Ebrach
Klimawandel

Der Steigerwald ist in höchster Gefahr

Forstexperten und Wissenschaftler schlagen Alarm. Nach mehreren Trockenjahren in Folge sind sogar die Buchen im Steigerwald geschädigt.
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Waldbesitzer Gottfried Geiling und Revierleiter Benjamin Göbel stehen vor vertrockneten Jungbäumen.Foto: Hans Kurz
Waldbesitzer Gottfried Geiling und Revierleiter Benjamin Göbel stehen vor vertrockneten Jungbäumen.Foto: Hans Kurz
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Den fränkischen Wäldern geht es schlecht. Das liegt vor allem an der Trockenheit der vergangenen Jahre. Betroffen sind nicht nur Fichten-Monokulturen, sondern auch nachhaltig bewirtschaftete und aus der Bewirtschaftung genommene naturnahe Laub- und Mischwälder. Wissenschaftliche Messungen an den Waldklimastationen (WKS) der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) belegen das mit erschreckender Deutlichkeit.

"Normalerweise wird das Laub erst bunt. Jetzt werfen die Bäume es schon ab, wenn es noch grün ist", stellt Gerald Ziegmann fest. Der Forstwirt kniet in der Waldklimastation bei Schmerb im Ebracher Wald vor einem der zehn Auffangbehälter, die sammeln, was von den Bäumen herunterfällt. Ziegmann trägt Laborhandschuhe und steckt Laub, Bucheckern und kleine Zweigstücke in eine sterile, zuvor und danach versiegelte Tüte.

Der frühe Laubwurf ist nur ein Indiz für den Hitze- und Trockenheitsstress, in dem sich die Bäume in diesem aus der Nutzung genommenen Waldstück befinden. Neben den Streusammlern stehen in vier Reihen mit je fünf Säulen Auffangbehälter für Regenwasser. Hier wird gemessen, was vom - ohnehin geringen Niederschlag - an verschiedenen Stellen des Waldbodens überhaupt noch ankommt. Viel ist es auch in diesem Jahr wieder nicht.

Unter Laborbedingungen

Behälter für Behälter muss Ziegmann jede Woche in Laborflaschen füllen und diese exakt beschriften. Sie gehen ebenso wie die Laubtüten und viele andere Proben und Messergebnisse an ein Labor des LWF in Freising. Dort wird alles auch chemisch untersucht, zum Beispiel auf Schad- und Nährstoffe.

"Wir beproben hier unter Laborbedingungen", stellt Benjamin Göbel klar, der als örtlicher Revierleiter für die Betreuung der Station zuständig ist. Dass die WKS Ebrach nicht irgendeine Hobbyeinrichtung, sondern Teil eines wissenschaftlichen Netzes von 19 Waldklimastationen in Bayern ist, betont auch Gregor Schießl, Abteilungsleiter für die sechs Forstreviere im Kreis Bamberg.

Ein Blick auf die Messergebnisse, die die Station in den letzten Jahren geliefert hat, treibt den Forstexperten Sorgenfalten auf die Stirn. Dazu reicht aber auch schon ein fachmännischer Blick nach oben - auf die Stämme und in die Baumkronen. Dünn ist es geworden, das sonst so dichte Dach der Buchen, an den Stämmen löst sich teilweise die Rinde.

"Es herbstelt scho g'scheit", stellt Schießl an diesem sonnigen, warmen Septembertag fest. Der Besucher sehe zwar ein grünes Waldbild, doch der Blick nach oben zeige, dass von den Kronen der alten Bäume keine einzige unbeschädigt sei.

Die Station liefere Hinweise, die für die Bewirtschaftung der Wälder zu Rat gezogen würden, erklärt er im Weitergehen zur nächsten Messeinrichtung. Dort stehen eine Reihe von großen Glaskolben. Durch Unterdruck wird hier dem Waldboden in verschiedenen Schichten - in 20, 50, 80 und 120 Zentimeter Tiefe - Feuchtigkeit entzogen. Die Glaskolben sind allesamt leer.

