Bamberg
Unglück

Der Lokführer und der Tod

Er ist Lokführer, und vor einiger Zeit hat sich ein Mensch vor seinen Zug geworfen. Er muss jetzt über ein paar Dinge reden: über sich und die Menschen, die den Tod auf den Gleisen suchen.
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Foto: nito / fotolia.com
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Der Tag, der sein Leben in ein Vorher und ein Nachher trennen sollte, war ein Sonntag. Es war morgens gegen sieben und der Zug, den er führte, war menschenleer. Plötzlich war da etwas, ein Schatten, etwas auf den Gleisen, es rumpelte: "Ich dachte zuerst für einen kurzen Moment, das wäre nur Einbildung gewesen." In Wahrheit wusste er es besser: Er hatte mit seinem Zug gerade einen Menschen überfahren.

"Notarzteinsatz am Gleis" oder auch "Personenunfall": Diese spröden Begriffe hören Reisende, wenn der Bahnverkehr ins Stocken gerät, wenn ein Mensch im Gleisbereich verletzt worden oder ums Leben gekommen ist. So wie dies vor zwei Wochen in Forchheim der Fall gewesen ist - oder vor drei Jahren, als Lokführer Hubertus W. (Name von der Redaktion geändert) seinen Regionalzug beschleunigte und einen Menschen überfuhr.

Kein Name, kein Alter

Hubertus W.
wohnt im Landkreis Bamberg. Unterhalten will er sich nur, wenn weder sein Name, sein Alter noch sein Wohnort in der Zeitung erscheinen. Er will in den Augen seiner Mitmenschen nicht der Lokführer sein, der einen Menschen überfahren hat. Es reicht, dass er selbst mit diesem Wissen leben muss.

Aber reden, das will er. Über Menschen, die sich vor einen Zug werfen. Über Lokführer, die damit umgehen müssen, schuldlos am Tod eines Menschen beteiligt gewesen zu sein. "Es ist das Furchtbarste, was einem Lokführer passieren kann." Eine Frage lässt W. seitdem nicht mehr los: "Wie kann man verhindern, dass Menschen, die gestern noch unter uns waren, jeden Lebenswillen verlieren?"

Angst vor der Wahrheit

W. will nicht, dass immer mehr Lokführer durchmachen müssen, was er und viele seiner Kollegen schon durchmachen mussten. Drei Menschen überfährt ein Lokführer nach Angaben der Bahn durchschnittlich in seinem Berufsleben.

Wissen, wer sich da das Leben genommen hatte, wollte er damals nicht: "Ich hatte Angst vor der Wahrheit und auch ein bisschen vor den Angehörigen." Er hat es später dann aber doch erfahren, der Tote kam aus einem Nachbarort, da waren die Gerüchten schnell auch an seinem Ohr: "Er soll Beziehungsprobleme gehabt haben." Wut, dass da einer nicht nur sein eigenes Leben weggeworfen, sondern auch das eines anderen, seines, verändert hat, spürt W. nicht. Eher Mitleid. Aber er kann es nicht verstehen, wie sich da einer zum "Herrscher über Leben und Tod aufschwingen" konnte.

Das Leben sei doch das Wertvollste, was der Mensch habe. Wenn diese Überzeugung aber immer wieder in den Hintergrund rücke, müssten die Menschen besser aufeinander aufpassen. "Wir müssen alle im Alltag etwas mehr auf Fairplay achten. In der Schule, im Beruf und auch in der Familie. Damit keiner von uns an den Rand seiner psychischen Leistungsfähigkeit kommt."

Er begrüßt es, dass es Anlaufstellen für Menschen in psychischen Ausnahmesituationen gibt, er hat sich darüber informiert: Es müsste mehr davon geben, glaubt er. "Anderen könnten der Besuch von Gottesdiensten oder das Gespräch mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin helfen", sagt W.
Und wenn einer gar keinen Ausweg aus seiner Verzweiflung und seinem Leid finde: "dann bitte nicht auf der Schiene". Von einem Zug überrollt zu werden, nennt W. den "schrecklichsten Tod, den man sich vorstellen kann". Für das Opfer selbst. Für die Angehörigen. Die Rettungssanitäter. Und auch für Lokführer wie ihn.

Ein mulmiges Gefühl

Seinen Job an den Nagel zu hängen, hat W. dennoch nie erwogen. Er ist jetzt seit über 20 Jahren Lokführer und liebt seinen Beruf - noch immer.

Er hat damals den Zug gestoppt, die Unfallstelle gesichert und den Fahrdienstleiter über das Unglück in Kenntnis gesetzt. Er hat gehandelt, wie er es in der Ausbildung gelernt hatte. "Man weiß, dass es einem passieren kann. Aber wenn es dann passiert ist, nützt das rein gar nichts", sagt er. Ein paar Tage ließ er sich krankschreiben, seitdem sitzt er wieder im Führerstand. Sein Arzt hatte ihm geraten, möglichst bald wieder in den Zug zu steigen, sonst werde die Angst nur größer. Aber geblieben ist sie trotzdem, die Angst. "Es kann an jedem einzelnen Tag wieder passieren." Etwas dagegen tun könnte W. nicht, der Bremsweg eines Zugs ist mindestens einige hundert Meter lang. Es ist auch dieses Gefühl der Hilflosigkeit, mit dem Lokführer wie W. zu kämpfen haben.

Hubertus W. fährt seit drei Jahren an jedem einzelnen Arbeitstag an der Stelle vorbei, wo an jenem Sonntagmorgen plötzlich der Mann auf den Schienen stand. Es macht ihm nichts mehr aus, sagt er. Seit einiger Zeit steht da ein Kreuz, das tröste auch ihn. Aber wenn der Zeiger morgens in Richtung sieben Uhr wandert und er im Zug sitzt, dann beschleicht ihn dieses mulmige Gefühl, dann kehren die Gedanken zurück an diesen Tag. "Das wird wohl auch immer so bleiben."
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