In der Villa Wild hat man keine Angst vor großen Worten. Von der Schönheit oder vom Können handelten vorhergehende Ausgaben dieses Abends mit Gespräch und Kunst, moderiert von Nora Gomringer und Martin Beyer. Vom Glauben also diesmal, Ausgabe 7, und schon im Vorfeld hört man den Fontane ächzen: Das ist ein weites Feld.Es ist, so Beyer, das größte Register, das die beiden bislang aufgemacht haben. Ein Thema sicherlich, zu dem ja jeder irgendwie irgendwas beizutragen hat, auch eines, über das sich trefflich streiten ließe.

Die wichtigste Frage des Abends allerdings heißt nicht: Wie hältst du's mit der Religion? Sondern: Was wird sie tragen, die Gomringer? Als Raupe und als Roboter stand sie bereits auf der Villa-Wild-Bühne, mittlerweile im E.T.A.-Hoffmann-Theater. Die treuen Besucher rätseln, Martin Beyer begrüßt, und dann, ach ja, klar, Ostern, Glauben: Gomringer kommt als Lamm. Und das ist der erste schöne Effekt des Abends: Gomringer, das Lamm, interviewt den Bamberger Oberhirten, Erzbischof Ludwig Schick.


Schick und die Zweifel

Die Ernsthaftigkeit des Gesprächs scheitert nicht an baumelnden Lamm-Öhrchen. Woran also glaubt der Bischof: "Dass Jesus lebt." Das ist nicht sehr überraschend. Schön aber, wie Schick von eigenen Zweifeln berichtet. In der Schulzeit habe er den Glauben verloren, mit 19 kam er zurück. Warum und weshalb? Die Frage bleibt leider offen. Schick jedenfalls entschied sich für die Theologie. Sein Vater war nicht begeistert, er sagte: "Das ist nichts für uns."

Schick hat das natürlich drauf, so ein bisschen zu predigen, ohne zupredigen, so ein bisschen Weisheit zu verströmen, aber quasi aus der Hüfte,mit Leichtigkeit und Demut. "Ich habe hier den klügsten Gesprächspartner", jubelt Gomringer und fragt, gespielt naiv, ob heilig werden denn ein Berufsziel sei. Schick schlicht: "Ja, klar. Nur kein komischer Heiliger."


Lieber nicht bissig

So ein Gespräch ist angenehm und ein bisschen aufschluss-, nicht aber konfliktreich. Der ganze Mist, der in der katholischen Kirche ja auch vorkommt, neben dem gerne nützlich sein und dienen, bleibt erstmal unausgesprochen. Bissig ist Gomringer, selber gläubig, lieber nicht. Aber jetzt vielleicht Martin Beyer? Er trifft eine alte Bekannte wieder: Heike Bauer-Banzhaf hat ihm früher, ganz früher einmal das korrekte Sprechen beigebracht, ganz klassisch mit dem Korken zwischen den Zähnen.


Der goldene Kern in jedem

Bauer-Banzhaf, in Bamberg als Schauspielerin an diesem Theater bekanntgeworden, tritt hier eher als Coach und Autorin auf. Ihr Buch heißt "Das Wir-Prinzip".Durchs Publikum gehen nun kleine goldene Rocher-Kugeln. Das ist lecker und soll symbolisch sein, denn darum geht es Bauer-Banzhaf: "Jeder Mensch trägt einen goldenen Kern in sich." Diesen Kern müssten viele Menschen allerdings erst entdecken.

Bauer-Banzhaf begegnet jedem mit dieser positiven Grundannahme: "Wenn mir jemand auf die Nerven geht", sagt sie, "hat das mehr mit mir selbst als mit meinem Gegenüber zu tun." Das ist so ein bisschen typisches Coaching-Sprech. Es geht ihr um Selbstliebe und Selbsterkenntnis, innere Haltung, die zu äußerer Wirkung führt, usw.

Insgesamt bleibt das Gespräch zu sehr verhaftet im Allgemeinen. Es geht nun weniger um Glauben, als um Werbung für Bauer-Banzhaf, die es versteht, begeistert von sich selbst zu sprechen. Einmal fällt das Wort Gott noch: "Das Leben mit Gott", sagt Bauer-Banzhaf, "es ist einfach schöner!" Aber warum genau, das erfährt man nicht.

Für den schönsten Moment des Abends ist die Künstlerin zuständig, Gabriela Oberkofler, ehemals Stipendiatin an der Villa Concordia. Oberkofler hat zum einen Bilder mitgebracht, kleinteilige Arbeiten, Buntes auf Weiß, Elementares - Steinhaufen - und Poetisches - Tränenteppich. Aber nicht nur: In der Tasche hat Oberkofler ein Milbenspray. Endlich mal wieder etwas Greifbares. Gomringer erzählt, Oberkofler lebe in Stuttgart auf einem Bauernhof. Massives Problem: Der Milbenbefall ihrer Hühner. Und Oberkofler: "Das juckt wahnsinnig, wenn man in die Nähe von Hühnermilben kommt." Gomringer: "Darüber sprechen die Leute nur nicht so oft. Vor allem wenn sie gerade auf der Bühne stehen."

Zuletzt also Tobias Müller, früher Mitschüler von Martin Beyer, jetzt Physiker und Professor der Philosophie in München, ein idealer Gesprächspartner vielleicht, um das alles, was nun so schwebte zwischen Liturgie und Esoterik und Hingabe an die Kunst, ein bisschen einzuordnen.


Quanten und Galaxien

Sofort aber hebt sich das Gesprächsniveau in unerreichbare Höhen. Plötzlich geht's hier um Quanten, Galaxien und Kausalitätsketten. Und eigentlich wüsste man nur gern: Was ist nun dein Ding, Tobias Müller? Zumindest erfährt man, dass er von Verabsolutierungen nichts hält.

Und während Vincent von Flieger nach der Pause einen sphärisch schwebenden Pop spielt, kann man über all das noch mal nachdenken: Was bleibt denn nun von so einem großen Wort? Was hat man verstanden? Zumindest hat man viel gehört, wo es sich lohnen würde, noch einmal anzuknüpfen. Das Feld ist nicht enger, sondern noch weiter geworden. Auch wenn so vieles, die negativen Seiten des Glaubens vor allem, ausgeklammert wurde. Am Ende ist Glaube halt, wie alles, Vermittlungssache. Und Linguistik: Wir können Katholizismus, Selbsterfahrung oder Kunst so nennen - oder gern auch anders.