N ie wird Ingrid Moritzen den Anruf des Arztes vergessen. "Bettina hat es leider nicht geschafft." Die Zehnjährige erlag im Krankenhaus einer seltenen Immunerkrankung. 25 Jahre ist das jetzt her.

Wird das Leben nie mehr gut, wenn man sein Kind verloren hat?
Ingrid Moritzen: Natürlich hat man anfangs dieses Gefühl, dass nichts mehr gut werden kann. Aber das stimmt nicht. Allerdings muss man natürlich auch da rauskommen wollen, man muss sich trösten lassen wollen.

Gab es für Sie etwas, das Sie nach Bettinas Tod trösten konnte?
Unmittelbar nach ihrem Tod konnte ich mir keine Hilfe vorstellen. Am Anfang war es einfach gut, dass meine Eltern, meine Familie und Freunde da waren. Viele Menschen sind einfach vorbeigekommen.

Das hat Ihnen geholfen?
Ja, es war gut, nicht allein zu sein, gemeinsam reden oder schweigen zu können. Ich weiß heute, dass das ein Privileg ist, denn viele Menschen ziehen sich zurück, wenn Freunde einen Todesfall durchmachen - weil sie nicht wissen, was sie sagen sollen. Dabei reicht es oft, einfach da zu sein.

War Ihr Mann Ihnen eine Hilfe?
Bedingt. Er hat eine ganz andere Art zu trauern. Er konnte es schlecht aushalten, wenn ich geweint habe. Er hat natürlich auch getrauert, aber nicht wie ich. Er hat sich in Aktivitäten gestürzt, war viel mit Bettinas kleiner Schwester, die noch ein Baby war, unterwegs. Er hat quasi all seine Liebe auf die Kleine übertragen. Ich konnte das nicht so.

Aber es war trotzdem gut, ein weiteres Kind zu haben, oder?
Ja, das tröstet und hält einen aufrecht, weil man Verantwortung hat und sich nicht einfach verkriechen kann. Trotzdem: Da jedes Kind einzigartig ist, gibt es für keines einen Ersatz.

Was hat Ihnen nach der ersten akuten Trauerphase Halt gegeben?
Ganz klar: die Selbsthilfegruppe verwaister Eltern.

Fremde Menschen?
Ja, in der Selbsthilfegruppe habe ich gesehen, dass nicht nur ich betroffen bin. Man redet viel leichter, wenn die Umgebung einen versteht. Privat wurde nach einer gewissen Zeit erwartet, dass es mir besser geht, dass ich schon viel weiter sein müsste.

Wirklich?
Ja, auf der Arbeit hat einige Monate nach Bettinas Tod jemand ganz entsetzt zu mir gesagt: "Was, euch geht es immer noch so schlecht?"

Das war wohl ein unsensibler Mensch.
Nicht unbedingt. Viele denken, die Zeit heilt alle Wunden. Aber manche Wunden brauchen eben mehr Zeit. Für mich war die Selbsthilfegruppe ein Segen, weil ich mich verstanden fühlte. Die Leiterin hatte auch ein schweres Schicksal zu tragen, aber sie hat es geschafft, wieder positiv durchs Leben zu gehen. Das war meine Hoffnung.

Konnten Sie sich von Bettina verabschieden?
Nein - und das hat mich lange beschäftigt. Ich wollte den Gedanken, dass sie sterben könnte, nie zulassen - obwohl ich wusste, dass die Ärzte vor einem Rätsel standen. Sie ist am frühen Morgen in der Klinik gestorben, allein. Am Vortag war sie noch aufgestanden und hatte sich angezogen. Und ich hatte mich gefreut und gedacht, es gehe aufwärts. Lange hat mich der Gedanke gequält, dass ich hätte sehen müssen: Sie bereitet sich auf den Abschied vor.

Inwiefern?
Als sie sich angezogen hatte, meinte sie, sie würde gerne eine weite Reise machen und aus einer Quelle trinken... Heute weiß ich, dass das Symbole für Abschied sein können. Damals habe ich einfach nur gehofft, dass sie gesund werden wird. Im Nachhinein bekamen auch andere Sätze eine neue Bedeutung. Sie hat zum Beispiel am Tag vor ihrem Tod noch einmal zu mir gesagt: "Du bist die beste Mama der Welt." Auch ihren Papa und alle anderen nahen Verwandten hat sie erwähnt. Heute bin ich mir sicher: Sie wollte uns auf Wiedersehen sagen.

