Scheßlitz
ÖPNV-Serie

Die Chefin muss selbst ans Steuer - Der ÖPNV aus Sicht der Privatanbieter

Betriebsleiterin Constance Metzner spricht über das schwerer werdende Geschäft mit dem ÖPNV im Landkreis: Die Kosten steigen, das Personal fehlt und viele Vorschläge fänden bei den Verantwortlichen kein Gehör.
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Weil es den Privatanbietern im Linienverkehr immer schwerer fällt, Fahrer zu finden, fährt Betriebsleiterin Constance Metzner jeden Morgen und Nachmittag die Schulbuslinie zwischen Scheßlitz und Litzendorf.  Foto: Barbara Herbst
Weil es den Privatanbietern im Linienverkehr immer schwerer fällt, Fahrer zu finden, fährt Betriebsleiterin Constance Metzner jeden Morgen und Nachmittag die Schulbuslinie zwischen Scheßlitz und Litzendorf. Foto: Barbara Herbst

Ein Junge bahnt sich seinen Weg durch das Gewusel vor der Realschule in Scheßlitz, steigt in den Bus der Linie 972 und kramt in seinem Geldbeutel. "Wieder eine Einzelfahrt?" Er nickt. "Soll ich Dir morgen mal den Antrag für die Monatskarten mitbringen? Auf Dauer wird das sonst teuer", rät ihm Constance Metzner. Die Betriebsleiterin des Busunternehmens MM-Hennemann kennt die meisten Fahrgäste, denn seit Mai fährt sie täglich morgens und nachmittags den gut besetzten Schulbus zwischen Scheßlitz und Litzendorf. Zwei Fahrer gingen in Rente, "und es ist sehr schwer, neue zu finden", sagt sie. Da die Büroarbeit nicht wegfällt, seien 13-Stunden-Tage bei ihr derzeit keine Seltenheit.

Vom Dragster in den Schulbus

Die gelernte Kfz-Meisterin hat zuvor ein großes Autohaus geleitet, "das war eigentlich mein Traumjob": Metzner interessiert sich sehr für Autos jeder Art und ist auch die einzige Frau, die Dragster für Rennen abnehmen darf - Fahrzeuge mit teils mehreren Tausend PS. Doch ihre Eltern überzeugten sie schließlich, in den Familienbetrieb einzusteigen, der seit den 1970er-Jahren Landkreis-Linien übernimmt. Noch. "2018 hatten wir einen Verlust von 70 000 Euro", sagt sie offen. Wenn weitere verlustreiche Jahre folgten, müsse das Unternehmen überlegen, ob es sich bei den nächsten Ausschreibungen bewerbe. "Ich weiß von einer Firma, die im Januar aufhören will", fügt Metzner hinzu.

Die Gründe sind vielfältig. So habe die Übernahme der ehemaligen Verkehrsgemeinschaft Bamberg durch den Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) nicht nur Vorteile gebracht, sondern auch das Geschäft der Privaten erschwert. Dies bestätigt auch Martina Basel, Geschäftsführerin der Firma Basel-Reisen aus Bischberg, die seit 1945 im Landkreis unterwegs ist. Denn obwohl die Fahrkartenpreise regelmäßig steigen, würde wegen Marketing-Umlagen und hohen Verwaltungskosten der Erlös der Unternehmen eher zurückgehen.

Umso mehr sei es im Interesse der Privatanbieter, dass der ÖPNV im Landkreis attraktiver wird, sodass mehr Menschen vom Auto auf den Bus umsteigen.

Zwar läuft die Zusammenarbeit mit dem Landratsamt laut Metzner und Basel oft gut, und die Privaten können sich in vielen Arbeitsgruppen und Runden Tischen einbringen. "Inwiefern das dann eine direkte Umsetzung im Feld findet, steht aber auf einem anderen Blatt", gibt auch Verkehrsplaner Markus Hammrich vom Landratsamt zu. "Dabei wissen unsere Busfahrer am besten, was verbessert werden muss. Denn sie sprechen täglich mit unseren Gästen", meint Constance Metzner.

