Bamberg
Instagram

Der Fuchs im Fußballstadion

Den Teddy in den Urlaub mitnehmen und vor Sehenswürdigkeiten fotografieren. Schwachsinn! Oder doch nicht?
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Ferdinand Thaddäus Bamberg aka ferdl_the_fox hält sich in Zukunft mit dem Posten etwas zurück. Aber ganz von der Bildfläche wird er nicht verschwinden. Foto: Matthias Hoch
Ferdinand Thaddäus Bamberg aka ferdl_the_fox hält sich in Zukunft mit dem Posten etwas zurück. Aber ganz von der Bildfläche wird er nicht verschwinden. Foto: Matthias Hoch
Wer über eine "Rasenpizza" stolpert, hat das Recht, verblüfft zu sein. Auch, wenn er schon seit einiger Zeit auf Instagram unterwegs ist. Dort, wo manche Nutzernamen zum Teil so abgedreht und unverständlich sind, dass man am liebsten noch ein paar Fragezeichen anhängen möchte.

Da war Georgie, das Schaf. Unverkennbar aus der Plüschtierschmiede der Firma N. aus Altenkunstadt stammend. "Rasenpizza" eben. Keine Ahnung, auf welchem Weg ich auf diesen reiselustigen Burschen gestoßen bin. Beim Stöbern tauchte er einfach auf. Und mit ihm die Idee.

Reichlich daneben

Was für ein hanebüchener Unsinn. Stofftiere mit in den Urlaub nehmen und vor Sehenswürdigkeiten fotografieren.
Als das vor einigen Jahren in Mode kam (mittlerweile kann man seinen Teddy bei darauf spezialisierten Agenturen auch allein auf Reisen schicken), fand ich's reichlich daneben.

Aber soll man über etwas urteilen, das man nicht wenigstens mal ausprobiert hat? Also begleitete mich, für eine Facebook-Seite, "Ferdinand Thaddäus Bamberger" durch Europas Großstädte. Mit Verlaub, es ist ein Schmarrn. Aber einer, der Spaß macht.

Bei Instagram (einer Plattform im Internet, auf der die Nutzer ausschließlich Fotos und Videos zeigen) habe ich mit einem privaten Profil angefangen, um ein Gefühl für die Sache zu kriegen, die Mechanismen zu durchschauen - und dann die Seite ft_bamberg aufgebaut.

Fotos gibt's genug

Wer auf zwei Seiten aktiv ist, schafft auch eine dritte. Und Ferdl-Fotos sind genug da. Deshalb hat jetzt der Fuchs jetzt eine eigene: ferdl_the_fox. Mit-Stofftieren-spielen-2.0 ist das gewissermaßen. Für die FT-Spiele- und Rätselwochen.

Auf welch saftige Weide Georgie uns da geführt hat, das war eine Riesen-Überraschung. Kaum zu glauben, aber die Reisetierchen-Szene auf Instagram ist gigantisch. Und wer dort seine Plüschlieblinge nicht mit auf Tour nimmt, arrangiert zu Hause mehr oder weniger phantasievolle Szenen mit ihnen, hält sie im Bild fest, stellt sie ins Netz - und hofft auf Anerkennung.

Suchtpotenzial

Lässt man sich davon mitreißen, starrt man alle paar Minuten aufs Handy in der Hoffnung, dass jemandem das jüngst gepostete Bild gefällt, oder - noch besser - ein neuer Abonnent dazugekommen ist. Suchtpotenzial? Zeitverschwendung!

Einen Vorteil hat das Ganze trotzdem: Man muss sein Englisch aufpolieren. Auf Instagram ist man besser in dieser Weltsprache unterwegs.

Die Bilder müssen etwas transportieren, wenn sie erfolgreich sein sollen. Am besten Emotionen. Da ist es egal, wenn der Text dazu aus japanischen, koreanischen oder kyrillischen Schriftzeichen besteht.

Zehn Tage haben gereicht, um den Ferdl zu positionieren. Am Anfang muss man kontinuierlich dranbleiben - und bedenken, dass bei den Abonnenten auf der anderen Seite der Weltkugel gerade eine andere Tageszeit ist.

Wie ticken die anderen?

Profilen folgen und von ihnen gefolgt werden. Darum geht es. Zu Beginn allerdings bewegt man sich immer in den gleichen Kreisen, stößt überall auf die gleichen Namen. Und muss erstmal herausfinden, wie die anderen ticken.

So mancher Teddy trägt die Nase so weit oben, dass er nur anderen Bären folgt und einen Fuchs ignoriert. Sollen sie. Sollen sie doch! Die Auswahl ist überwältigend. Ein Blick in die Abonnentenliste fast jedes neuen Followers eröffnet auf einen Schlag einige Dutzend neue Möglichkeiten.

