Bamberg
Klimapolitik

Der Klimaprotest bleibt stabil - Fridays for Future in Bamberg

Vier Millionen Menschen demonstrierten weltweit in 161 Ländern für den Klimaschutz. In Bamberg war es die größte Kundgebung seit langem.
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Nicht für alle Demonstranten war es nach dem Protestzug vorbei. Etwa zwölf Aktivisten campten am Bahnhofsvorplatz.  Fotos: Julian Megerle
Nicht für alle Demonstranten war es nach dem Protestzug vorbei. Etwa zwölf Aktivisten campten am Bahnhofsvorplatz. Fotos: Julian Megerle
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Langsam schreitet der schwarze Holzsarg mit seinen sechs Trägerinnen nach vorne. Ein Blumenstrauß ziert den Deckel. Im Hintergrund läuten die Glocken der Kirchen. Ein junger Mann hält das Bild der Verstorbenen in den Händen: Mutter Erde. In Schwarz-Weiß. Es ist die Beerdigung ihrer Zukunft. Und zu ihrem Begräbnis haben sich allein in Bamberg 3500 Trauergäste versammelt, welche vom Bahnhofsvorplatz bis zum Maxplatz zogen.

In der Hauptwachstraße geht ein älterer Mann auf den Trauerzug zu und fragt, ob die Schülerinnen wieder aus dem Urlaub zurückgeflogen seien. Die Trägerinnen bleiben ruhig. Solche Provokationen hätten sie öfters erlebt, als sie zu diesem dritten weltweiten Klimastreik aufgerufen haben. "Ihr habt kein Recht die Erde zu zerstören!" schallt es von den Fassaden. Auch wenn die Sonne strahlt, macht der Trauerflor eins klar: Die Lage ist ernst.

Bei den ersten Demonstrationen in der Weltkulturerbestadt wurde noch eine aufgeblasene Weltkugel verspielt von einem Teil der Demo zum anderen gestoßen. Damals gingen gut 1000 jungen Menschen, zumeist Schüler und Studierende auf die Straßen. Debatten ums Schule-Schwänzen, wechselten mit Lobhudeleien von Seiten der Politik. Das ist gerademal ein halbes Jahr her. Nun ist die Woche gekommen, in welcher sich die weltweite Fridays-for-Future-Bewegung nicht länger mit dem Abwarten abfinden möchte, sondern endlich Ergebnisse sehen will. Am selben Tag legt nämlich die Bundesregierung ihr Klimapaket vor, damit Deutschland seine Ziele in Sachen Treibhausgasausstoß wenigstens noch bis 2030 einhalten kann. Und am heutigen Montag tritt die UN zu einer Krisensitzung zum Klimaschutz zusammen, um einen Weg zu finden, die Erderwärmung doch noch auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Eine schwierige Aufgabe, bevor das Klima in einer sich selbstverstärkenden Spirale zunehmend außer Kontrolle gerät.

Mehr Wissenschaftler und Ältere

"Wer glaubt, dass wir die Klimakrise allein durch technischen Fortschritt lösen können, hat den Blick für die Realität verloren", meint Michael Lorenz in seiner Rede auf dem proppenvollen Maxplatz. Der Naturwissenschaftler ist Teil der 25 000 Forscher, welche als "Scientists for Future" der jungen Klimabewegung den Rücken stärkt. Während auf der einen Seite der Welt Menschen in bitterer Armut lebten, genössen die anderen das Privileg, "Konsumjunkies" zu sein, welche die Meere vermüllen, meint Lorenz. Nichtsdestotrotz sieht er eine Chance, dass es mit der Menschheit nach vorne geht. Der wichtigste Schritt? "Fangen wir endlich an, unser eigenes Handeln zu überdenken!", fordert Lorenz.