Zum Beispiel verfassten die Firmen Hennemann und Basel im Juni 2017 einen gemeinsamen Vorschlag im Interesse der Bewohner des nordwestlichen Landkreises an das Landratsamt, im Zuge des Mobilitätskonzepts. Die Unternehmen bedienen unter anderem die aus Knetzgau/Oberhaid, Viereth/Trunstadt und Priesendorf/Lisberg kommenden Linien. "Die Fahrgäste wollen oft in das Gewerbegebiet am Hafen, müssen aber erst bis zum Zob oder zum Bahnhof, dann umsteigen und wieder zurückfahren", erklärt Metzner.

Deshalb wollten die beiden Firmen einen Halt im Hafengebiet einführen. "Denkbar wäre dann eine Aufteilung der Fahrgäste stadteinwärts ab Trosdorf", heißt es in dem Schreiben. Das Landratsamt lehnte das Angebot mit der Begründung ab, dass zwei Jahre zuvor der Vertrag unterschrieben worden sei, auf der die Halte festgeschrieben seien. Sie schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. "Das hätte dem Landkreis gar nichts gekostet."

Mehr investieren müsse der Landkreis aber in günstige Angebote. So wünscht sich Metzner ein 365-Euro-Jahresticket, wie es Azubis und Schüler in Bamberg ab dem kommenden Jahr bekommen sollen, auch für das Land. "Vor allem aber für Senioren." Denn Schüler und Azubis hätten ohnehin selten ein Auto und seien bereits Busnutzer, während gerade für Ältere und Berufstätige Anreize geschaffen werden sollten, um Leute zum Umsteigen zu bewegen.

Nicht alle Wünsche sinnvoll

Erst dann würden sich mehr Fahrten auch lohnen. Denn "nicht alles, was gewünscht wird, ist auch sinnvoll", meint Metzner. So gab es einmal einen Versuch, eine Abendlinie um 21.30 Uhr von Bamberg nach Litzendorf einzuführen. "Unsere Zählung ergab einen Durchschnitt von 1,3 Gästen pro Fahrt. Das ist Schwachsinn, wir müssen Fahrer und Benzin bezahlen und verblasen CO2."

Zudem müssen für eine höhere Taktung erstmal Fahrer gefunden werden. Ebenso wie Metzner klagt hier auch die Firma Basel über Nachwuchsmangel. Das liege zum einen an den hohen Führerscheinkosten von etwa 12 000 Euro, zum Anderen auch "am relativ niedrigen Lohnniveau, etwa im Vergleich zu Maschinenbauern oder Metallern", schätzt Martina Basel.

Constance Metzner hat die etwa 30 Schüler mittlerweile nach Hause in die Litzendorfer Gemeindeteilen gebracht. Am nächsten Morgen wird sie wieder zur Schule bringen. Jetzt geht sie erstmal ins Büro.

Auf einen Blick: Die Forderungen der Privatanbieter

365-Euro-Ticket auch auf dem Land und für Senioren: Im Bamberger Stadtverkehr gibt es ab dem kommenden Schuljahr die Jahreskarte für Azubis und Schüler für einen Euro pro Tag - im kompletten VGN-Gebiet. Privatanbieter fordern, dies auch im Landkreis einzuführen und auf Senioren auszuweiten. Denn Schüler und Azubis hätten ohnehin meist kein Auto, während Busfahren zu günstigen Preisen eine Motivation für Ältere sei, auf das Auto zu verzichten.

Regionaler Omnibusbahnhof Zwei unübersichtliche "Umsteige-Zentren" an Bahnhof und Zob in Bamberg seien nicht zielführend. Privatanbieter fordern, dass endlich der seit Jahrzehnten diskutierte regionale Omnibusbahnhof für Landbusse gebaut wird. Schnellere Anpassungen im Linienverkehr durch kürzere Vertragslaufzeiten oder Änderungsklauseln.

Einfacheres Ticketsystem Die unterschiedlichen Tickets und Preise im VGN-Gebiet seien unüberschaubar und teilweise ungerecht für Landkreis Bewohner. Auch die Abrechnung zwischen VGN und Privaten sei zu undurchsichtig.

Gehör für Vorschläge Ideen für spezielle Richtungen und Linien seitens der Privaten würden an den verantwortlichen Stellen oft nicht gehört.

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