Es hat nur eine Woche und einen Tag gedauert und die ersten 100 Fans waren "gesammelt". Jetzt kommen sie von allein. Der Jagdtrieb ist erloschen.

Erstmal bekannt werden. Darauf kommt es an. "Gefällt mirs" auch unter Bildern zu hinterlassen, die nicht so stark gefragt sind. Bei den ersten zehn Likes werden die Profilnamen angezeigt - Anreiz für andere, zu schauen, wer sich dahinter verbirgt. Ab elf wird nur noch in Ziffern weitergezählt.

Bei populären Fotos also möglichst frühzeitig aufs Herzchen-Symbol tippen - oder ganz spät. Bei einem Bild, das innerhalb weniger Stunden auf 200 oder 300 Gefallensbekundungen kommt, werden dem Seitenbetreiber nicht mehr alle Likes einzeln angezeigt. Warten, bis sich der Sturm gelegt hat, ist deshalb auch eine Taktik.

Um in der Masse nicht unterzugehen, behelfen sich nicht wenige mit Kommentaren. Ob er auf dieser Schiene fahren will, muss jeder selbst wissen. Unter Bildern, die Essen zeigen, einfach nur "Yummy" oder "Mmmmhm" hinterlassen ... dem Ferdl ist das zu billig.

Drei Seiten, drei Ziele

Für mejnen privaten Account gewichte ich anders. Dort möchte ich Klasse statt Masse haben. Selfies und den Inhalt ganzer Familienalben von Wildfremden muss ich mir nicht antun. Bei Freunden und Kollegen dagegen interessiert's mich.

Und für die Seite ft_ bamberg zählen wieder andere Dinge. Hier gilt es, vor allem auch Leute aus der Region zu erreichen.

Die Plüschtier-Fangemeinde postet nach eigenen Gesetzen. Und mit der Zeit wird klar, dass Einige mehrere Seiten betreiben. Bisweilen hat man recht schnell das IG-Profil des Menschen entdeckt, der dahinter steckt.

Einige "Tierchen" beziehen ihre Besitzer mit ein. Auf den Fotos und in den Erläuterungen. Von "Mummy und Daddy" ist dann die Rede oder von "my owner Lisa". Der Fuchs aus Franken dagegen würde nur äußerst widerwillig zugeben, dass er seine Flugtickets und Hotelrechnungen nicht selbst bezahlt.

Nicht jeder hat gute Ideen

Einigen Seiten sieht man an, dass sie von Kindern oder Jugendlichen gemacht sind. Und das sind nicht immer die schlechtesten. Für die Inhalte der meisten jedoch sorgen Erwachsene. Das Spektrum reicht von lieb- und einfallslosen Knipsereien bis zu genialen Ideen und perfekter fotografischer Umsetzung.

Auf manchen Seiten möchte man sich jedes Bild anschauen und jeden Text lesen. Wenn genug Zeit wäre. Das ist der Knackpunkt. Instagram (wenn man es ordentlich machen will) frisst Zeit. Wer hat die?

Wer hat Muße, innerhalb von zwei Stunden 15 Bilder "rauszuhauen" und meine Liste der ankommenden Fotos so zu verstopfen, dass ich kaum noch sehe, was die anderen "Freunde" schicken?

Das macht mich grantig und ich bin versucht, nennen wir sie "xy" als Abonnentin den Laufpass zu geben.
Anderntags findet sich in einer erneuten Flut von "xy"-Fotos eine Aufnahme, die ein von Krankheit gezeichnetes Menschlein zeigt, das die Welt wissen lässt, mit den nachwachsenden (immer noch sehr schütteren) Haaren endlich mal wieder beim Friseur gewesen zu sein ...

Haben die alle zu viel Zeit?

Bunte Bilder zeigen ist also etwas für die Einsamen, Vernachlässigten, nach Anerkennung Hungernden, die zu viel Zeit haben?

Mitnichten. Instragram ist ein soziales Netzwerk wie viele andere. Und wird von Nutzern mit den unterschiedlichsten Absichten am Leben gehalten.

Und dass man etwas beunruhigt ist, wenn in einer Abonnentenliste auffällig viele stehen, die den Wortbestandteil "suicide" oder "suicidal" im Nutzernamen haben und derjenige seit Monaten nichts mehr gepostet hat, zeigt, dass man bei aller Anonymität im Netz doch über diese Person nachdenkt.

Denn die Tierchen-Profile werden nun mal - im Gegensatz zu manchen anderen Instagram-Seiten, bei denen "Roboter" das liken übernehmen - von Menschen für Menschen gemacht.



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