Bamberg
Umweltausschuss

Die Frage, was hinten rauskommt

Wohin mit dem Klärschlamm? Weil die Ausbringung auf Felder problematisch ist, haben die 36 Gemeinden ein Problem mit der Beseitigung. Der Landkreis soll nun federführend eine gemeinsame Trocknung organisieren.
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34 Prozent des Schlammes aus den Kläranlagen im Landkreis Bamberg werden in der Landwirtschaft verwendet - damit soll nun Schluss sein.  Foto: fotolia
34 Prozent des Schlammes aus den Kläranlagen im Landkreis Bamberg werden in der Landwirtschaft verwendet - damit soll nun Schluss sein. Foto: fotolia

Das Thema ist ebenso unappetitlich wie menschlich: Klärschlamm. Wenn Edgar Böhmer bei Medlitz seine Güllespritze anwirft, rümpfen Spaziergänger die Nase. Der Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes verwertet Klärschlamm der Gemeinde Rattelsdorf. "Organischer Dünger ist für die Landwirtschaft wichtig", sagt Böhmer, der einen natürlichen Kreislauf darin sieht, das unausweichliche Endprodukt wieder an den Anfang der Nahrungskette zu stellen.

34 Prozent der anfallenden Exkremente werden im Landkreis Bamberg noch als Dünger auf Feldern ausgebracht. Im bayernweiten Vergleich ist das viel. Doch damit soll bald Schluss sein. Eine Verschärfung der Grenzwerte führt zu hohen bürokratischen Hindernissen. Die Folge: Die 36 Gemeinden im Landkreis stehen vor der Schwierigkeit, ihren Klärschlamm zu entsorgen. Deshalb wollen sie zusammenarbeiten - unter der Federführung des Landratsamtes.

Große Resonanz

Gegen die Stimme von Ralph Behr (Grüne/AL) hat der Umweltausschuss grünes Licht gegeben, ein Gesamtkonzept zu erstellen. "Die Resonanz ist sehr groß", berichtete Landrat Johann Kalb (CSU): Alle 36 Gemeinden haben Interesse an einer gemeinsamen Lösung. Kein Wunder, denn der stinkende Problemberg ist riesig: 71 000 Tonnen Klärschlamm müssen in den 46 Kläranlagen im Landkreis jedes Jahr entsorgt werden. Getrocknet wären es nur noch 2130 Tonnen.

"Das Problem brennt wirklich allen Gemeinden auf den Nägeln", sagte der Ebracher Bürgermeister Max-Dieter Schneider (SPD). Nicht nur die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben sich geändert, auch die Empfindlichkeiten der Bürger und das Bio-Verständnis der Gesellschaft. "Politischer Konsens ist heute: Wir wollen den Klärschlamm nicht mehr auf die Felder ausbringen", sagte der Altendorfer Bürgermeister Karl-Heinz Wagner (CSU). Zwar werde der Schlamm auf viele Rückstände getestet, bevor er durch den Gülleschlauch spritzt, aber nicht alles sei messbar.

Schwermetalle wie Blei und Cadmium, Dioxine, Krankheitserreger, Mikroplastik: Neben Nährstoffen enthält Klärschlamm auch Anteile an anorganischen Schadstoffen. Industrielle Abwässer sind im Landkreis zwar selten. Doch auch Arzneimittelrückstände wie Hormone bleiben im Klärschlamm: "Wir wissen nicht, ob wir mit jeder Kartoffel die Anti-Baby-Pille zu uns nehmen", brachte es Wagner auf den Punkt. "Bei uns in Ebrach haben wir Quecksilber-Verunreinigungen, von denen wir nicht wissen, wo die herkommen", bestätigte Schneider.

Die Bürgermeister und Kreisräte wollen also weg von der Verwertung auf den Feldern. Hilfe versprechen sie sich vom Landkreis. "Wir sind nicht zuständig, aber es ist sinnvoll, hier Synergieeffekte zu nutzen und ein Konzept für den Landkreis zu erarbeiten", sagte der Landrat.

Gemeinsam soll der Klärschlamm getrocknet werden. Drei Standorte dafür sieht eine Analyse des Instituts für Energietechnik von der Ostbayerischen Technischen Hochschule Amberg-Weiden im Landkreis: Wegen der Nord-Süd-Achse bieten sich das Heizkraftwerk Zapfendorf, der holzverarbeitende Betrieb Gunreben in Strullendorf und die Tierkörperbeseitigung in Walsdorf an. Nach Gesprächen mit allen Seiten soll für Strullendorf die Wirtschaftlichkeit geprüft werden, was 100 000 Euro kostet. Altendorf, Buttenheim, Eggolsheim (Landkreis Forchheim), Hirschaid, Memmelsdorf, Frensdorf und Strullendorf beteiligen sich an dem Schritt. Auch gibt es Fördergelder.

Trockenmasse wird verbrannt

Das Trocknen ist das eine, die weitere Verwertung das andere. Der entwässerte Klärschlamm könnte verbrannt werden. Dies könnte geschehen, um Energie zu gewinnen, etwa in einer Fabrik. Oder auch im Bamberger Müllheizkraftwerk, das getragen wird von Stadt und Landkreis Bamberg.

Gegen die Pläne war im Umweltausschuss nur Behr: Er zeigte Besorgnis, "eine einfache Lösung für ein komplexes Thema finden" zu wollen. Um den Klärschlamm zu trocknen, müsse er herumgefahren werden, was nicht ökologisch sei. Ebenso wenig das Verbrennen. Einen Gegenvorschlag brachte Behr nicht. Somit startet der Klimaschutzbeauftragte im Landratsamt, Robert Martin, mit der Konzeption einer gemeinsamen Trocknung.

Für Bauer Böhmer ist das wegen der Arzneimittel und anderer Rückstände durchaus verständlich. Er hat aber Bedenken: "Für mich ist die Verbrennung eine Verschwendung", sagt der Sprecher der Landwirte. Für Haushalte werde die Abwasser-Entsorgung teurer, und Bauern, besonders die ohne eigenes Vieh, verlören einen günstigen organischen Dünger.

Kommentar des Autors:

Der Ausdruck sei entschuldigt: Es ist ein Scheißthema, aber ein wichtiges. Die Klärschlamm-Problematik stinkt den 36 Bürgermeistern im Landkreis, das wird bei Gesprächen deutlich. Die menschlichen Hinterlassenschaften auf den Äckern auszubringen, ist problematisch und nicht mehr zeitgemäß. Medizin-Rückstände und Schlimmeres im Essen sind nicht nur ekelhaft, sondern auch gesundheitlich schädlich. Der Kreisobmann des Bauernverbandes hat aber auch Recht, wenn er anmahnt, dass für heimische Landwirte hohe Standards gelten, und bei Lebensmitteln aus dem fernen Ausland kein Hahn mehr danach kräht. Das ist bei Klärschlamm-Dünger so, aber auch bei Glyphosat. Die Bauern fühlen sich teilweise also zurecht - der Ausdruck sei ebenso entschuldigt - beschissen. Diese Ungleichbehandlung stinkt zum Himmel und kann politisch nur auf europäischer Ebene gelöst werden. Auf lokaler Ebene ist es gut, dass der Landkreis Bamberg bei diesem unangenehmen Thema vorangeht und alle 36 Gemeinden zusammen den Karren aus dem Dreck ziehen wollen.

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