Anders als bei den vorangegangenen Streiks sind wesentlich mehr Erwachsene unter den Demoteilnehmern. Die Flaggen bekannter Umweltorganisationen und Protestgruppen wehen neben denen der Gewerkschaften. Allein das Meer aus Fahnen und bunten Transparenten, Schildern und Bannern zeigt, wie die Bewegung gewachsen ist. Auch die Stadtspitze und der Landrat haben sich dazugesellt. Die städtischen Mitarbeiter konnten sich freistellen lassen.

Erzbischof lässt Glocken läuten

Für Erzbischof Ludwig Schick ist das Anliegen der jungen Klimakämpferinnen und Klimakämpfer wichtig und er stellt sich hinter sie. Als Zeichen lässt als er die Glocken aller Kirchen zur Mittagszeit läuten. "Auch der Papst hat den Klimaschutz als wichtiges Element zur Bewahrung der Schöpfung erkannt", schildert Leonhard Waldmüller, Klimaschutzmanager des Erzbistums, die Situation. Und die Bischöfe folgten dieser Erkenntnis.

"Ich bin hier, weil ich Teil von einem großen Ganzen sein will", erklärt die 19-jährige Julia Wippich. Zusammen mit ihrer gleichaltrigen Freundin Soya Then ist sie das zweite Mal auf einer Klimademo: "Es ist wichtig, nicht zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und zu meckern. Man muss Gesicht zeigen!". Jeder kleine Schritt sei wichtig. Ein älterer Mann schaut sich das Geschehen schweigend an und meint: "Hier demonstrieren gar nicht die Menschen, die von den Maßnahmen betroffen sind."

Klimaschutz ist kein einfaches Thema. "Wir haben bewusst aufgerufen eueren Streik zu unterstützen", ruft Tanja Goldgruber den Menschen auf dem Maxplatz zu. Für die stellvertretende Bezirksgeschäftsführerin der Gewerkschaft Verdi ist aber auch klar: "Klimaschutz darf nicht zu Lasten der abhängig Beschäftigten und auf Kosten der sozial Schwachen gehen!" Schulungen und Fortbildungen, sowie Tarifkämpfe für die Arbeitsplätze der Zukunft müssten bereits angegangen werden. "Bis jetzt fehlt der politische Rahmen, deshalb stehen wir hier, um gemeinsam starken Druck aufzubauen." Die Menschenmenge spendet kräftig Applaus. Für Jan Jaegers von den "Students for Future" in Bamberg gehört der Kampf gegen Profitgier und soziale Gerechtigkeit beim Klimaschutz zusammen. "Wenn Großunternehmen den Amazonasregenwald niederholzen oder Menschen in Bangladesch in der Textilindustrie ausgebeutet werden, müssen wir uns dagegen zusammenschließen!", fordert der Student. Diese Produktionsarten müssten unterbunden werden.

"Wenn wir jetzt erst richtig handeln, laufen wir Gefahr, dass wir mit 50 prozentiger Wahrscheinlichkeit das 1,5 Grad Ziel nicht einhalten können", warnt Agathe Kocher von den "Parents for Future". Nicht die Schulkinder, sondern die Politiker hätten geschwänzt. Gemeinsam mit Simone Jakobi hält sie zwei Pappschilder in die Höhe. "Unsere Zeit läuft ab" steht darauf. Klettere die Erderwärmung gar auf vier bis fünf Grad, würden dies Milliarden Menschen nicht überleben.

Lyrischer Widerstand

Das Thema treibt auch Künstler um. Maron Fuchs, ihres Zeichens Poetry Slammerin, betritt die Bühne und erzählt die Geschichte eines Bienenvolkes im Untergang: Die menschliche Lebensart macht den letzten Lebensraum zunichte. Aber die Bienen leisten Widerstand, gegen "einen Verkehrsminister, der im Rektum der Automobilindustrie steckt." Mit Kritik wurde nicht gespart: "Zeit ist Geld. Da wird an Greenpeace gespendet und trotzdem bestellt!" Nach jedem Textabschnitt reckt sie die geballte rechte Faust zum Widerstand nach oben und vom Maxplatz antwortet ein sonores "Summ summ summ!" Am Ende gab's Zurufe und tosenden Applaus.

