Bamberg
Interview

Der Geschichte(n)-erzähler

Erik Berkenkamp führt seit fast 20 Jahren Besucher durch die Welterbestadt. Insgesamt sei das Miteinander von Einheimischen und Gästen gut, auch wenn sich auf der Unteren Brücke schon einmal Radler und Touris in die Quere kommen.
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Erik Berkenkamp zeigt den Bamberg-Besuchern die Sehenswürdigkeiten. Foto: Ronald Rinklef
Erik Berkenkamp zeigt den Bamberg-Besuchern die Sehenswürdigkeiten. Foto: Ronald Rinklef

Zimmermannshut, Karohemd und Lederhose - dieser Mann fällt definitiv auf. Und so fällt es den Schiffstouristen aus Übersee auch nicht schwer, ihren Gästeführer im Blick zu behalten. Der 68-Jährige achtet wiederum darauf, dass keiner verloren geht, die Gruppe den Gehweg nicht blockiert und möglichst jeder Besucher ein paar gute Erinnerungen aus Bamberg mitnimmt.

Wie vielen Menschen haben Sie in diesem Jahr schon die Stadt gezeigt?

Erik Berkenkamp: Das ist ganz schwer zu sagen, das müsste man mal hochrechnen. Pro Tag sind das zwei Führungen mit jeweils 30 Leuten an sieben Tagen in der Woche, seit fast 20 Jahren. An manchen Tagen sind es aber auch sehr viel mehr Menschen. Vor einer Woche hatte ich an einem Samstag neun Stunden Führungszeit. Dafür muss man nicht sportlich sein, aber gesund. Erkältungen habe ich überhaupt keine mehr.

Woher kommen die Menschen, die Sie durch die Stadt führen?

Generell gibt es zwei Hauptgruppen. Die einen, die irgendwie nach Bamberg reisen, und die anderen, die mit dem Schiff kommen. Ich bin hauptsächlich bei Gesellschaften mit Besuchern aus Neuseeland und Australien registriert. Das liebe ich, weil ich diese Länder gut kenne. Die USA auch, da habe ich studiert. Die Gäste, die wir sonst haben, kommen aus allen Teilen Deutschlands.

Wie wird man als gebürtiger Bremer Touristenführer in Bamberg?

Ich bin ausgebildeter Lehrer mit erster und zweiter Staatsprüfung. Aber ich wusste, Schule ist nichts für mich. Nach einem Studium der Literaturwissenschaften in Kalifornien kam ich für eine Rundfunk-Ausbildung nach Nürnberg und dann zu Radio Regnitzwelle, heute Radio Bamberg. Nach der Grenzöffnung gab ich zehn Jahre lang Russland- und Rumänien-Deutschen Deutschunterricht. Dann machte ich die Ausbildung zum Gästeführer. Mein ganzes Leben ist ungeplant, ich bin immer in eine Nische gesprungen. Im Moment bin ich total zufrieden.

Aufgrund Ihrer Tracht dürften Sie vielen Bambergern schon einmal aufgefallen sein. Was hat es denn damit auf sich?

Ich wollte Geschichten erzählen und keine Universitätsseminare geben, es sollte den Leuten ja auch Spaß machen. Relativ schnell hab' ich gemerkt, dass ich mich irgendwie auch kleidungsmäßig hervortun muss. Die Tracht ist langsam gewachsen. Als ich mit der Lederhose angefangen habe, merkte ich, wie da die Leute drauf stehen. Dann wollte ich noch 'nen Hut dazu, der auffällt - das war der Zimmermannshut. Und weil ich als Geschichtenerzähler nie den roten Faden verlieren darf, habe ich noch ein rotes Band um meinen Hut rumgemacht. Das Outfit ist inzwischen mein Markenzeichen, die Leute erkennen mich.

Fränkisch ist die Tracht aber nicht.

Das ist überhaupt keine richtige Tracht. Es ist einfach 'ne Lederjacke, 'ne Lederweste und 'ne Lederhose. Natürlich haben mich auch Kollegen schräg angeguckt, wenn ich das auf meine Art gemacht habe. Da werde ich inzwischen akzeptiert, da sagt keiner mehr was. Aber das hat lange gedauert.

Was wollen die Bamberg-Besucher von Ihnen wissen?

