Bamberg
Traumatisierung

Erzbistum Bamberg: Priester verging sich an zahlreichen Jungen - ein Betroffener erzählt

Der langjährige Leiter der katholischen Jugendorganisation MC Bamberg hat sich offenbar an zahlreichen jungen Männern vergangen. Ein Betroffener erzählt.
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Es ist kaum vorstellbar, dass K.'s Neigung den Kirchoberen der Zeit verborgen blieb. Aber der Priester war renommiert, und somit wurde nicht eingegriffen. Symbolfoto: charnsitr/fotolia.com
Es ist kaum vorstellbar, dass K.'s Neigung den Kirchoberen der Zeit verborgen blieb. Aber der Priester war renommiert, und somit wurde nicht eingegriffen. Symbolfoto: charnsitr/fotolia.com

Der katholische Jugendverband MC: Das war für viele Jugendliche von der Nachkriegszeit bis in die 90er Jahre eine attraktive Gemeinschaft. Pfarrer Thomas (Name geändert), in den 70er-Jahren MC-Mitglied und Schüler am KHG, erinnert sich: "Die K.-MC hatte im Aufseesianum ganz viele Dinge, die für uns reizvoll waren: Sportplätze, Freibad, Hallenbad ... Die waren großzügig ausgestattet." Im Sommer kamen die Freizeiten in Südtirol hinzu.

Die Geschichte von Pfarrer Thomas kann als beispielhaft gelten, weil vielen Jungen dasselbe geschah wie ihm. Und gleichzeitig ist sie besonders. Denn Thomas hat sich der Organisation des Täters angeschlossen - im selben Erzbistum. Nach Abitur und Studium wurden er und Karl-Theodor K. Arbeitskollegen.

Gegenüber Kindern übergriffig

Von K. heißt es, er sei gegenüber einer großen Zahl an Kindern übergriffig geworden. Wenn seine Schüler nach dem Sport in die Gemeinschaftsdusche gingen, war der Religionslehrer mit dabei - nackt. Dann untersuchte er die Genitalien der Jungen. Davon berichtet nicht nur Pfarrer Thomas. Unter einem Facebook-Post von Ralph Kloos zum Thema melden sich weitere Betroffene und teilen ihre Geschichten. K. scharte damals die Jugendlichen um sich. Er sei eine charismatische Führungspersönlichkeit gewesen, hochintelligent, stark im Dialog, gebildet über seinen Bereich hinaus.

Ralph Kloos selbst kann im Gegensatz zu Thomas die Vorgänge bei der Sommerfreizeit nahe Bozen schildern. Es fanden Einzeluntersuchungen statt: "Ich weiß, als wäre es gestern gewesen, wie es ist, wenn einem der Pfarrer zwischen den Beinen herumlangt und einen dabei anschaut, dass man weiß: Hier stimmt etwas nicht." Kloos erzählte seinen Eltern von den Vorfällen, die verboten ihm die Veranstaltungen der MC.

Viele sprachen nur untereinander über die Vorfälle

Das ist der Schritt, glaubt Pfarrer Thomas, der Kloos von vielen der Betroffenen unterscheidet. Die meisten Schüler sprachen höchsten untereinander über die Vorfälle, wenn überhaupt. Den Eltern von K.'s Fummeleien zu erzählen, hätte bedeutet, auf die Vorzüge der MC verzichten zu müssen. Thomas: "Im Rückblick sage ich, es war eine Spielregel des Verbands: Wir sind ein bisschen elitär, wir erzählen nicht alles weiter, dir geht's doch gut bei uns ..."

Sicher habe es auch Eltern gegeben, denen die Vorgänge in der MC bekannt waren. Nur in die Öffentlichkeit wollte man damit lieber nicht. Es ist kaum vorstellbar, dass K.'s Neigung den Kirchoberen der Zeit verborgen blieb. Aber der Priester war renommiert, daran änderten auch seine "Eigenheiten" nichts.

Viele potenzielle Opfer

Mit zwei Unterbrechungen war K. Präses der MC von Clavius, Eichendorff, Kaiser-Heinrich und Dientzenhofer-Gymnasium, insgesamt 27 Jahre lang. Das heißt nichts anderes, als dass der Mann Zugang zu vielen Hunderten potenziellen Opfern seiner Untersuchungen hatte.

