Bamberg
Reportage

Der Gegenpol zum Bamberger Welterbe

Mit verbundenen Augen irgendwo im Stadtgebiet ausgesetzt: Tauschreporter Frank Jung fahndet aus Richtung Osten nach dem Weg in Bambergs Innenstadt.
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Lost in Bamberg: Von der AEO suchte Tauschreporter Frank Jung den Weg in die Innenstadt - und staunte dabei über eine hohe Papierkorb-Dichte und das Warnschild vor Geister-Radlern. Foto: Jann Weckel
Lost in Bamberg: Von der AEO suchte Tauschreporter Frank Jung den Weg in die Innenstadt - und staunte dabei über eine hohe Papierkorb-Dichte und das Warnschild vor Geister-Radlern. Foto: Jann Weckel
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Das erste, was ich sehe, sind Schlagbäume, und das ist gut so: Sie verdeutlichen mir schon mal, in welcher Richtung es nicht ins Zentrum gehen kann. Eine kleine Seitenstraße mit dem Schild "Anlieger frei" scheidet ebenfalls aus - zu abseitig.

An der nächsten Einmündung finde ich nicht nur den großen Wegweiser interessant, der mich darüber aufklärt, dass es sich bei dem Sperrgelände um die "Ankunfts- und Rückführungseinrichtung" handelt. Noch aufschlussreicher ist für mich ein kleines gelbes Schild in Pfeilform mit Fahrrad-Symbol. Denn das zeigt an: zur Innenstadt nach rechts.
Es geht an der Pödeldorfer Straße entlang. Eine Info-Tafel mit Stadtplan in Höhe Stadion ignoriere ich, es wäre zu sehr Schummelei.


Rat zum Bus

Lieber frage ich an der nächsten Bushaltestelle zwei Herrschaften im Rentenalter, wie weit es denn zu Fuß in die Innenstadt ist. So 20 Minuten, lautet die Antwort, ergänzt um den Hinweis: Aber der Bus komme doch gleich, er sei schon zu sehen. Ob ich kein Geld für eine Fahrkarte habe, erkundigt sich einer meiner zwei Gesprächspartner. Ich höre zwischen den Zeilen schon fast seine Bereitschaft heraus, mir ein Ticket auszugeben. Da fühle ich mich genötigt, zu erklären, warum ich zwingend zu Fuß gehen muss. Dass ich Tauschreporter beim Fränkischen Tag bin, kann ich gerade noch loswerden. Bevor sich ein richtiges Gespräch daraus ergibt, kommt leider der Bus vorgefahren.

Aber gut, meine Haupt-Information, auf welche Distanz ich mich einstellen muss, habe ich erhalten. Die Starkenfeldstraße geht es immer geradeaus. Die Redaktion scheint mir mit der Auswahl meiner Route nachdrücklich vermitteln zu wollen: Auch eine Welterbestadt besteht nicht nur aus architektonischen Kleinoden. Sie hat auch das ganze Gegenteil zu bieten, denke ich mit jedem Schritt mehr. Hochspannungsleitungen mitten zwischen Wohn- und Geschäftshäusern.

Hochhaus-Tristesse, atmosphärisch kaum prickelndere Gewerbe-Zweckbauten mit dem Gepräge von Schachteln, dazwischen die autobahnähnliche vierspurige, schnurgerade Erschließungsstraße: Es ist die größtmögliche Abwesenheit von Franken-Idylle. Der Werbe-Slogan der Bank im Malerviertel, "Entdecken ist einfach", ist nicht so recht für diese Eintönigkeit gemacht. Keine Menschenseele begegnet einem auf dieser Schaumeile der 70er-Jahre-Stadtplanung. Geländer und Mauern, im Fall der Polizei gleich doppelt, schirmen Grundstücke und Bauten vom Bürgersteig ab.


Papierkörbe und Geisterradler

Bemerkenswert in der Monotonie ist eigentlich nur zweierlei: eine zur niedrigen Fußgängerzahl disproportional hohe Dichte von Papierkörben. Und das Gespenster-verzierte Schild "Geisterradler gefährden", das Leute davon abhalten soll, den Radweg auf der falschen Straßenseite zu benutzen. Ich lese es als Hinweis auf eine große Beliebtheit des Transportmittels Fahrrad in Bamberg - und damit auf die Studentenstadt.

Von der Brücke auf der Pfisterstraße dann nochmal ein besonders intensiver Blick auf Beton in Gestalt des Contipark-Parkhauses. In Höhe Gertraudenstraße macht sich schließlich Erleichterung breit: zur Abwechslung mal die erste Biegung auf der Strecke seit Menschengedenken. Die Marienbrücke führt einem zwischen sattem Grün erstmals irgendwelche Zinnen vor Augen und eine Ahnung, dass die Mauern dieser Stadt doch irgendwo Baukultur beherbergen.

Gerade voraus schon das große Rondell im Blick, habe ich erstmals das Gefühl, dass ich allein nicht weiter weiß und nach dem weiteren Weg zu meinem Ziel, der Lokalredaktion des Fränkischen Tags, fragen muss. Doch als ich den Platz erreiche, sehe ich dann schon linkerhand, dass hier die Augustenstraße abzweigt und das Gebäude mit den Redaktionsräumen schräg gegenübersteht. Das mit den 20 Minuten kommt so halbwegs hin. Nächstes Mal ziehe ich für den größeren Teil der Strecke doch den Bus vor - und spaziere lieber umso länger zu Fuß durch die älteren Viertel der Stadt.


Zur Aktion Reportertausch

Der #ReporterTausch2018 ist eine Aktion des Bundesverbands Deutscher Zeitungsverleger (BDZV). Vom 14. bis 20. Mai 2018 tauschen Medienhäuser für fünf Tage ihre Reporter. Die Teilnehmer kommen in Lokalredaktionen in einer fremden Region zum Einsatz. An der Aktion nehmen 55 Redakteure von 29 Zeitungen aus ganz Deutschland teil.

In die FT-Lokalredaktion Bamberg hat es Sarah Biere (Rheinische Post Düsseldorf), Sabrina Bauer (Generalanzeiger Bonn) und Frank Jung (Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag) verschlagen. Dafür schreiben nun Sabine Christofzik für die Heidenheimer Zeitung und Anette Schreiber für den Patrioten in Lippstadt.
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