Bamberg
Urteil

Der lange Atem des Gesetzes

17 Jahre nach den Taten wurde ein Bankräuber vom Landgericht Bamberg zu einer dreijährigen Haft verurteilt.
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Josef B. (rechts im Bild) musste sich vor dem Landgericht wegen schwerer räuberischer Erpressung verantworten.Barbara Herbst
Josef B. (rechts im Bild) musste sich vor dem Landgericht wegen schwerer räuberischer Erpressung verantworten.Barbara Herbst

Es ist kein alltäglicher Fall, der hier vor der großen Strafkammer des Landgerichts Bamberg aufgerollt wird: Zwischen September 2001 und Januar 2002 hatte Josef B. (Name geändert) zunächst eine Bankfiliale im Bad Staffelsteiner Stadtteil Uetzing überfallen und das Gleiche noch zwei weitere Male in Oberschwappach (Kreis Haßberge) sowie in Trunstadt (Landkreis Bamberg) versucht. Dabei war der heute 51-Jährige jeweils mit einer Spielzeugpistole "bewaffnet" und mit Clown- oder Nikolaus-Masken getarnt. Erst durch Abgleiche von Fingerabdrücken und DNA-Spuren im vergangenen Jahr kam die Kriminalpolizei dem Bankräuber auf die Schliche. Noch im Polizeiauto legte der ursprünglich aus dem Landkreis Kronach Stammende ein volles Geständnis ab.

"Ich frage mich selbst immer wieder, wie das alles gekommen ist", sagt B. vor Gericht und verknüpft die Tatbeschreibung mit seiner ungewöhnlichen Biografie: Die Spielsucht hat den gelernten Speditionskaufmann aus behütetem Elternhaus aus der Bahn gerissen. Immer wieder pumpt er den Vater an und verspielt dessen Geld. Als der den Hahn zudreht, leiht sich B. 7000 D-Mark, für die er 10 000 D-Mark zurückzahlen soll "an Russen, denen man besser kein Geld schuldig bleibt". Als er die fällige Rate nicht rechtzeitig erspielen kann, will er eine Bank berauben. "Ich bin da reinmarschiert, wollte nur 5000 Mark und habe immer wieder gesagt, dass ich ihnen nichts tue."

Freilich hat der Mann in diesem und den beiden folgenden Fällen bewusst Banken in kleinen Orten ausgewählt, wo nach Möglichkeit eine Frau allein hinter dem Schalter steht. Doch schon in der ersten Filiale nahe Bad Staffelstein trifft er auf zwei Mitarbeiterinnen, raubt mehr als 16 000 Mark, fesselt die Bankangestellte und eine junge Auszubildende mit Klebeband , ehe er sie in den Tresorraum sperrt. Mit dem Auto der Älteren flieht er.

Die beiden Frauen sind bis heute tief beeindruckt. B.s Messer hat ihnen damals Angst gemacht, auch wenn er damit nur das Klebeband schneiden wollte. "Clowns gehen gar nicht mehr oder wenn ich jemand mit Motorradhelm in die Bank kommen sehe", sagt die eine Zeugin, für die nun die Ereignisse nach all den Jahren noch einmal hochgekocht werden. "Danach ging's uns beiden nicht gut", sagt auch die damalige Auszubildende. Der Angeklagte bittet in der Verhandlung jede der vier Betroffenen um Verzeihung: "Ich möchte mich aufrichtig bei Ihnen entschuldigen, auch wenn ich weiß, dass ich das nicht mehr gutmachen kann."

Wie unterschiedlich die Fälle nachwirken können, beweisen die beiden folgenden Zeuginnen. Hier war es jeweils beim versuchten Bankraub geblieben. Die Bankangestellte aus dem Landkreis Bamberg war danach zehn Wochen krankgeschrieben, litt bis zu ihrer Rente unter den Folgen des Überfalls und konnte nun auch wegen des anstehenden Prozesses wieder nicht schlafen. Sie war im Vorraum der Bankfiliale dem Maskierten und vermeintlich Bewaffneten begegnet, hatte aber gleich geschrien und war auf den Parkplatz geflüchtet. B. riss sich die Nikolaus-Maske vom Gesicht und gab vor, das sei alles nur ein Scherz gewesen. Für einen solchen hielt zunächst die andere Zeugin aus dem Landkreis Haßberge den Auftritt des Bankräubers mit der Nikolausmaske. Als der Mann Geld forderte, erklärte sie, das sei schon im Tresor. Und als er gar zu schießen drohte, sagte die Frau: "Dann schieß doch, die Scheibe hier ist aus schusssicherem Glas. Und rein lass ich dich auch nicht." Einer Kollegin im Nebenraum rief sie zu: "Ich glaub', ich werde grad vom Nikolaus überfallen." Als sie dann noch erklärte, gerade die Polizei alarmiert zu haben, flüchtete der Täter. Fast schon surreal mutet an, dass B. trampen musste, um aus dem kleinen Ort wegzukommen - dabei hinterließ er den Fingerabdruck an einer Autotür, der ihn 17 Jahre später überführen sollte.

Eine Existenz am Rande

Denn in anderer Sache war B. 2005 im Landkreis Hof straffällig geworden, hatte das Konto seiner Vermieterin mit falschen Vollmachten geplündert und das Geld verspielt. Dass die in diesem Zusammenhang von der Polizei genommenen Fingerabdrücke mit denen vom Bankraub übereinstimmten, vermochte die moderne Polizeitechnik erst 2018 zu ermitteln.

Bis dahin hatte Josef B. unter falschem Namen eine Randexistenz geführt, in Mannheim, München, Nürnberg und die letzten Jahre in Berlin gelebt. Dort gelang es ihm nicht nur, seine Spielsucht einigermaßen im Griff zu behalten, sondern sein damit verbundenes Talent zu Geld zu machen. Durch spezialisiertes Wissen und den Handel mit Wettquoten ("Ich war der Experte für Politik und Eurovision") verdiente er 1500 bis 2000 Euro im Monat. Doch der Preis war hoch, B. konnte keinen Kontakt zu seiner Familie aufnehmen und durfte nicht krank werden. Aber 2018 wurde eine Nierenoperation unausweichlich. B. entschloss sich, wieder aufzutauchen, um sich bei einer Krankenkasse anmelden zu können. Sobald er wieder behördenbekannt war, griff bei der Kriminalpolizei ein Puzzleteil ins andere. Ein Sondereinsatzkommando nahm den 51-Jährigen fest. Eine Mischung aus "Oh Gott, jetzt haben sie mich" und "Gottseidank, es ist vorbei" sei das für ihn gewesen. Nachdem damit der versuchte Banküberfall in Oberschwappach geklärt war, führte B.s DNA nun auch zu den anderen Straftaten in Bad Staffelstein und in Trunstadt.

Die Frage, wie nun ein vollzogener und zwei versuchte Banküberfälle nach 17 Jahren zu ahnden sind, beantworteten Staatsanwalt Andreas Ullstein und Verteidiger Christian Barthelmes erwartungsgemäß sehr unterschiedlich. Sachverständiger Hans-Peter Volz hatte dem Angeklagten zuvor eine "pathologische Spielsucht" bescheinigt, dennoch sei B. voll schuldfähig gewesen.

Der Staatsanwalt forderte eine Gesamtstrafe von viereinhalb Jahren. Zu Gunsten des Angeklagten erkannte er, dass dieser geständig, einsichtig und reuig gewesen sei. Doch hätten die Taten bei den Geschädigten Spuren hinterlassen, der Entwendungsschaden sei hoch gewesen.

Barthelmes sprach hingegen von einem "sehr atypischen Fall". Sein Mandant habe seit 2007 ein straffreies Leben geführt und bei den vorangegangenen Taten "versucht, so wenig Schaden wie möglich anzurichten". Auch das Leben im Untergrund und die bisherigen sieben Monate Untersuchungshaft seien schon eine große Belastung gewesen. Der Verteidiger plädierte auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren - ausgesetzt zur Bewährung.

Dies hielt wiederum der Vorsitzende Christian Lang für nicht tatangemessen. So sei auch schon das Fesseln mit Klebeband eine Form körperlicher Gewalt gewesen. Dennoch habe B. bei den Überfällen beschwichtigend und zögerlich agiert, habe schon bei der Polizei alle Taten gestanden und sich glaubhaft bei den Geschädigten entschuldigt. Am Ende entschied die Kammer auf eine Gesamtfreiheitsstrafe von drei Jahren. Dem Verurteilten gab Lang noch einen dringenden Rat mit: "Lassen Sie sich therapieren, auch wenn das nicht so einfach ist. Die Spielsucht ist an all ihren Problemen schuld."

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