Mit der Demo ist der Tag jedoch noch nicht gelaufen. Am selben Abend startete noch das Klimacamp am Bahnhofsvorplatz, zu dessen Auftakt ein neuer politischer Spieler auftritt: Das Bamberger Klimaschutzbündnis. Fast unbemerkt hat sich den vergangenen Wochen ein Kreis von Umweltschutzgruppen, Menschenrechtsorganisationen und Verkehrsverbänden getroffen, um eine Satzung auszutüfteln. Das Ziel: Engagierte Bürger mit Verbänden und Organisationen zusammenzubringen, um den Verantworlichen in Stadt und Landkreis Bamberg auf die Finger zu schauen und gebündelte Forderungen sowie Maßnahmen in puncto Klimaschutz aufzustellen. Rund 40 Menschen saßen im Zelt dabei, als die Eckpunkte beschlossen wurden. Demnach hat jeder Teilnehmer - egal ob Mitglied einer Organisation oder Privatperson - eine Stimme sowie Rede- und Antragsrecht. "Wir wollen damit ein Forum schaffen, damit sich Bürger und Organisationen beteiligen können", erklärt Marion Munz-Krines, die gemeinsam mit Tim-Luca Rosenheimer, Laura Kohler, Riccardo Schreck und Philipp Feierabend zur Sprecherin des Bündnisses gewählt wurde. Nun gelte es, Klimaschutz im Interesse der Bürger zu machen und gute Ansätze zur Umsetzung zu bringen. Das nächste Treffen - der Klimadialog - ist für den 25. Oktober angesetzt.

Campen trotz Kälte

Auf die Demos zu gehen ist eine Sache. Bei drei Grad plus am Bahnhofsvorplatz zu campen eine andere. Ein Dutzend Menschen hat Freitag- und Samstagnacht die Mahnwache samt Sarg aufrechterhalten. Tagsüber gab's neben einem Workshop zur Klimagerechtigkeitsbewegung in Deutschland eine Infoveranstaltung von Greenpeace zur Situation im Amazonasgebiet. "Ich habe etwas dazugelernt beim Umweltschutz", findet Anna Lipptreu. Für die Studentin ist es wichtig, die Initiativen vor Ort zu unterstützen. Beim Fahrrad-Reparaturworkshop der Bicycle Liberation Front konnte Jutta Laube ihr altes Rad retten lassen: "Es wäre schade gewesen, es wegzuwerfen." Beim Erzbistum Bamberg arbeitet sie mit Jugendlichen in Sachen Ökologie und politischer Bildung zusammen. "Ich denke, dass die Politik gemerkt hat, dass sie handeln muss, um nicht die Wähler der Zukunft zu verlieren."

Klimapaket kommt nicht gut an

Dem Taumel nach der Demo folgt allerdings die Ernüchterung: Das Klimapaket der Bundesregierung kommt nicht gut an bei den Fridays for Future Aktivisten: "Das Angebot ist schwammig und komplett unzureichend", findet Tim-Luca Rosenheimer vom Orgateam. Viele Maßnahmen seien ohnehin bereits beschlossen worden. Lediglich bei der Reduzierung der Mehrwertsteuer bei Bahnfahrten habe sich etwas getan. Der Aktivist beschreibt das Festhalten an der schwarzen Null als "Katastrophal". Egal ob Kohlenstoffdioxid-Steuer, Kohleausstieg oder der Ausbau der erneuerbaren Energien, die Konsequenz sei klar: "Das ist nicht das Ende des Streiks, sondern der Startschuss für den nächsten."

Oder um es mit den Worten der Poetry-Slammerin Fuchs zu sagen: "Die Rahmenbedingungen sind grotesk - Und damit beginnt mein Protest!" Summ summ summ.

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