Bamberg
AEO

Der Leiter des Bamberger Ankerzentrums über Brände, Polizeieinsätze und die Auswirkungen auf Bamberg

Das Bamberger Ankerzentrum geriet durch Brände und einen Aufstand von Flüchtlingen in die Schlagzeilen. Woher kommen die Probleme - und wie geht es mit der Asylunterkunft weiter? Der Leiter der Einrichtung im Interview.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bamberg: Ein Schild weist den Weg zum Eingangsbereich für Fußgänger und Radfahrer für das Gelände des Ankerzentrums für Flüchtlinge. Welche Auswirkungen hat die AEO auf die Stadt? Foto: Daniel Karmann/dpa
Bamberg: Ein Schild weist den Weg zum Eingangsbereich für Fußgänger und Radfahrer für das Gelände des Ankerzentrums für Flüchtlinge. Welche Auswirkungen hat die AEO auf die Stadt? Foto: Daniel Karmann/dpa

Die Bamberger Asylunterkunft ist eines von sieben sogenannten Ankerzentren in Bayern. Derzeit leben rund 1300 Menschen aus mehr als 15 Ländern auf dem Campus einer ehemaligen US-Kaserne. 2018 brannte ein Dachstuhl, zudem gab es mehrere Großeinsätze wegen Randale von Bewohnern.

Ist die zentrale Unterbringung von Asylbewerbern eine Ursache für die Probleme? Darüber sprechen der Leiter der Einrichtung, Markus Oesterlein, und der Bereichsleiter für Asylfragen bei der Regierung von Oberfranken, Stefan Krug.

Rückblick auf Brand in Ankerzentrum: Ist die Ursache geklärt?

Frage: Im September vergangenen Jahres hat ein Brand den Dachstuhl eines Gebäudes zerstört und das Haus unbewohnbar gemacht. Ist die Brandursache geklärt?

Oesterlein: Nach aktuellem Stand der Staatsanwaltschaft sieht es so aus, dass ein technischer Defekt ausgeschlossen werden kann. Höchstwahrscheinlich hat der Brand eine menschliche Ursache. Die Zerstörungen waren zu groß, um noch festzustellen, ob Fahrlässigkeit oder Vorsatz vorliegt.

Frage: Derzeit sind hier etwa 1300 Flüchtlinge untergebracht. Für 3400 ist die Einrichtung ausgelegt. Aus der Bevölkerung kommt die Befürchtung, dass die Einrichtung das erträgliche Maß für eine 78 000-Einwohner-Stadt überschreitet. Teilen Sie diese Kritik?

Oesterlein: Ursprünglich war mit der Stadt vereinbart, dass sogar 4500 Asylbewerber untergebracht werden. Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat der Stadt schließlich zugesagt, dass die normale Belegung 1500 nicht überschreiten soll. Die Nachbarn sind für uns sehr wichtige Ansprechpartner. Wir treffen uns regelmäßig in Bürgerversammlungen zum Austausch. Hieraus ist zum Beispiel der nun zwischen Stadtmitte und Ankerzentrum verkehrende Bus-Shuttle für die Asylbewerber entstanden. Außerdem wurden für sie auf dem Gelände Wlan-Hotspots geschaffen sowie ein zweiter Eingang zur Einrichtung - hiervon profitieren auch die Anwohner, denn die Verkehrsverbindungen werden entzerrt.

Probleme und Herausforderungen durch "zentrale Unterbringung"

Frage: Welche Probleme sehen sie durch die zentralisierte Unterbringung so vieler Menschen unterschiedlicher Herkunft, Nationalität, Religion und Sprache?

Oesterlein: Ich würde lieber von Herausforderungen und den Chancen sprechen, die eine zentrale Einrichtung bietet. Eines unserer größten Ziele ist es, die Gebäude homogen zu belegen. Deshalb läuft es hier trotz der von Ihnen genannten Vorfälle relativ konfliktfrei. Wir können ein Ärztezentrum, eine Asylverfahrensberatung und Erstorientierungskurse vorhalten. Die Asylbewerber sind besser vorbereitet in ihren Anhörungen. Außerdem sorgt die Bündelung aller beteiligten Behörden an einem Ort für eine Beschleunigung der Asylverfahren auf im Durchschnitt etwa acht Wochen. Diese ist ja im ureigensten Interesse des Asylbewerbers und auch unseres Staates.

Frage: Wäre es für die Integration nicht besser, wenn die rund 350 minderjährigen Flüchtlinge in die normalen Regelschulen und Kitas in der Stadt gehen dürften?

Oesterlein: Ein Kind, das hier ankommt, hat in der Regel keinerlei Deutschkenntnisse. Diese Kinder kommen in Deutschklassen und werden von Lehrern der benachbarten Grund- und Hauptschule unterrichtet. Teilweise haben die Pädagogen einen internationalen Hintergrund, waren zum Beispiel in Kairo an der deutschen Schule und haben sich dann bewusst für diese Stelle beworben.

Krug: Die Menschen hier bleiben durchschnittlich höchstens drei Monate. Wenn man die Kinder in Schulen in der Stadt unterrichten würde, würden sie nach drei Monaten wieder aus dem Klassenverband herausgenommen - dies würde für eine ständige Unruhe sorgen. Diesen Effekt wollen wir vermeiden, übrigens auch die Stadt selbst.            

