirlipat, ihrem potenziellen Erlöser und den vermaledeiten Rachegelüsten der Mausekönigin. Ein bisschen Grusel gehört eben auch zur Weihnachtszeit dazu. Aber keine Angst: So wenig, wie der Lärm der Welt ins Sterngewölbe dringt, so wenig durchdringt der siebenköpfige Mausekönig das Sicherheitsglas seiner Vitrine. Ausstellung: "Winter und Weihnacht in Buch und Bild" ist bis 19. Dezember montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr und samstags von 9 bis 12 Uhr in der Staatsbibliothek Bamberg zu sehen (Neue Residenz, Domplatz 8). Jeden Dienstag findet um 17 Uhr (ohne Anmeldung) eine öffentliche Führung statt. Der Eintritt ist frei.(www.staatsbibliothek-bamberg.de)