Später schrieb K. das Gutachten, auf dessen Basis Thomas selbst Priester werden konnte. Er war bei seiner Weihe anwesend. "Ich wusste es, und er wusste es natürlich auch. Aber es hat mich zu der Zeit nicht belastet", sagt Thomas. Er besuchte auch den Trauergottesdienst für K. Anfang 2007. Was geschehen war, war lange her und kam erst dann wieder hoch, als drei Jahre später die Missbrauchsvorwürfe gegen Otto Münkemer publik wurden.

Thomas erstattete, wie Kloos bereits 2008, Anzeige gegen K.. Die Verfahren wurden mit Hinweis auf das Ableben des Beschuldigten eingestellt. Für Thomas ist es dennoch wichtig, dass der Fall aufgearbeitet und dokumentiert wird. Denn was ihm 40 Jahre Ruhe ließ, macht ihn heute krank. Er befindet sich in therapeutischer Behandlung, nimmt Antidepressiva. Aus psychologischer Sicht ist eine solche Retraumatisierung nicht untypisch. Das Erzbistum teilt auf Anfrage mit, der Missbrauchsbeauftragten Eva Hastenteufel-Knörr lägen - Stand heute - sieben Meldungen zur Person K. vor. Pfarrer Thomas ist enttäuscht, dass viele Weggefährten von damals lieber schweigen. Daran seien auch Freundschaften zerbrochen. Gerade er, der Geistliche, spürt die Notwendigkeit, dass die katholische Kirche, seine spirituelle Heimat, ihre Geschichte restlos aufarbeitet.

Eine hohe Dunkelziffer

Das Schweigen der anderen heißt auch, dass die Ergebnisse der Studie zum Missbrauch immer um eine hohe Dunkelziffer ergänzt werden müssen. Von 88 Fällen im ganzen Erzbistum war da die Rede.

Dass Thomas selbst Pfarrer geworden ist, hat mit der Person K. nichts zu tun. In seiner Schilderung erscheint die 70er-Jahre-MC als hermetische Gemeinschaft mit kultischen Zügen. Seine Heimatgemeinde beschreibt er dagegen als "Ort der Freiheit und der Freude". Dieses Bild will er sich bewahren, aber: Thomas kann nicht mehr von Einzelfällen sprechen und nicht davon, dass der Klerus ein Spiegel der ganzen Gesellschaft sei.

"Uns ist bis jetzt immer gesagt worden, die Pfarrer sind nicht schlimmer als andere. Das ist jetzt geplatzt. Das tritt gehäuft bei Priestern auf, und das hat sicher auch strukturelle Gründe." Die Zahl der Opfer könne aus seiner Sicht nie auf null gesenkt werden. Man müsse genauer hinschauen, bevor einer geweiht wird. Und man müsse die Ausbildung anders gestalten, so dass sie weniger zur Vereinzelung der jungen Anwärter führe.

2004 feierte Karl-Theodor K. sein Jubiläum "65 Jahre Priester". In der Pressemeldung dazu heißt es: "Hunderte von Jugendlichen begleitete der inzwischen 92-Jährige in ihrem Entwicklungsprozess." Das Erzbistum Bamberg wird sich damit auseinandersetzen müssen, was es für die Jugendlichen bedeutete, ausgerechnet von diesem Mann "begleitet" zu werden.

50 Präventionsveranstaltungen

Um Fälle wie den von K. in Zukunft verhindern zu können, gilt in Bamberg die "Rahmenordnung für die Prävention gegen sexualisierte Gewalt" der Deutschen Bischofskonferenz. "Jährlich finden etwa 50 Präventionsveranstaltungen statt, um Mitarbeitende über sexualisierte Gewalt zu informieren und zu befähigen, sexualisierte Gewalt aufzudecken oder sogar zu verhindern", sagt Sprecher Harry Luck. Auch die Angestellten der J-GCL (Jugendverbände der Gemeinschaft Christlichen Lebens), in denen die MC nach der Ära K. aufging, nehmen an Fortbildungen teil. "Grundsätzlich gilt:", sagt Luck, "Prävention ist ein dauerhafter Prozess."

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