Wurzeln im Trockenen

Im Bereich, in dem die Wurzeln normalerweise den größten Teil der vom Baum benötigten Flüssigkeit aufnehmen, ist es also knochentrocken. "Mit dem Wasser im Humus (der obersten Bodenschicht) war heuer nicht viel los", berichtet Stationsbetreuer Ziegmann aus seiner regelmäßigen Beobachtung. "Darum ist praktisch kein Wasser in den tieferen Bodenschichten." Eine gesunde große Buche braucht pro Tag etwa 300 Liter Wasser, erklärt Göbel.

"Das ist eine hochdramatische Situation", sagt Schießl. Denn es ist nicht erst seit Ende August so. Die statistische Auswertung, die Göbel präsentiert, zeigt, dass in diesem Sommer die Unterversorgung der Bäume bereits Anfang Juli, also schon in der ersten Hälfte der Vegetationsperiode begann. Das Trockenjahr 2018, als die Wasserversorgung der Bäume "erst" Anfang August in den roten Bereich rutschte, wirkt nach. "Es ist nicht fünf vor zwölf. Es hat schon Zwölf geschlagen", sagt Schießl angesichts dessen. Und stellt, fast schon resignierend, fest: "Hier stirbt uns ein naturnaher Laubwald."

Doch der erfahrene Forstmann ist gleich wieder kämpferisch. "Wir wollen, dass unsere Buchen- und Eichenwälder dauerhaft überleben können." Die Situation sei jedoch durch Maßnahmen der Waldbewirtschaftung nicht mehr zu lösen. "Das ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Jeder muss sein Verhalten ändern!", fordert er angesichts dieser Auswirkungen des Klimawandels.

Die sind auch beim anschließenden Besuch in einem Privatwald deutlich zu sehen. Gottfried Geiling bewirtschaftet hier seit Jahrzehnten einen Gemeinschaftswald von vier Eigentümern. "Ich geh' seit 50 Jahren in den Wald - und habe es gerne gemacht. Aber die letzten Jahre macht es keinen Spaß mehr", sagt er gleich. Er berichtet von den Orkanen, von Wiebke (1990) über Kyrill (2007) bis Fabienne (2018), die vor allem den Fichtenbestand weitgehend weggefegt haben. Buchen sind nachgewachsen.

Alles richtig gemacht

Die schweren Stürme sind häufiger geworden, bemerkt er. Geiling hat den Wald umgebaut, hat ihn verjüngt, hat "alles richtig gemacht", wie die Förster Göbel und Schießl ihm bestätigen. Und dennoch scheint der Wald am Ende seiner Kraft zu sein. Und "der Holzmarkt liegt am Boden. Früher war der Wald die Sparkasse der Bauern", sagt Geiling. Heute muss man schon fast Geld mitbringen, wenn man Holz macht."

"Das ist eine Situation, die der Waldbesitzer nicht verschuldet hat", stellt Schießl fest. Eine einfache Lösung kann er nicht anbieten. Als Landwirt kenne er es, dass es mal gute und mal schlechte Jahre gebe, sagt Geiling. Aber nun? "Wenn noch mal so ein Jahr kommt (wie 2018 und 2019), dann bin ich gespannt, was überhaupt übrig bleibt."

KOMMENTAR DES AUTORS

Lang lebe der Steigerwald

Selbst die Buchen, die lange als relativ klimaresistent galten, sind nun von der sich rapide beschleunigenden Umweltkrise betroffen. Sogar in Naturwaldreservaten und vergleichbaren nutzungsfreien Waldstücken. Zwei Schlüsse, die manche nun daraus ziehen, sind jedoch grundfalsch. "Der Wald hier rettet die Welt auch nicht." Übersetzt: "Erst wenn alle anderen auf der Welt ihre SUV stehen lassen, tu' ich es vielleicht auch." Der zweite: "Wir brauchen keinen geschützten Wald, weil die Buchen da eh kaputt gehen", wird begierig vor allem von Nationalparkgegnern aufgegriffen. Wir brauchen aber beides: geschützte und nachhaltig bewirtschaftete Wälder. Wobei die Schutzgebiete gerne deutlich größer ausfallen dürfen als bisher. Der Wald mit großen, alten Bäumen und ein gesunder Waldboden als größte natürliche -Speicher müssen erhalten bleiben. Nicht nur am Amazonas. Sondern auch direkt vor unserer Haustüre im Steigerwald.

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