Erzeugt die AEO mehr Probleme als sie löst?

Frage: Wie gehen Sie mit Kritik um, dass die zentrale Unterbringung mit Lagercharakter die Menschen erst recht in eine Situation bringt, die ausweglos ist, die sie krank und depressiv macht?

Oesterlein: Ich lade diese Kritiker gerne in die Einrichtung ein. Wir hatten vor Kurzem Pro Asyl hier. Eine Lagerbegrifflichkeit halte ich für vollkommen fehl am Platz. Der Zaun, der um die Einrichtung besteht, soll die Asylbewerber schützen und nicht einsperren, sie können das Gelände jederzeit verlassen und betreten.

Frage: 2017 gab es in der Einrichtung 300 Polizeieinsätze. Was sind die häufigsten Gewalt- und Kriminaltitätsdelikte?

Oesterlein: Das sind die gleichen Delikte, die es auch draußen gibt. Ich vergleiche die Anker-Einrichtung oft mit einem kleinen Dorf. Natürlich haben wir ein erhöhtes Aufkommen an Polizeieinsätzen. Das ist aber teilweise der höheren Kontrolldichte geschuldet. Wir haben einen Sicherheitsdienst, der bei Ordnungswidrigkeiten und Straftaten, die vielleicht außerhalb nicht bemerkt würden, sofort die Polizei ruft.

Abschiebungen vor den Augen der Kinder

Frage: Wäre es für den Schutz der Privatsphäre nicht besser, wenn die Familien ihre Zimmer absperren könnten?

Oesterlein: Der Zugang zu den Wohnungen muss für die Sicherheits-, aber auch für Rettungs- und Einsatzkräfte jederzeit möglich sein. Das hat auch etwas mit gleicher Behandlung aller Asylbewerber zu tun, denn der Zugang zum Balkon muss aus Brandschutzgründen für alle Bewohner einer Etage jederzeit gewährleistet sein.

Frage: In den beiden vergangenen Jahren vollzog die Polizei jeweils 1000 Abschiebungen, bisweilen vor den Augen von Kindern. Wollen Sie das anders gestalten?

Oesterlein: Was wir wollen, ist, dass diejenigen, die unser Land verlassen müssen, freiwillig gehen. Jeder, der abgeschoben wird, tut dies in seiner eigenen Verantwortung. Natürlich sind auch Kinder betroffen, aber das lässt sich nicht ändern, wenn die Eltern ihrer Pflicht der Ausreise nicht nachkommen.

Frage: Gibt es auch in der Nacht Abschiebungen?

Krug: Abschiebungen finden in der Regel nach sechs Uhr morgens statt. Es gibt allerdings auch frühere Maßnahmen, da die Polizei auf die Abflugzeiten an den Flughäfen München oder Frankfurt angewiesen ist.

ZUR PERSON: Markus Oesterlein wurde 1990 geboren. Seit März 2016 ist der Diplom-Verwaltungswirt Leiter der Anker-Einrichtung für Oberfranken in Bamberg. Seit 2014 sitzt er für die CSU im Stadtrat von Kronach. Stefan Krug ist Jahrgang 1963. Der Jurist leitet seit 2014 den Bereich Sicherheit, Kommunales und Soziales bei der Regierung von Oberfranken. Zuvor war er Leiter des Sachgebiets Personal.

Interview: Herbert Mackert

CSU sieht Ankerzentren als Erfolg - keine weiteren Zentren geplant

Zur Zukunft der Ankerzentren in Deutschland äußerte sich die CSU gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Demnach sollen vorerst keine weiteren Ankerzentren für Flüchtlinge entstehen. Nach einer Umfrage der Deutschen Presse-Agentur plant derzeit kein Bundesland ein weiteres solches Zentrum. Die Einrichtung ist grundsätzlich im schwarz-roten Koalitionsvertrag vereinbart. Die ersten sieben Zentren waren in Bayern im August an den Start gegangen, nur Sachsen und das Saarland folgten bisher mit Zentren in Dresden und Lebach der Idee. Das Wort Anker steht für An(kunft), k(ommunale Verteilung), E(ntscheidung) und R(ückführung). Alle wichtigen Behörden sollen dort vertreten sein; kurze Wege sollen die Asylverfahren beschleunigen.

Die meisten Länder verweisen darauf, dass sie Einrichtungen mit vergleichbaren Strukturen haben - ohne das Label Ankerzentrum. Innenminister Horst Seehofer (CSU) selbst, der die Zentren in seinem "Masterplan Migration" entworfen hatte, nahm bei der Innenministerkonferenz Ende November den Druck heraus: Man könne endlos übers Türschild streiten - oder sagen: "Wir haben einen totalen Konsens in der Funktion dieser Einrichtungen."

Sein Haus sieht die bisher eingerichteten Ankerzentren gleichwohl als Erfolg. "Die ersten Erfahrungen vor Ort zeigen, dass sich die Zusammenarbeit aller beteiligten Behörden unter einem Dach bewährt und mit großem Engagement umgesetzt wird", teilte Seehofers Ministerium mit. Auch das ebenfalls CSU-geführte bayerische Innenministerium zog eine positive erste Zwischenbilanz" für die sieben bayerischen Zentren mit rund 8600 Bewohnern.



Für diesen Artikel wurde die Kommentarfunktion deaktiviert.