Bamberg
Finanzen

Die Kirche und das liebe Geld

Der Finanzskandal im Bistum Eichstätt hat nicht nur Schlagzeilen produziert, sondern auch generell die Frage nach dem Umgang mit dem kirchlichen Mammon aufgeworfen.
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Fotos: Zwiebackesser, ra2 studio/Fotolia Composing: Micho Haller
Fotos: Zwiebackesser, ra2 studio/Fotolia Composing: Micho Haller

Erwin Nunner erinnert sich noch gut daran, wie er in den 1970er Jahren mit einer Delegation seiner Pfarrei zum Finanzdirektor ins Erzbischöfliche Ordinariat Bamberg marschiert ist. Es ging um ein Bauvorhaben, für das die pfarrlichen Gesandten einen Zuschuss erbitten wollten. Der Finanzdirektor, ein Kleriker, hörte sich das Ersuchen an. "Und dann stellte er einfach eine Überweisung über einen fünfstelligen DM-Betrag aus", erzählt der 83-jährige Nunner und schüttelt immer noch ungläubig den Kopf.

Ist so ein unbürokratischer Vorgang heutzutage auch Usus? "Nein, undenkbar!", sagt Mathias Vetter, seit 2011 Finanzdirektor des Erzbistums Bamberg und erster Laie in dieser Funktion. Wer jetzt zum Beispiel einen Ersatzbau für ein nicht mehr sanierungsfähiges Pfarrzentrum wünsche, müsse sich auf ein bis zu zweijähriges Genehmigungsverfahren einstellen. Eine Wirtschaftlichkeitsanalyse, Berechnungen von internen und externen Architekten, ein Finanzplan seien vonnöten und obendrein die Zustimmung der Ordinariatskonferenz und des Diözesansteuerausschusses. Also "ein Riesenprozess mit mehreren Kontrollmechanismen", so Finanzdirektor Vetter.

Wie inzwischen alle sieben bayeri-schen Bistümer hat die fränkische Diö-zese aus der Vergangenheit gelernt. Teils mit bitterem Lehrgeld, wie Eichstätt zeigt. Anfang des Jahres skandierten Schlagzeilen unisono "Finanzskandal": Dubiose Immobiliengeschäfte in den USA bescherten 54 Millionen Dollar Verluste, dem früheren stellvertretenden Finanzdirektor und einem US-Immobilienentwickler Untersuchungshaft sowie Bischof Gregor Maria Hanke eine Anzeige von 18 Katholiken wegen "schwerwiegender Verletzungen seiner Amtspflicht" im Vatikan.

Dabei war es der Bischof selbst, der bereits im Sommer 2017 Strafanzeige gestellt und den Finanzskandal öffentlich gemacht hatte. Hanke startete eine "Transparenzoffensive" nicht nur zur Offenlegung der Finanzen seines Bistums, sondern auch zur Erneuerung der Strukturen: "Diese neuen Strukturen und Regelwerke stellen sicher, dass sich die Ereignisse des Finanzskandals nicht wiederholen", erklärt Leitender Finanzdirektor Florian Bohn gegenüber unserer Zeitung. Seit April 2018 ist Bohn im Amt. Er stellte die Jahresbilanz 2017/18 vor - eine Bilanz, die erstmals nach den Richtlinien des Handelsgesetzbuches (HGB) für große Kapitalgesellschaften erstellt wurde.

Florian Bohn verweist auf den mit externen Fachleuten neu besetzten Diözesanvermögensverwaltungsrat - eine Art Aufsichtsrat - , dem der operative Arbeitsbereich obliege. Das "Konsultorenkollegium" unter Leitung von Bischof Hanke sei mit kirchenrechtlich vorgegebenen Kontroll- und Zustimmungsrechten ausgestattet und zeichne für die pastoralen Zielvorgaben verantwortlich. "Somit sind Aufsicht und operative Umsetzung organisatorisch klar getrennt", so Bohn. All dies sei flankiert worden durch die Entwicklung einer effizienten Innenrevision. Diese werde mit Hilfe einer externen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft anhand professioneller Standards durchgeführt.

Obendrein führt der Eichstätter Finanzdirektor verschiedene Diözesangesetze an, die weiterhin eine "risikoarme, ethisch-nachhaltige Anlagestrategie" regelten, die im Einklang mit der katholischen Soziallehre stünden. Ähnliches berichtet auch Bohns Bamberger Kollege Vetter mit drastischem Beispiel: "Entsprechend den ethisch-nachhaltigen Leitlinien sind kirchliche Finanzanlagen in Unternehmen ausgeschlossen, die mit Rüstungsgeschäften oder Abtreibung zu tun haben."

