Bamberg
Gleusdorf

Die Mängelliste verstört

Am zweiten Prozesstag am Landgericht Bamberg kam auch die Heimaufsicht zu Wort.
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Nachdem die drei Angeklagten im Gleusdorf-Prozess zum Auftakt umfassend geschwiegen hatten, verschaffte sich das Schwurgericht am zweiten Verhandlungstag einen Überblick über die Ermittlungen und die Pflegemängel in der Seniorenresidenz. Am Landgericht kamen dazu am Mittwoch ein Kriminalbeamter und der Leiter der Heimaufsicht zu Wort.

Als die Ermittlungen im Mai 2016 durch ein Schreiben zweier Ärzte beginnen, ist noch niemanden so recht klar, welche Dimensionen die polizeilichen Nachforschungen annehmen würden.

Die Psychiater behandeln eine ehemalige Mitarbeiterin der Seniorenresidenz und erfahren dabei von angeblichen Straftaten. Damals liegt diese Pflegekraft mit ihrem Arbeitgeber im arbeitsrechtlichen Clinch und ermöglicht durch das Entbinden von der Schweigepflicht, dass die Mediziner sich an die Staatsanwaltschaft Bamberg wenden können.

Also macht sich die Kriminalpolizei Schweinfurt ans Werk. Sie überprüft 100 verdächtige Fälle aus den Jahren 2010 bis 2016. Die Hälfte davon kann sie dem bislang nicht vorbestraften Trio auf der Anklagebank zuordnen. Aber nur fünf schaffen es als Totschlag beziehungsweise versuchter Totschlag durch Unterlassung, Misshandlung Schutzbefohlener, vorsätzliche Körperverletzung und Falschbeurkundung in die Anklageschrift. Ein vierter Beschuldigter gerät bald aus dem Blickfeld des Oberstaatsanwaltes Otto Heyder und wird anderweitig, nämlich am Amtsgericht Hof, zu einer einjährigen Bewährungsstrafe wegen Untreue verurteilt.

Aktenberge steigen

Inzwischen haben die Aktenberge besorgniserregenden Umfang angenommen. Von 15 000 Seiten sprach der Vorsitzende Richter Manfred Schmidt. Und noch während er dies konstatierte, kamen schon wieder einige Dutzend Blätter neu hinzu. Der Leiter der Heimaufsicht des Landkreises Haßberge, Peter Friedrich, erläuterte die zahlreichen Mängel, die seine Behörde im Laufe der Jahre festgestellt hatte. "Darunter waren auch erhebliche Mängel, die eine Gefährdung der Heimbewohner darstellten." Von fehlenden Sturzprotokollen, mangelhafter Wundversorgung oder zu wenigen Fachkräften im Einsatz sprach er. "Wir haben viele Dinge dreimal gesagt. Oft ging es um Kleinkram." Von Seiten der Heimleitung habe es dann geheißen, es handle sich um Einzelversagen eines Mitarbeiters, oder die Bewohner selbst seien schuld. "Wenn unsere Prüfberichte nur gelocht und abgeheftet werden, führt das zu keiner Weiterentwicklung."

Als Beispiel nannte Friedrich eine Nagelschere, die für alle Bewohner verwendet worden sei, obwohl einer von ihnen an Nagelpilz erkrankt gewesen sein soll. Außerdem waren bei einer unangekündigten Kontrolle um ein Uhr nachts die Umlagerungen eines Patienten bis sechs Uhr früh bereits eingetragen. "Obwohl der noch immer dalag, wie er um 22 Uhr hätte liegen sollen." Es sei bei solch stichprobenartigen Besuchen einmal im Jahr aber nicht möglich, alle Verletzungen und Mängel in der Pflegedokumentation zu finden. "Sonst müssten wir mit 60 Leuten da rein, und das wöchentlich."

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