Vor vier Jahren ist nun auch Ihr Mann gestorben. Konnten Sie seinen Tod leichter verarbeiten als Bettinas?
Da gibt es schon einen Unterschied, ja. Wenn ein Kind stirbt, erscheint einem das wider die Natur; es ist, als ob ein Stück von einem selbst geht. Dazu kommt das Gefühl, versagt zu haben, weil man das Kind nicht beschützen konnte. Mir war, als sei mein ganzes Fundament eingestürzt, nichts galt mehr, was vorher gegolten hatte. Als viele Jahre später mein Mann plötzlich schwer an Krebs erkrankte, war es auch schwer, ihn gehen zu lassen. Aber da ich mich schon jahrelang mit dem Tod befasst hatte, hat er mich nicht mehr so eiskalt erwischt.

Haben Sie sich seit Bettinas Tod verändert?
Im Kern nicht. Aber mein Weg des Lebens hat sich verändert. Ich habe mich mit meinen christlichen Wurzeln und Spiritualität allgemein auseinandergesetzt. Innerlich habe ich mit meiner Tochter gesprochen. Heute kann ich sie zu mir rufen, wenn ich sie brauche.

Wie meinen Sie das?
Ich habe Bettinas Körper gesehen, nachdem sie gestorben war, und ich war mir in diesem Moment sicher: Da ist sie nicht mehr. Aber ich spüre sie noch. Sie ist woanders.

Wo ist sie?
Gar nicht weit weg. Inzwischen ist das nicht nur Glaube, sondern Gewissheit: Unsere Verstorbenen sind noch da.

So steht es in der Bibel.
Der christliche Glaube gibt mir Halt, aber es geht auch um persönliche Erfahrungen. Die habe ich gemacht, als ich zwei Jahre nach Bettinas Tod eine Reiki-Praktizierende kennenlernte. Sie hat mir die Hände aufgelegt - und danach konnte ich zum ersten Mal seit langem wieder gut schlafen.

Wie erklären Sie sich das?
Reiki ist Heilen mit den Händen. Ich habe danach selbst die Reiki-Ausbildung gemacht, bin seit 2004 Reiki-Meisterin. Diese Energie zu spüren, die durch meine Hände fließt - das war wie eine Tür für mich, unter anderem zu kirchlichem Einsatz. Viele Jahre war ich ökumenisch und in der Bamberger Erlöserkirche engagiert.

Aber widerspricht sich das nicht: Christsein und Esoterik?
Für mich nicht. Ich sehe mich selbst als Vermittlerin zwischen den Welten und habe das Gefühl, dass die christlichen Kirchen mittlerweile sehr viel offener sind als früher - zumal Jesus ja auch mit den Händen geheilt hat. Buddha übrigens ebenso. Ich, für mich, nenne Reiki die "Kraft des heiligen Geistes". Für mich ist Reiki immer auch mit Gebet verbunden. Und mit Bettina. Während sie krank war, wollte sie immer, dass ihr jemand die Hände auflegt.

Sie sind auch Trauerbegleiterin und geben Seminare für Frauen nach Fehl- und Totgeburten. Nach dem Tod Ihres Mannes haben Sie zudem eine Business-Coaching-Ausbildung gemacht. Jetzt streben Sie auch noch eine schamanische Basisausbildung an. Warum so viele unterschiedliche Projekte?
So unterschiedlich sind sie gar nicht. Immer geht es darum, den Menschen ganzheitlich zu betrachten. Zwischen Körper und Geist gibt es eine Wechselwirkung. Ich schätze die moderne Medizin sehr, wünsche mir aber, dass es eine bessere Zusammenarbeit von Schulmedizin und ganzheitlicher Heilung gibt. Früher war Heilung immer mit Spiritualität verbunden.

Bettinas Tod jährt sich nun zum 25. Mal. Sie haben vor kurzem ein Buch veröffentlicht, das ihren Namen trägt. Weshalb?
Ursprünglich wollte ich über Bettinas Leben schreiben, damit sie in den Worten weiterlebt. Zu großen Teilen besteht das Buch aus meinem Tagebuch, das ich nach Bettinas Tod verfasst habe. Ich hoffe, dass ich Menschen in ähnlichen Situationen zeigen kann, wie man so etwas Schreckliches überleben und auch wieder glücklich werden kann. Und dass die Liebe zum Kind bleibt. Sie geht nie weg.