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Bamberg
Bamberger Literaturfestival

"Die Klappe zu halten, fällt mir schwer"

Die Journalistin Dunja Hayali hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für Demokratie, Haltung und für ein von gegenseitiger Achtung geprägtes Miteinander.
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Dunja Hayali  bei ihrer Lesung Foto: Helmut Ölschlegel
Dunja Hayali bei ihrer Lesung Foto: Helmut Ölschlegel
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Geprägt von einer tiefen inneren Überzeugung und eine Haltung, die sich gegen Hass in jeglicher Form richtet, gewährte Dunja Hayali gut drei Stunden lang Einblick in ihr Leben als Journalistin, aber auch als Bürgerin dieses Landes, das sie liebt und deren Grundwerte sie verteidigt und verteidigt wissen will. Wenn es ihr auf einen Konsens und auf ein gemeinsames Miteinander ankam an diesem verregneten Abend in der Bamberger Konzert- und Kongresshalle, dann war ihr das bestens gelungen, spendeten die gut 700 Zuschauer im nicht ganz ausverkauften Joseph-Keilbert-Saal immer wieder Beifall und bedankten sich am Ende mit Standing Ovations.

"Wilma" und die Heimat

Am Anfang allerdings stand "Wilma", die elf Monate alte Golden-Retriever-Hündin, die neugierig auf der Bühne umhertappte und freundlich ins Publikum blickte, als wollte sie für Abwechslung im Vortrag ihres Menschen sorgen. Dunja Hayali wiederum holte zunächst verschiedene Gegenstände aus einer schwarzen Stofftasche, drapierte sie um ihr Buch herum und schuf sich so gleichsam ein kleines Stück Heimat auf der bis auf ihren Tisch ansonsten leeren Bühne (von "Wilma" einmal abgesehen). Ein kleines Stück "Haymatland", ("Ich bin durchaus in der Lage ,Heimat' richtig zu schreiben"), so der Titel ihres fast zwei Jahre alten Buchs (erschienen im Ullstein-Verlag), das ein ganz persönlicher Lebensausschnitt und keinesfalls eine Anleitung zur Islamisierung ist. Ganz im Gegenteil. Dunja Hayali lässt sich weder den Begriff "Heimat" von rechts außen wegnehmen, noch davon abbringen, ihre Meinung zu äußern, eben Haltung zu zeigen, auch und gerade in den sozialen Medien, die sie gerne "asoziale Medien" nennt. Zu Recht möchte man schreiben, wenn man die Ergüsse bestimmter Nutzer beispielsweise auf Twitter liest und sich fragt, ob diese jemals etwas von Rechtschreibregeln gehört haben und ob sie auch anderer Gefühlsregungen außer Hass fähig sind.

Hass gegen alles und alle

Mit diesem Hass, dieser blinden Zerstörungswut, die sich gegen alles und alle richtet, die vermeintlich nicht ihre eigenen Vorurteile und vorgefassten Meinungen bestätigen, wurde Dunja Hayali erstmals konfrontiert als sie im Jahr 2007 das "Heute-Journal" moderierte. Dessen Chef Claus Kleber warnte sie, dass sie für eine bestimmte Gruppe immer die Ausländerin, die Andere sein würde, ganz ungeachtet der Tatsache, dass Dunja Hayali Deutsche ist und hier geboren wurde, weil sich ihre Eltern Deutschland als neue Heimat ausgesucht haben.

Doch was ist das eigentlich, diese Heimat? Ganz sicher nicht das, was sich "besorgte Bürger" ("Das sind Rassisten") und andere Rechtsextreme durch Ausgrenzung und Rückwärtsgewandtheit darunter vorstellen und wohin sie dieses Land bringen wollen. Denn, so Dunja Hayali, sie spielen Arme gegen noch Ärmere aus, verallgemeinern und wählen aus Protest AfD, auch wenn sie auf Nachfrage nicht erklären können, warum.

Gegen Verfassungsfeinde

"Wenn Sie aus Protest die AfD wählen wollen, bleiben Sie einfach zuhause", sagt Dunja Hayali, denn diese Verfassungs- und Demokratiefeinde profitieren durch das vom Grundgesetz geschützte Recht auf Meinungsfreiheit eben von jenem Staat, den sie abschaffen wollen: "Jammern Sie nicht rum, wenn man Sie als das bezeichnet, was Sie auch sind." Weil die Demokratie zwar wehrhaft sei, aber keine Selbstverständlichkeit, rief Dunja Hayali ihr Publikum dazu auf, ihre Vorurteile mit der Wirklichkeit abzugleichen, ihre eigene Meinung in Frage zu stellen und nicht zu verallgemeinern, die "ganz vielen" Grautöne zu sehen und sich nicht darüber zu beschweren, dass das "Heute-Journal" nicht die kompletten Nachrichten eines Tages abhandeln könne. Das sei auch vor dem Internet nicht möglich gewesen.

Es gibt keinen Einheitsbrei

Überspitzte und damit unzulässige Überschriften, die lediglich auf ein Like oder einen Klick aus sind, nehmen zwar im Internet immer mehr zu. Sie sind aber kein Grund, gegen "die" Medien zu hetzen, schließlich gibt es in Deutschland weder einen Einheitsbrei bei Medien noch bei Parteien. Auch wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk und seine Finanzierung immer wieder kritisiert werde, so sei er doch nötig, weil nur Sender wie das ZDF, Dunja Hayalis Arbeitgeber, verpflichtet seien, das komplette politische Meinungsspektrum abzubilden - und Politiker der AfD zu Interviews einzuladen.

Die Gesellschaft müsse sich auch und vor allem überlegen, wie sie mit Politik umgehen wolle. Es fehlten nicht nur Visionen, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Es fehlten auch Politiker, die in der Lage sind, Fehler einzugestehen und sei ist unklar, wie wir junge Menschen für Politik begeistern können.

Gute Kinderstube

Was jeder Einzelne machen könne? Dunja Hayali erinnerte an die gute Kinderstube, an die Art und Weise wie wir miteinander umgehen, ob wir uns mit Ellbogen einen Weg durch die Schlange an der Supermarktkasse bahnen oder ob wir freundlich miteinander reden und uns bei der Kassiererin bedanken oder sie ignorieren. "Das kostet Sie nichts", appelliert sie an die Zuhörer, von denen die ein oder anderen das Ende der Lesung, die von Publikumsfragen abgeschlossen wurde, nicht abwarten konnten oder wollten. Die meisten allerdings blieben, um sich mit langanhaltendem Applaus zu bedanken und sich im Foyer für ein Autogramm anzustellen.

Die Dankesworte des Veranstalters Bamberger Literaturfestivals (BamLit) sprachen Asli Heinzel und Schirmherrin Tanja Kinkel, die ein Bamberg-Buch überreichte. In den Abend eingeführt hatten für das BamLit Klaus Stieringer und Wolfgang Heyder.

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