Bamberg
Strafprozess

"Die Gewaltfantasien wurden immer stärker"

Ein 19-Jähriger hatte einen Amoklauf an seinen ehemaligen Schulen im Landkreis Bamberg angedroht. Das Landgericht Bamberg schickte ihn in die Psychiatrie.
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Die Jugendkammer des Landgerichtes Bamberg setzte sich mit dem Fall eines 19-Jährigen auseinander, der einen Amoklauf an seinen ehemaligen Schulen im Landkreis Bamberg angedroht hatte. Foto: Ronald Rinklef
Die Jugendkammer des Landgerichtes Bamberg setzte sich mit dem Fall eines 19-Jährigen auseinander, der einen Amoklauf an seinen ehemaligen Schulen im Landkreis Bamberg angedroht hatte. Foto: Ronald Rinklef

Im Dezember 2018 kündigte ein 19-jähriger Schüler einen Amoklauf an seinen ehemaligen Schulen im Landkreis Bamberg an. Die Jugendkammer des Landgerichtes Bamberg schickte den jungen Mann nun für mindestens ein halbes Jahr in ein psychiatrisches Krankenhaus. Dort soll er mit Medikamenten und einer Therapie seine Krankheit soweit unter Kontrolle bekommen, dass er für sich und andere keine weitere Gefahr mehr darstellt.

"Ich werde erst alle umbringen und dann mich." "Ich töte die Schüler, die mich verletzt haben." "Ich hasse Menschen. Ich will alle töten." Es sind ungewöhnliche Nachrichten, die Mitte Dezember in dem WhatsApp-Chat einer Selbsthilfegruppe kursieren. Zuerst mitten in der Nacht, später dann am frühen Nachmittag.

Es geht nochmal gut aus

Doch was in anderen Fällen schiefläuft, läuft diesmal alles richtig: Ein aufmerksamer Chat-Teilnehmer aus Idar-Oberstein meldet sich bei der Polizei, eine engagierte Schulpsychologin aus Nürnberg kümmert sich um den einsamen Jungen, der Betroffene selbst hat noch soviel Geistesgegenwart, dass er sich am Ende selbst in die Nervenklinik Bamberg einweist. So wird aus der gewalttätigen Fantasie kein blutiger Ernst.

In dem Sicherungsverfahren erklärt Gabriel H. (Name geändert), er habe das Gefühl gehabt, Hilfe zu brauchen. Deshalb habe er sich an andere gewandt. Von "Dämonen" ist bei dem schüchtern wirkenden Beschuldigten oft die Rede - sie hätten ihn gezwungen. Von Gedanken, die um Gewalt kreisten. Vom in den Bauch schießen oder in den Hals stechen. "Die Gewaltfantasien wurden immer stärker." Er habe "jede Minute" dagegen angekämpft. "Ich wusste nicht mehr weiter. Mein Kopf explodierte." Er habe sich an der Menschheit rächen wollen, damit sein Schmerz weggehe.

Schwere Kindheit

Dass auf der Anklagebank "eher ein Opfer als ein Täter" sitzt, das betont nicht nur Staatsanwalt Martin Barnickel. Denn Gabriel H. hat in seinen jungen Jahren einiges mitgemacht. Schon als Kind wird er, wie die gesamte Familie, vom jähzornigen Vater immer wieder beleidigt und beschimpft, geschlagen und getreten, mitunter sogar eingesperrt.

Als das Kreisjugendamt ihn und seine Schwester zur eigenen Sicherheit aus dem Elternhaus holt und ihn in einem Kinderheim im Landkreis Bamberg unterbringt, wird Gabriel H. als Dreizehnjähriger Opfer eines sexuellen Missbrauchs. Schlimmer als die versuchte Vergewaltigung selbst ist für ihn die Nicht-Bestrafung des Täters. Das Verfahren gegen den inzwischen verstorbenen Erzieher wird eingestellt.

Mobbingopfer an Schulen

Gabriel H. spielt mit dem Gedanken, sich selbst zu töten. "Ich war aber nicht mutig genug." Er bittet seine Mutter, ihn umzubringen.

Zurück im "normalen" Leben wird Gabriel H. Mobbingopfer an mehreren Schulen. Hinzu kommt eine regelrechte Odyssee durch alle Kinder- und Jugend-Psychiatrien der Region. Von Bayreuth über Nürnberg bis Kutzenberg reicht der Weg. Dort scheint er einem ehemaligen Amokläufer begegnet zu sein, wie eine Zeugin aussagte.

Folgerichtig richtet sich der Hass Gabriel H.s zuallererst gegen seine Peiniger. "Alle abknallen, als erstes Mutter," schildert er seine wahnhaften Ideen einem Psychiater im Klinikum am Michelsberg. Seiner Mutter wirft er vor, seine Probleme nicht ernst genommen zu haben.

Er schaut sich Videos über Enthauptungen, Vergewaltigungen und häusliche Gewalt an, interessiert sich für den Kauf von Menschenfleisch im Internet und sucht nach Schnellfeuergewehren und Maschinenpistolen. Er kommt aber nicht mehr dazu, Waffen im Darknet zu bestellen. Vielleicht will er das auch gar nicht. So klar wird das vor der Jugendkammer nicht. Immerhin brachte eine Hausdurchsuchung keinerlei Schusswaffen zutage.

"Paranoide Schizophrenie"

Ausschlaggebend war das medizinische Gutachten des Leiters des Bezirksklinikums Unterfranken in Schloss Werneck, wo Gabriel H. seit Dezember behandelt wird. Hans-Peter Volz attestierte eine paranoide Schizophrenie, die dazu führe, dass Gabriel H. schuldunfähig sei. Es zeige sich ein Bedrohungs- und Verfolgungswahn. "Wenn er nicht behandelt wird, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Gewaltfantasien wiederkehren. Dann kann es auch sein, dass er sie in die Tat umsetzt." Die Straftat der Störung des öffentlichen Friedens, also die Ankündigung des Amoklaufs, sei ein Ausdruck der Erkrankung.

Rückfallgefahr im alten Umfeld

Die von Rechtsanwalt Andreas Dräger (Strullendorf) geforderte Unterbringung zur Bewährung kam für den Vorsitzenden Richter Markus Reznik nicht infrage. Auch dem Wunsch der Mutter "Lassen Sie ihn nach Hause gehen" wurde nicht stattgegeben. "Wir wollen die ersten Erfolge nicht aufs Spiel setzen." Im alten Umfeld drohe ein Rückfall. Schließlich habe ihn die Schwester dazu gebracht, seine Medikamente abzusetzen, und die sichtlich überforderte Mutter sei wieder mit dem gewalttätigen Vater zusammen. Der wolle zudem nicht, dass sein Sohn in die Psychiatrie geht. "Es geht darum, dass er nicht nur sich, sondern auch andere gefährdete, und zwar nicht einzelne Menschen, sondern sehr viele", sagte Staatsanwalt Barnickel. Man könne es nicht verantworten, ihn auf freien Fuß zu setzen.

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