Scheßlitz

So kämpft der Scheßlitzer Bauhof gegen das Eis

Glatte Straßen sind ein Problem – auch in Zeiten des Klimawandels. Warum die milden Winter die Sache verkomplizieren und was Gurken mit eisfreien Straßen zu tun haben.
Artikel drucken Artikel einbetten
Bernhard Herold überprüft die Funktionalität seines Streufahrzeuges. Das Salz rutscht aus dem Fass durch zwei Rohre auf den rotierenden Verteiler und gelangt so auf die Straße. Foto: Ronald Rinklef
Bernhard Herold überprüft die Funktionalität seines Streufahrzeuges. Das Salz rutscht aus dem Fass durch zwei Rohre auf den rotierenden Verteiler und gelangt so auf die Straße. Foto: Ronald Rinklef

Beißende Kälte und trübes Dämmerlicht. Ein orange blinkendes Warnlicht blitzt durch die Nebeldecke. Motorengeräusche: Um die Kurve der engen Straße rollt ein Bauhof-Lkw – ein Salzfass auf der Ladefläche. Aus zwei Kammern rutscht das Streugut durch zwei Rohre auf den rotierenden Streuer. Der verteilt es auf dem Asphalt. Das Salz frisst sich ins Glatteis. Die Straße zwischen Pünzendorf und Weingarten kann jetzt wieder problemlos befahren werden.

Ohne Bernhard Herold und seine Mannschaft wären die Scheßlitzer im Winter häufig aufgeschmissen: Der Vorarbeiter des städtischen Bauhofs ist für die Koordinierung des Winter- und Streudienstes auf den Orts- und Verbindungsstraßen des Scheßlitzer Stadtgebietes zuständig. Die Kreis-, Staats- und Bundesstraßen sowie die angrenzende A 70 fallen nicht in seinen Zuständigkeitsbereich. "Der Winterdienst ist eine Wissenschaft", schmunzelt Herold. Gerade Scheßlitz mit seinen 30 Stadtteilen ist eine besondere Herausforderung: "Du kannst nicht überall gleichzeitig sein. Wir fahren pro Route circa 100 Kilometer", schildert der 41-Jährige die Problematik.

Um die Straßen dennoch weitgehend befahrbar zu halten, sei der Winterdienst in drei Dringlichkeitsstufen gegliedert: Je nach Verkehrsaufkommen und Wichtigkeit der jeweiligen Verbindung werde die Priorität gesetzt. So würden beispielsweise Zufahrtsstraßen zwischen Ortschaften zuerst von Schnee und Glatteis befreit – hierbei sei die Strecke des Schulbusses besonders wichtig. Wo die Bauhofmitarbeiter mit schwerem Gerät nicht rankämen, erfolge der Streu- und Räumvorgang händisch – der Gehweg vor der Schule, aber auch der Kindergarten- sowie der Rathauszugang können so gefahrlos genutzt werden.

Weniger Einsätze - mehr Salz

Zehn Einsätze gegen die Kälte fuhren die Männer vom Bauhof bisher in diesem Winter. Ein örtlicher Landwirt und einige Lohnunternehmer unterstützten sie dabei. "Vor 20 Jahren waren es mehr Bauern. Mittlerweile ist das stark zurückgegangen – auch weil das Salz die Maschinen angreift", sagt Herold.

Trotz der milden Winter sei die gestreute Salzmenge für die Einsätze gestiegen. Die Wetterschwankungen erforderten ein häufigeres Enteisen der Straßen, als eine durchgehende Kältephase – eine einmalige Streuung reiche bei anhaltenden Temperaturen unterm Gefrierpunkt aus. Entsprechend sei der Verbrauch in Scheßlitz gegenüber den Vorjahren von jeweils etwa 250 auf 360 Tonnen gestiegen. Die relativ milden Nächte führten ebenfalls zu Problemen: "Es gefriert meistens erst in den frühen Morgenstunden. Also müssen wir nachts ständig das Wetter überprüfen und meistens sehr früh ausrücken, um das Salz zu streuen."