Über einen "uneingeschränkten Be-stätigungsvermerk unter dem Jahresabschluss 2017" freut sich Klaus Donaubauer, Finanzdirektor der schwäbischen Diözese Augsburg. Unabhängige Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben ihr Plazet gegeben für den Abschluss nach den Bilanzierungs- und Bewertungsvorgaben des HGB. Donaubauer führt zudem das Kontrollgremium "Diözesansteuerausschuss" an, das letztlich den Jahresabschluss beschließt.

Auch das Erzbistum München und Freising bilanziert nach dem HGB und informiert detailliert darüber, welche finanziellen Mittel für welche Zwecke eingesetzt werden, aber auch über das Vermögen, die finanziellen Ressourcen und die Verpflichtungen der Erzdiözese. Die Bilanzsumme klingt gigantisch, ist mit großem Abstand die höchste aller bayerischen Bistümer: 3,368 Milliarden Euro. Für heuer waren Aufwendungen in Höhe von 752 Millionen Euro geplant. Und zwar mit dem Ziel, "Menschen die Begegnung mit der Frohen Botschaft Jesu Christi zu ermöglichen und sie seelsorglich zu begleiten". Dieser hehre Satz steht auf der Homepage des Erzbistums München und Freising und gipfelt in den Worten "Kirche ist kein Wirtschaftsunternehmen, sondern nur ein Mittel, um den kirchlichen Sendungsauftrag verwirklichen zu können".

Für diese Verwirklichung sorgen zu-nächst die Kirchensteuerzahler. Dank der brummenden Konjunktur sprudeln diese Einnahmen. Doch langfristig prognostizieren die Fachleute einen signifikanten Rückgang des Kirchensteueraufkommens. Da liegt es auf der Hand, dass Kürzungen in so manchen Aufgabenbereichen anfallen werden. Die von unserer Zeitung befragten Finanzdirektoren weisen allerdings strikt zurück, dass es Bereiche wie Seelsorge, Caritas oder Gottesdienste betreffen könnte.

Der Bamberger Mathias Vetter sagt: "Wir haben keinen Masterplan in der Schublade, welche Aufgaben dann nicht mehr erfüllt werden." Zumal sich ja gerade soziale Fragen immer neu stellten: "Aktuell kümmern wir uns auch um Flüchtlinge und Asylbewerber." Wobei jedes Bistum andere Schwerpunkte setze und ein direkter Kostenvergleich - "ein Benchmarking" - gar nicht möglich sei. Wirtschaftliche Voraussetzungen und diözesane Vorstellungen seien allerorten unterschiedlich.

"Transparenz-Offensive"

Gleichwohl war es die Deutsche Bi-schofskonferenz (DBK), die unter dem Eindruck des Skandals um das Limburger Bischofshaus die Finanzen der katholischen Kirche in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hatte. DBK-Vorsitzender Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, rief 2014 die "Transparenz-Offensive für finanzielle Angelegenheiten" aus. Nach gewissen Startschwierigkeiten läuft diese Transparenz-Offensive "aktiv in allen 27 Bistümern", erklärt DBK-Pressesprecher Matthias Kopp auf Anfrage. Die Veröffentlichung der jeweiligen Haushaltszahlen und weiterer Einrichtungen sei "ein wichtiger Schritt". Eine solche Offensive gehe nicht von heute auf morgen, sondern "ist ein längerfristiger Prozess", betont Kopp und ergänzt, dass "an dem Thema kontinuierlich gearbeitet wird".

Tatsächlich verheimlicht die katholische Kirche inzwischen nicht mehr, wie prall ihr Geldsäckel, wie umfangreich ihr Immobilien- und Grundstückbesitz ist, welche Wertpapiere und Aktien in ihren Depots schlummern. Doch Mathias Vetter etwa warnt davor, nur die reinen Zahlen zu sehen: "Die Kirche als Ganzes erfüllt Aufgaben für die ganze Gesellschaft, für die Notleidenden in der Welt." Denn, so sagt der Diplom-Kaufmann knapp: "Ein sorgfältiger Umgang mit kirchlichen Vermögenswerten und Erträgen ist unsere Pflicht." Da sei es auch wichtig zu schauen, "dass nicht eine Diözese in finanzielle Schieflage gerät".

Finanzskandal "ausgeschlossen"

Im Zeitalter der Ökumene gilt dies wohl ebenso für die evangelische Kirche, die wie die katholische nicht staatlich subventioniert wird. Transparenz in Sachen Geld hat sich zumindest die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern auf die Fahne geschrieben. Pressesprecher Kirchenrat Johannes Minkus nennt bereitwillig die Gesamtsumme von 921 Millionen Euro an Aufwendungen im Haushalt 2018. Auch die bayerischen Protestanten bilanzieren nach dem HGB, haben Kontrollinstanzen eingerichtet. Minkus nennt es "ausgeschlossen", dass sich innerhalb der Landeskirche ein Fi-nanzskandal wie in Eichstätt abspielen könnte.



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