Manche Leute, die sich ein bisschen vorbereitet haben, fragen schon nach Baudetails, etwa zur Alten Hofhaltung. Aber das ist eher selten. Meist erkläre ich den Gästen, was sie gerade sehen, bevor sie überhaupt fragen können. Wenn sie Klein-Venedig sehen, fragen Amerikaner und Neuseeländer manchmal: Wie teuer ist so ein Haus? Da antworte ich: Wollen Sie eins kaufen? Andere fragen nach der Kriminalitätsrate in Franken.

Was antworten Sie denen?

Ich sage, dass ich mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahre und mein Fahrrad vor dem Geschäft nicht absperre. So viel zur Kriminalitätsrate.

Was war die verblüffendste Frage, die Ihnen Gäste gestellt haben?

Das waren mal Deutsche. Die haben gesagt: Erik, wir sind in einer Stadt mit 14 Brauereien. Wir haben überhaupt keine gesehen, wo sind die denn? Die hatten Bierfabriken erwartet wie Veltins oder Warsteiner.

Manchem Bamberger wird der Tourismus zu viel. Können Sie das verstehen?

Dass jemand richtig rumgrantelt und schimpft, erleb' ich nie. Ich kenne das nur aus der Presse und aus Facebook, aber aus meinem persönlichen Erleben überhaupt nicht. Die Bamberger sind in aller Regel wahnsinnig freundlich zu den Touristen. Da werden sogar Leute zum Bus geführt, die sich verlaufen haben.

Manche sagen schon, es ist zu viel, man kann am Samstag nicht mehr einkaufen gehen. Aber was sollen wir machen? Wir werben für Bamberg, und wenn für Bamberg geworben wird, dann kommen die Leute, und wir müssen ihnen auch ein Angebot machen.

Sicher, es gibt auch andere Begegnungen: Am Samstag auf der Unteren Brücke hat ein Touristen-Ehepaar einen Radfahrer angesprochen: Ey, das gibt's doch nicht, da muss man absteigen! Und der Radfahrer hat gar nicht unfreundlich geantwortet: Wieso? Ich kann doch hier fahren. Der Klassiker: Ein Tourist beschwert sich darüber, dass jemand dort Fahrrad fährt, wo man Fahrrad fahren darf.

Müssten Sie sich in solchen Situationen nicht einmischen?

Das bringt ja nichts, das habe ich mittlerweile gelernt. Es fällt mir wahnsinnig schwer, aber dann heizt sich sowas ja nur auf. Aber aus meiner Straßenerfahrung ist das Miteinander von Bambergern und Touristen insgesamt kein schlechtes. Wir als Gästeführer, da nehme ich mich nicht aus, verhalten uns ja manchmal auch ein bisschen rücksichtslos.

Aber wir haben schon viel gelernt, etwa darauf zu achten, dass unsere Gruppen zur Seite gehen, dass Platz ist für die anderen, die vorbeiwollen. Wir sollten nur die Hälfte des Fußwegs nutzen, aber es passiert halt allen, dass sie mal rüberkommen. Wichtig ist es, gelassen zu bleiben. Der Tourismus hat sich ja erst seit 15 Jahren so stark entwickelt. Da mussten wir alle lernen. Zu Dingen, die man nicht ändern kann, sollte man vielleicht seine Haltung verändern.

Was empfehlen Sie Bamberg-Besuchern?

Die Frage liebe ich. Die Menschen sind ja so unterschiedlich. Leuten, die zum ersten Mal kommen, sage ich, was man halt sagen muss: Dom, Rosengarten, Altes Rathaus von der Geyerswörthbrücke und von der Unteren Brücke Klein-Venedig. Erfahreneren Besuchern empfehle ich die Gärtnerstadt - aber nur, wenn sie gut vorbereitet sind, ins Gärtner- und Häckermuseum gehen, den Flyer zur Gärtnerstadt studieren. Dann genießen sie das, denn wir haben hier etwas ganz Besonderes.

Und welchen Tipp geben Sie den Einheimischen?

Auch viele Bamberger sollten wirklich mal ins Gärtner- und Häckermuseum gehen. Und vielleicht auch mal 'ne Stadtführung mitmachen. Ich hab auch oft Gäste aus Bamberg und dem Landkreis dabei. Das finde ich immer toll.

Das Interview führte Stefan Fößel.

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