Egal wie das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft heute bei der Fußball-Europameisterschaft gegen Portugal ausgeht. Egal ob Deutschland gewinnt. Oder Portugal. Oder ob am Ende ein Unentschieden steht. Eines weiß Artur Torres Barbosa sicher: In seiner Familie wird es keinen Ärger geben, schon gar keinen Streit. Die Harmonie in der Familie wird auch nach dem Abpfiff am späten Samstagabend da sein. Da können noch so viele Leidenschaften im Spiel sein: auf dem Platz, auf den Rängen, vor dem Fernseher - und in seiner eigenen Familie.

Für die Familie Torres Barbosa in Zeil bedeutet das erste Europameisterschaftsspiel nämlich eine Art Ausnahmezustand. Deutschland trifft auf Portugal. In diesen beiden Ländern hat die Familie Torres Barbosa ihre Wurzeln. Und sie sind leidenschaftliche Fußballanhänger, und nicht alle sind für die gleiche Mannschaft.
Die Konstellation Deutschland gegen Portugal "ist genau das, was ich nicht haben wollte", gesteht der 15-jährige Marcel. Er ist der Sohn von Artur Torres Barbosa. Der Schüler drückt die Daumen für sein Lieblingsteam, und es ist nicht die Mannschaft, für die sein Vater fiebert. Und Opa Aires Ferreira Barbosa hat ohnehin seine eigenen Ansichten.

Die Familie Torres Barbosa ist fest integriert in Zeil. Der 44-jährige Artur führte schon verschiedene Funktionen beim FC Zeil aus. Zuletzt war er Jugendtrainer der U-19-Mannschaft. Sohn Marcel spielt ebenso wie der größere Bruder André in Nachwuchsteams des Vereins. Opa Aires ist eifriger Zuschauer bei den Spielen seiner Enkel und der Ersten Mannschaft.

Der heute 71-Jährige hatte die Familie einst nach Zeil gebracht. Im Mai 1969 war Aires Ferreira Barbosa nach Gaustadt bei Bamberg gekommen. Er hatte dort wie viele seiner Landsleute Arbeit in der Weberei Erba bekommen. Das Unternehmen gibt es heute nicht mehr. Auf dem Gelände der Firma findet gerade die Landesgartenschau statt.

Nach wenigen Monaten holte der Portugiese seine Frau und den kleinen Sohn Artur nach. Das war im November 1969. Zu dieser Zeit war Aires Ferreira Barbosa bereits in der Erba-Außenstelle in Zeil tätig. Er und seine Frau arbeiteten dort. Die Erba in Zeil gibt es schon lange nicht mehr. Auf dem Gelände befindet sich heute das Erbelle-Center (Erbelle war einst die Nachfolgefirma der Erba).

Da gerade die Rede von Namen ist: An dieser Stelle sei erklärt, warum Opa Aires einerseits und sein Sohn Artur sowie Enkel Marcel andererseits verschiedene Nachnamen haben. Nach portugiesischem Recht bekommt das Kind in der Regel den Nachnamen des Vaters und der Mutter. Das kann theoretisch zu richtigen Namensketten führen - wenn man das will. Sowohl Aires als auch Artur sind in Portugal geboren worden; deshalb galt dieses Recht für sie.

Und sie teilen die Leidenschaft für das portugiesische Fußball-Nationalteam. "Mein fußballerisches Herz schlägt für Portugal", sagt Artur Torres Barbosa. Er würde sich freuen, wenn sein Heimatland am Samstag die Oberhand gegen Deutschland behalten würde. Er wäre auch über einen deutschen Sieg nicht traurig, würde sich wohl auch freuen, aber sicher ein bisschen weniger.

Allzu groß sind die Hoffnungen des 44-Jährigen, der als kaufmännischer Angestellter in einem Autohaus in Haßfurt arbeitet, ohnehin nicht, dass Portugal die Vorrunde übersteht. Er sieht Deutschland und die Niederlande vorne und damit im Viertelfinale. Portugal wäre draußen. "Darauf wird's hinausgehen", meint er.
Artur Torres Barbosa wäre aber nicht Artur Torres Barbosa, wenn er sich nicht ein Hintertürchen offen halten würde. Bei großen Turnieren hatte Portugal zuletzt zweimal die Niederländer bezwungen. Er überlegt: Warum sollte das nicht ein drittes Mal gelingen? Dann wäre der Weg frei für "mein Wunschfinale", und das heißt Portugal gegen Deutschland.

"Deutschland ist Favorit"


Opa Aires Ferreira Barbosa hat weniger Hoffnung. "Ich will, dass Portugal immer gewinnt. Aber ich glaube, Portugal hat keine Chance" gegen Deutschland. "Unsere Mannschaft spielt im Moment nicht so gut." Allerdings hofft der 71-Jährige, dass sich das Team um die Superstars Ronaldo und Nani im Turnierverlauf steigert. Als Favoriten sieht er die deutsche Mannschaft. Warum? "Deutschland hat den besten Torwart in Europa", und die Bayern-Spieler werden jetzt bei der Europameisterschaft alles geben, nachdem sie in der Bundesliga, im DFB-Pokalwettbewerb und in der Champions-League jeweils nur Zweite geworden sind.

Enkel Marcel würde nicht widersprechen. "Ich bin für Deutschland", sagt der 15-Jährige. Auch wenn er sich beim Besuch unseres Reporters das portugiesische Nationaltrikot anzieht und zugibt, dass er - nach dem FC Bayern München natürlich - auch ein großer Fan des FC Porto ist. Wie die ganze Familie, die aus der Nähe von Porto stammt. Opa Aires und Sohn Artur werden sich aller Voraussicht nach das Spiel Portugal-Deutschland am kommenden Samstag in Gaustadt ansehen. Im dortigen portugiesischen Club, den einst Aires Ferreira Barbosa mitgegründet hatte. Der 71-Jährige ist das Mitglied mit der Nummer 31.

Im Club ist Public Viewing angesagt. Dort herrscht immer eine tolle Stimmung, wissen die beiden Zeiler. Vielleicht geht auch Enkel Marcel mit. Oder er schaut sich das Spiel daheim mit Mama Heike an. Wo auch immer die Familie Torres Barbosa die Partie in der Vorrunde der Europameisterschaft sieht - sie alle werden gelassen bleiben, egal wie es ausgeht. Artur Torres Barbosa kann mit seinem Fernseher auch portugiesische Programme empfangen. Sie geben ihm die Möglichkeit, etwa die portugiesische Fußballliga zu verfolgen.

In jüngster Zeit interessieren ihn aber mehr die wirtschaftliche und die politische Situation in seinem Geburtsland. Die Krise im Euro-Land an der Atlantik-Küste macht Sorge. Wie geht es mit Portugal und den Menschen dort weiter? "Im Fußball braucht man Glück", sagt Opa Aires. Glück wäre auch den Menschen in dem gebeutelten Land zu wünschen. Was ist da schon der Fußball. Doch nicht mehr als ein Spiel.