Auch heute sind die Bauhofmitarbeiter wieder früh unterwegs. Das Gefälle um die Ortschaft Weingarten birgt mit seinen Kurven viele Tücken. "Da steigt schon manchmal der Puls, wenn man auf so einer Strecke streut. Das Streufahrzeug fährt ja eigentlich immer auf einer glatten Fahrbahn", sagt Herold.

Kein Salz im Privatbereich

In den vergangenen Jahren ist das aggressive Streugut in Verruf geraten. "Salz gehört in die Suppe, nicht auf den Gehweg", fordert etwa der Bund Naturschutz (BUND). Die Schäden für Pflanzen und Tiere seien gravierend. Deshalb ist der Einsatz von Natriumchlorid für den privaten Gebrauch in vielen Kommunen bereits untersagt. Die Straßenreinigungsverordnung von Scheßlitz verbietet die Verwendung ebenfalls – einzig bei starkem Gefälle und Treppen sei der Gebrauch noch erlaubt.

Die Bürger müssen für die Enteisung der Gehsteige in ihrem Zuständigkeitsbereich auf Sand, Splitt oder andere abstumpfende Mittel zurückgreifen. Die sollen sich ins Eis spießen und den Asphalt wieder griffig machen. Jedoch stelle das Material, aus Herolds Sicht, nach dem Auftauen eine Rutschgefahr dar, wenn es länger liegen bleibt. Zudem müsse der Splitt im Sondermüll entsorgt werden. "Der Aufwand ist immens", sagt Herold. Mit der aktuell angepriesenen Blählava – ein natürliches Lavagranulat – fehle ihm bis dato die Erfahrung.

Eigenverantwortung ist wichtig

"Als Winterdienst bist du immer der Depp", ärgert sich Herold über das Unverständnis vieler Bürger. Die sähen nur ihre persönliche Route und erwarteten, dass diese stets befahrbar sei. "Wir tun, was wir können. Die Leute müssen aber auch darauf achten, dass sie witterungsangepasst fahren. Wir vom Winterdienst schaffen das auch, wenn wir auf die Arbeit kommen."

Zudem solle aus seiner Sicht jeder vor der eigenen Haustür kehren – im wahresten Wortsinne: Jeder Scheßlitzer habe nämlich die Pflicht, sich um den Bürgersteig vor seinem eigenen Haus zu kümmern. An Werktagen zwischen 7 und 20 Uhr und an Feiertagen von 8 bis 20 Uhr sei der Gehweg schnee- und eisfrei zu halten. Wenn vor dem Haus kein Bürgersteig sei, müsse die angrenzende Straße so geräumt werden, dass zwei Fußgänger gefahrenfrei aneinander vorbeilaufen könnten. In andere Gemeinden und Städten sind die Regeln ähnlich.

Gurkenwasser und Sole

Teilweise werde dort jedoch eine Salz-Splitt-Mischung eingesetzt. Hiervon halte Herold jedoch nichts. Viel sinnvoller finde er den Einsatz von Gurkenwasser. Der werde in einigen bayerischen Kommunen erprobt. Diese ökologisch sinnvolle Variante nutzt den Salzgehalt in der Sole, um die Straßen zu enteisen. Weil das Salz bereits im Wasser gelöst sei, entfalte es seine Wirkung schneller. Auch die Sole aus Thermen werde in manchen Gemeinden und Städten genutzt. Die Methode sei günstiger und nachhaltiger als die Verwendung von reinem Streusalz. "Bad Staffelstein ist ja gleich um die Ecke", sagt Herold vielsagend und steigt wieder in den Lkw, um die steil abfallende Verbindungsstraße zwischen Weingarten und Peulendorf vom Eis zu befreien.

Kommentare (1)

was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren