Bamberg
Premiere

Der Klöppel einer Herzensglocke

Mit einer Open-Air-Version des "Cyrano" schafft die freie Truppe wieder einmal ein unterhaltendes Glanzstück.
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Todfeinde: der Graf de Guiche (Martin Habermeyer, li.) und Cyrano (Benjamin Bochmann), beobachtet von Roxane (Laura Mann) Foto: Werner Lorenz
Todfeinde: der Graf de Guiche (Martin Habermeyer, li.) und Cyrano (Benjamin Bochmann), beobachtet von Roxane (Laura Mann) Foto: Werner Lorenz

Schreibt man übers "Theater im Gärtnerviertel" (TiG), muss man sich wiederholen: In jeder Inszenierung von Neuem erstaunen der Einfallsreichtum, die Unbekümmertheit, die Frische und Begeisterung, wohl auch der waltende Teamgeist, mit denen die freie Truppe seit fünf Jahren das Publikum erfreut. Ein Publikum, das sich ebenfalls von Mal zu Mal zu vergrößern scheint.

So auch diesmal im Hof der Gärtnerei Hohe, geführt von der Familie Böhmer. Dicht gedrängt saßen über 100 Premierengäste, um bei anmutigstem Sommerwetter eine Freilicht-Inszenierung von Edmond Rostands "Cyrano de Bergerac" zu genießen. Das heißt: Es war nicht die Opulenz der 1897 uraufgeführten gerne so genannten "romantischen Komödie" zu erwarten, die in ihrer Originalfassung 60 Schauspieler auf dem Besetzungszettel führt. Ginge auch gar nicht mit den bescheidenen Mitteln des TiG. Und das ist gut so. Der Zwang zur Konzentration auf das Wesentliche minimiert den Hang zur Weitschweifigkeit, zu überflüssigen Experimenten und Interpretationen, zu redundantem Technikeinsatz.

Freilich benötigt der nun nur noch so genannte "Cyrano" des TiG eine eigene Fassung, die entstanden ist, indem die Niederländer Jo Roets und Greet Vissers den Urtext einschmolzen auf ein Drei-Personen-Stück, ohne jedoch Geist und Witz des Originals zu verlieren und auch ohne sich an der gebundenen Sprache zu vergehen. Ja, geht denn das? Doch, das geht, zeigt Regisseurin Heidi Lehnert zusammen mit ihren drei Protagonisten. Man braucht dazu: ein ansprechendes Ambiente, das es fantasievoll zu nützen gilt, hübsche Regie- und andere Einfälle, Akteure, die ihre Begeisterung für Stück und Inszenierung auf die Bühne zu übertragen wissen. Und man hat sich ein Surplus ausgedacht: In einer Ecke sitzt Franz Tröger, der auf allen möglichen (Akkordeon, Keyboard, Zither, Spieluhr) und unmöglichen (Gartenschlauch, Zink- und Gummiwanne, Kette, Gießkannen-Trompete) Instrumenten Geräusche und Begleitmusik erzeugt. Ungerührt thront er da, dass ein Stoiker im Vergleich zu ihm hyperaktiv wirkt, hat die Quetsche auf dem Schoß oder bearbeitet mit diversen gärtnerischen Utensilien seine Perkussion.

Musik aus dem Gartenschlauch

Allerhand Französisches hat er naturgemäß im Repertoire wie Musette-Anklänge, Joe Dassins "Aux Champs-Élysées", aber auch Terry Jacks" "Seasons in the Sun" - stets das Geschehen kommentierend. Auch die Marseillaise wird einmal gepfiffen oder ein Chanson Jacques Brels gesungen. Das ironisiert das hoch dramatische Geschehen und verhindert das Abdriften ins allzu sehr Pathetische. Denn die Gefahr besteht. In der Geschichte des geistreichen, aber hässlichen Haudegens Cyrano de Bergerac (Benjamin Bochmann), der als Ghostwriter für den schönen, aber einfältigen Christian (Martin Habermeyer) wirkt, für diesen die Gunst der schönen Roxane (Laura Mann) erheischt und dabei großmütig auf eigene Liebeserfüllung verzichtet, nistet natürlich manches Klischee. Zumal sie ja in der heroischen Zeit des französischen Absolutismus spielt, in der auch Dumas" "Drei Musketiere" beheimatet sind. Andererseits eine Zeit, wie sie sich etwa in Brantômes "Leben der galanten Damen" spiegelt. Also hat das Bezirzen einer Angebeteten mittels wohl gesetzter Worte durchaus einen historischen Kern.

Das kann Cyrano - allein, sein unansehnliches Äußeres, das ist seine überdimensionierte Nase, hemmt ihn. Souverän umgeht die Regie das Problem, dass der Held zwei Stunden mit einem Plastikteil umherlaufen müsste. Verraten sei nur so viel, dass die Szene in Valentin Rathgebers Lied "Von allerhand Nasen" kulminiert ... Und ein Degen-Duell gleich zu Anfang (Kampfchoreographie Benjamin Bochmann) ward so virtuos kaum je auf einer Bamberger Bühne ausgetragen. Gegner Cyranos ist der infame Graf de Guiche, gespielt ebenfalls von Martin Habermeyer, der außerdem noch in sechs andere Rollen schlüpft und alle grandios ausfüllt. Wenige Requisiten wie Epauletten, eine Kappe oder Uniformteile (Ausstattung Kathrin Younes, Heidi Lehnert, Chrysenda Seilmann) verdeutlichen den Wechsel, zudem führt ein Erzähler durch die Handlung.

Einfach, überzeugend

Es dominieren die beiden Männer, das liegt am Stück, und Laura Manns Roxane fällt keinesfalls ab. Doch auf der kleinen Podesterie, auf dem Hallendach und sonstwo tummeln sich halt bevorzugt der Schöne und der geistreiche Schläger. Wunderbar gemacht und gedacht ist, wie Flug-Briefe herabregnen, wie eine Balkonszene mit einfachsten Mitteln gerät, wie Roxane mit einem Judowurf den zudringlichen de Guiche auf die Bretter wirft, wie "Dein Name ist der Klöppel meiner Herzensglocke" deklamiert wird. Im fünften Aufzug trauert sie dann, passend, im Klostergarten und harrt des melodramatischen Endes. Den Widerspruch zwischen seelischer und körperlicher Attraktivität wird man wohl nie lösen können, ergo ist der bei der Premiere viel beklatschte "Cyrano" nicht nur ein etwas antiquiertes Mantel-und-Degen-Stück. Auf jeden Fall ist er ein weiteres Stück bester TiG-Unterhaltung, das zeigt, was ein kleines, beherztes Team mit einfachen Mitteln schaffen kann: dramatische Kunst ohne Sperenzchen und Manierismen.

Termine und Karten

Weitere Vorstellungen: 26., 28. Juni, 4., 6., 7., 17., 18., 19. Juli im Innenhof der Gärtnerei Hohe, Nürnberger Str. 30

Karten: Betten-Friedrich, Ob. Königstr. 43, Tel. 0951/27578, bvd, Lange Str. 39-41, Tel. 0951/9808220 Dauer ca. zwei Stunden, eine Pause

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