Hirschaid
Schulversuch

Deutsch pauken am Herd

Die Ü-Klasse der Mittelschule Hirschaid feiert Lern-Erfolge beim Kochen, Grillen und Backen.
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Gemeinsam bereiten sie leckere Gerichte zu - und lernen dabei auch noch Deutsch: die Schüler der Ü-Klasse in Hirschaid.  Fotos: Werner Baier
Gemeinsam bereiten sie leckere Gerichte zu - und lernen dabei auch noch Deutsch: die Schüler der Ü-Klasse in Hirschaid. Fotos: Werner Baier
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Mittwochs wird gekocht: Mal gibt es Schnitzel Wiener Art, mal Langosch, dann wieder Kritharakiauflauf oder Borschtsch. Diese internationale Küche blüht - man ist fast geneigt ein "leider!" hinzuzufügen - im Verborgenen. Denn was die jungen Köchinnen und Köche aus den Weiten dieser Welt im friedlich-schiedlichen Miteinander auf den Tisch zaubern, ist das Ergebnis eines fürwahr geglückten Schulversuchs: Die Ü(bergangs-)Klasse der Mittelschule Hirschaid hat im letzten Jahr Deutsch beim Kochen, Grillen und Backen gepaukt - ganz nebenbei und doch sehr zielstrebig. Und mit beachtlichem Erfolg, wie Kostgänger Klaus Homann bei einem abermaligen Besuch erstaunt feststellte. "Unglaublich, wie viel der Junge aus Uganda in nur einem halben Jahr dazugelernt hat!" Schwärmt der Bürgermeister und setzt sich mit ihm zu Tisch: zwei Schwarze, die sich beim Schmausen viel zu sagen haben.

Möglichst bald Fuß fassen

Die Zusammensetzung der "Ü" variiert: Ins Jahr 2017/18 ist die Klasse mit 13 Schülern gestartet, am Ende waren es 20. Es sind die Kinder von Asylbewerbern und Flüchtlingen, aber auch von EU-Ausländern, deren Eltern in Hirschaid Wohnung und/oder Arbeit gefunden haben. Eine Schülerin aus Bosnien, deren Vater als Kraftfahrer für ein regionales Unternehmen auf Achse ist, hat schon in ihrer Heimat Deutsch gelernt. Kinder aus Afrika, Afghanistan oder den zerstrittenen Nachbarländern Iran und Irak haben unter Umständen größere Bildungsdefizite und Schlimmes erlebt. Was sie alle gemeinsam haben: Sie wollen die deutsche Sprache erlernen, um hier möglichst bald Fuß fassen zu können. Bildung an der Mittelschule und später auf anderen Zweigen ist ihnen wichtig. Ja, es gibt Kinder, die gerne in die Schule gehen ...

Doch: Wie kann man Kinder aus Polen, Ungarn, Russland, Kasachstan, Uganda, der Dominikanischen Republik, Irak, Iran, Afghanistan, Syrien, Kroatien, Bosnien und Rumänien integrieren, die zunächst kaum ein Wort Deutsch sprechen? An der Mittelschule Hirschaid wurde dazu die jahrgangsübergreifende Ü-Klasse eingeführt, in der von Montag bis Freitag von 7.55 bis 16 Uhr ausschließlich deutsch gesprochen und unterrichtet wird. Ziel sei es, so Konrektor und Klassenleiter Marc Güntsch, die Schüler innerhalb von ein bis zwei Jahren zu befähigen, damit sie in die entsprechende Regelklasse wechseln und zu einem guten Schulerfolg gelangen können. Der Europäischen Union ist der Versuch es wert, der begleitenden Sozialarbeiterin Verena Hammer ihre Halbtagsstelle zu finanzieren.

Das schwierige Deutsch lernen geht nicht allein mit grauer Theorie, Vokabeln büffeln und Grammatik üben. Wie macht Lernen Spaß? Zum Beispiel dadurch, dass man in der Landessprache diskutiert, was nächstes Mal gekocht wird, wie die Zutaten auf Deutsch heißen und wie sie verarbeitet werden, als da sind Kebab, Schaschlik, Pilaw mit Hähnchen oder Hamburger vegetarisch. Nebenbei lernt man ein kalt-warmes Büfett aufzubauen, das hierzulande gebräuchliche Geschirr und Besteck bereitzustellen und - gar nicht unwichtig - die anschließende Abfall-Trennung nach neudeutscher Sitte: eine graue Tonne, eine braune, eine grüne, ein gelber Sack und eine Toilette, in die man keine Speisereste kippen darf - da muss Mahmud

aus Kleinasien erst einmal durchsteigen.

Handwerkliches Geschick

Steht der Nationalfeiertag an, dann fährt die Ü-Klasse nach Mödlareuth, um sich ein Bild von der einstigen innerdeutschen Todesgrenze und dem Segen der friedlichen Wiedervereinigung zu machen. Rückt ein kirchlicher Feiertag näher, dann besuchen die Schüler zum Bespiel den Bamberger Dom. Was Kinder aus aller Welt vereinen kann, das erreicht die Klasse in Mathematik, Physik oder Biologie.

Und was zusammenschweißt, das sind die handwerklichen Projektarbeiten. Ganz stolz sind die Ü-Schüler auf ihre aus Holz gebastelten Cajons und den musikalischen Fähigkeiten, die sie in einem Trommelkurs erworben haben.

Mit diesem Können dürfen sie jetzt auch schon mal eine öffentliche Veranstaltung bereichern, wie unlängst den Start der Aktion "Fair-trade-Gemeinde Hirschaid" im Rathaus. Und dabei wird auch das selbstgewählte Motto der bunt gemixten Ü-Klasse deutlich. Es lautet: "Unsere Herzen schlagen im selben Takt"! Angesichts einer solchen Schulidylle kann niemand widersprechen.



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